Advent, Advent, ein Wichtlein brennt

Regina Schleheck
20.02.2018
 
Advent, Advent, ein Wichtlein brennt
Vater konnte sie vor allem deshalb nicht leiden, weil er nicht weggucken konnte. Aus dem Wohnzimmer, aus dem Schlafzimmer, selbst vom Klo aus sah er sie. Jedenfalls wenn er im Stehen – Sie wissen schon, was ich meine. Im Nachbargarten. Willys Garten. Willy ist ein prima Kerl, sagt Vater. Eigentlich. Immer eine Bohrmaschine oder Fräse zur Hand, wenn Vater mal wieder an unserem Haus verzweifelt. Also eigentlich immer. Unser Haus hat Opas Opa aus irgendwelchem Schutt zusammengestoppelt, wie fast alle Häuser bei uns in der Siedlung entstanden sind. Auch Willys. Nur hat Willy im Gegensatz zu Vater zwei rechte Hände und sämtliche Werkzeuge, die man im Leben so braucht, und ist auch super hilfsbereit. Aber er hat eben keinen Geschmack. Deshalb schnitzt er in seiner Freizeit diese Figuren und malt sie an. Und das kann er so gut, dass alle Welt ihm die abkaufen will und er immer neue schnitzt, mit denen er natürlich auch seinen Garten bevölkert hat, weshalb mein Vater mittlerweile nur noch im Sitzen – Sie wissen schon.
Im Garten hat Vater eine Hecke gepflanzt, die den Anblick gnädig verwuchern sollte. Der Maschendrahtzaun reichte nicht. Aber so eine Hecke braucht. Verdammt lange. Jericho wär' auch nicht an einem Tag erbaut worden, sagt Vater. Ich glaub ja, da verwechselt er was.
Sagte ich schon, dass ich sie mag? Und daran ist eigentlich wieder mein Vater schuld. Für mich ist er einfach der Größte. Daher sympathisiere ich mit Kleinwüchsigen. Mein Vater ist in echt halt auch nicht sonderlich groß. Als meine Mutter ihn kennen lernte, hat er wohl grade gesessen. Hinterm Schreibtisch. Er war nämlich ihr Chef. Ein Sitzriese. Gleich zwei gute Gründe, dass sie sich verliebt hat. Als Vater ist er auf jeden Fall der Größte. Zu Nikolaus zieht er sich immer den roten Bademantel mit Kapuze über, klopft von außen an die Haustür, und Mutter sagt: „Oh Gott, wenn das mal nicht der Nikolaus ist!“ Und er ist's tatsächlich. Er liest mir dann immer aus Mutters Klagebuch vor, was ich so alles an Blödsinn gemacht hab das ganze Jahr, und ich sag: „Ja, stimmt!“, und er: „Okay, und was wünschst du dir nun zu Weihnachten?“, und dann darf ich alles sagen, was ich will, und manchmal geht auch was in Erfüllung.
Ich hatte ziemlich schnell spitz, dass er es ist. Deswegen hab ich ihm irgendwann die Gegenfrage gestellt: „Und was wünschst du dir?“
Er kam ins Grübeln. Sagte schließlich: „Es sollte keine Zwerge geben.“
Na, und das hab ich schon ernst genommen.
Ich hab zu Weihnachten einen Benzinkanister gekauft und sie damit übergossen und angezündet. Am Heiligabend, als Willy in der Kirche war. Vierundzwanzig Fackeln im Nachbargarten. Dann bin ich ins Haus zurückgeschlichen und hab meinen Vater ans Wohnzimmerfenster geholt. „Guck“, hab ich zu ihm gesagt, „dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen!“
Vater stand wie vom Donner gerührt. Er war dann aber kein bisschen glücklich, sondern ist in den Garten gerannt und hat den Schlauch aus dem Keller geholt und ihn aufgewickelt und angeschlossen und aufgedreht, und dann hat er erst gemerkt, dass er den Zulauf ja noch aufdrehen musste, weil er den im Winter natürlich immer abdreht, damit die Rohre nicht einfrieren und platzen, und als er ihn schließlich aufgedreht hatte, ist der Schlauch erst mal wild spritzend durch den Garten gesprungen, aber Vater hat sich heldenhaft auf ihn gestürzt, ihn gepackt, ihn durch den Maschendrahtzaun auf die brennenden Wichte gehalten und hat einen nach dem anderen gelöscht. Als er fertig war, kam Willy gerade zurück. Vater stand da, pladdernass, den Schlauch in der Hand, die Spritzpistole wies anklagend in Richtung der verkohlten Gartenzwerge, die in dem Moment eher kleinen Räuchermännchen glichen.
Willy ist wirklich ein prima Kerl. Er schnitzt zwar gelegentlich noch Gartenzwerge, aber nur auf Bestellung. Sie werden immer noch angefragt, aber die Zahlen sind rückläufig. Stattdessen hat er mit mir ein neues Produkt entwickelt: Wichtel mit roten Mänteln, braunem Sack über der Schulter und roter Zipfelmütze. Aus Stearin. Oben aus der Mützenspitze ragt ein Docht. Die Kunden sind Feuer und Flamme. Aber der glühendste Verehrer unserer Weihnachtswichtel ist – mein Vater.
 
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