Alles ist perfekt

Anita Hetzenauer
20.12.2013
 
Alles ist perfekt
Butterblumengelb klebt die Sonne am Himmel. Zwei kleine weiße Wattewölkchen, die aus einer Waschmittelwerbung ausgeliehen sind, baumeln gleich daneben. Sie langweilen sich, natürlich. Schließlich sind sie nur aus dekorativen Zwecken genau dort oben angebunden. Viel lieber würden sie sich über dem Ozean tummeln und sich zu dicken fetten Gewitterwolken aufplustern. Doch ihnen wurde heute Morgen die undankbare Aufgabe zugeteilt, ein bisschen heile Welt zu spielen. Ein Sonntag braucht, um zu einem Bilderbuchsonntag zu werden, unbedingt Sonnenschein und ein paar einzelne kleine Wölkchen, damit alle zufrieden sind. Die Pessimisten können sich ihretwegen beunruhigen und sicher sein, dass es sicher noch regnen wird, während die Optimisten sich freuen, dass nur mehr einzelne kleine Wolkenreste da sind, die sicher auch bald weg sein werden. Verpufft am Horizont oder in die Fotoapparate hineingesaugt, die diejenigen in der Hand halten, die nicht recht wissen, ob kleine Wolken am Himmel gut oder schlecht sind und vorsichtshalber fotografieren, was sich eventuell zu einem verheerenden Gewitter, einer Jahrhundertkatastrophe auswachsen wird, um für die Zeitung ein brandaktuelles Foto parat zu haben, oder andernfalls eine süße kleine Wolke an Ansichtskartenproduzenten zu verkaufen. Bilderbuchsonntage brauchen unbedingt ein kleines Mädchen in Sommerkleidchen und Strohhut. Blonde Löckchen sind natürlich Grundausstattung. Hier sehen wir es schon in einem Park sitzen. Zwischen netten kleinen Blümchen, versteht sich. Es sitzt am Boden, ganz vertieft spielt es. Schon sehen wir das kleine Mädchen als liebevolle Puppenmami, wie es ganz in seine Arbeit vertieft einen Kranz aus Gänseblümchen bindet. Doch hier bekommt unsere Bilderbuchidylle einen Kratzer. Das Mädchen ist da. Es spielt, doch die Puppe fehlt. Die Gänseblümchen auch. Vor dem Mädchen liegt etwas Braunes. Kunstvoll aufgetürmt, und doch nur Mist. Ein großer Haufen Hundedreck. So groß wie ein kleiner Dackel. Sicher von einem Bernhardiner. Die kleinere der beiden Wolken gähnt, als sie das bemerkt. Sie verschiebt sich fast unmerklich ein kleines Stückchen in Richtung Meer.
Das kleine Mädchen beäugt den Haufen vor sich. Besieht ihn von allen Seiten. Der Saum des Blumenkleides streift am Untersuchungsobjekt. Ein klein wenig Haufen geht mit dem Kleiderstoff eine Symbiose ein. Das Mädchen bemerkt es nicht. Auch scheint es den Geruch nicht zu bemerken, den der braune Berg verströmt. Vorsichtig bohrt ein winziger Fingernagel mit roten Lackresten ein kleines Loch in den Berg. Nichts rührt sich. Nur der Gestank wird ein bisschen penetranter. Das lackierte Fingerchen wird mutiger. Ein tiefes Loch wird gebohrt. Gleich daneben noch eines und noch eines. Der ganze Berg ist durchlöchert. Das Mädchen ist fertig. Stolz hebt es den Kopf und ruft, so laut es ihr schrilles Stimmchen zulässt: „Mami, Mami, schau!“ Schon zum zweiten Mal bekommt die Sonntagsidylle einen Kratzer. Die zweite Wolke wird ein bisschen länger, damit nicht auffällt, dass ihr anderes Ende schon zu weit von dem ihr zugeteilten Platz entfernt ist.
Mami kommt nicht. Sie sitzt gut auf ihrer Bank. In butterblumengelben Sonnenschein gehüllt und von obligatorischem Vogelgezwitscher betäubt, kommandiert sie lediglich das Töchterchen her, weil es Zeit ist für eine kleine Zwischenmahlzeit. Das Töchterchen kommt sofort gehorsam angerannt. Ein Zeichen, doch wieder ein paar Meter näher zu rücken für die, die sich am Himmel langweilen. Sie haben gerade noch Zeit, eine Wette abzuschließen, ob die Mutter von ihrem Buch aufschauen wird, wenn das Mädchen zu ihr kommt oder ob sie riecht, womit das liebe Kind gespielt hat. Die langgequetschte Wolke gewinnt. Vor Freude verwandelt sie sich für einen Augenblick in einen Smiley, als das Mädchen zur Bank läuft, den bereitliegenden Apfel unbemerkt in die Hand mit den Lackresten und den Resten vom braunen Berg nimmt und im Weglaufen, auf der Suche nach einem neuen Spielzeug, herzhaft hineinbeißt. „Wie schön. Was gibt es Schöneres. Alles ist perfekt, wie im Bilderbuch“, denkt inzwischen die Mutter, ohne von ihrem Buch, natürlich einem Liebesroman, aufzuschauen.

 
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