Alpenblick

Henrik Failmezger
27.02.2019
 
Alpenblick
“Ist das ein Adler?” Der Junge stand auf der Terrasse des Hotels, hatte den halben Oberkörper über das Geländer gelehnt und machte Stielaugen mit seinem Fernglas.
“Ein Bartgeier”, sagte Professor Nestor.
Der Junge hielt Professor Nestor das Fernglas hin, der wedelte mit der Hand durch die Luft: “Das sehe auf einen Blick. Ornithologie ist eine simple Wissenschaft, wie viele Vogelarten gibt es schon. 10 000? Lächerlich! Im Vergleich zu 6 Millionen Insekten.”
“Jetzt geht es gleich los, wenn er anfängt über Insekten zu reden, hört er nicht mehr auf.” Frau Nestor beugte sich zu Frau Weide, ihrer Nebensitzerin, die bis jetzt fasziniert gewesen war, weil sie noch nie mit einem Professor am selben Tisch gesessen hatte.
“Darum sind wir in die Berge gefahren. Ich ertrage das Meer nicht mehr. Das Geräusch der Brandung erinnert mich an sein Gefasel.”
Frau Nestor nippte an ihrem Kaffee, in den sie unter dem Tisch einen halben Flachmann Cognac geleert hatte - in der Hinsicht war sie die reinste Taschenspielerin - und blickte auf die Berge, unten Wald, dann Wiesen, oben Geröll und Schnee.
“Gegen das Gerede hilft nur Zen-Meditation oder wie es auf Deutsch heißt: zum einen Ohr rein, zum anderen raus.”
Der Junge wischte auf seinem Smartphone: “Ich glaube, es ist ein Bussard.”
Professor Nestor wedelte wieder mit der Hand durch die Luft, als wollte er unsichtbare Fliegen verscheuchen. “Ich sage doch, ein Bartgeier.” Der Junge machte ein Selfie, auf dem der Bussard als winziger, schwarzer Punkt auftauchte. Egal, dachte er, ein Pfeil auf den Punkt, Adler darunter geschrieben, das kommt dann ironisch. Der Junge hatte fünfzehn Follower bei Instagram, fünf davon hatte er mit Geld bestechen müssen. Aber immer noch besser als bei dem Klassenkameraden. Der hatte mit seinen hundert Followern angegeben, bis herausgekommen war, dass 90 davon aus der südlichen Mongolei stammten. Seitdem war der Klassenkamerad sowohl online als auch offline sozial erledigt. Und dem russischen Anbieter mit Kontakten in die südliche Mongolei schuldete er immer noch Geld.

“Letztes Jahr bin ich mit ihm extra in ein Schweigekloster gegangen.” Frau Nestor hüstelte von dem Cognac. Sie liebte das, Cognac am Morgen und der Tag bekam Farben wie ein Film aus den 1970ern.
“Und wissen sie, was er gemacht hat? Die Käfer aus der Vorratskammer untersucht. Er hat behauptet, das wäre eine seltene Art, die nur an der Ostküste Amerikas vorkäme. Er wollte natürlich einen Fachartikel darüber verfassen, aber die Nonnen haben ganz schnell abgewiegelt. Quasi den Mantel des Schweigens darüber gebreitet.”
“Ein Schweigekloster?”
“Schlimm”, sagte Frau Nestor, “sie hätten mal sehen sollen, wie die Nonnen mich angeschaut haben, als ich mir die Nägel lackiert habe. So viele verschiedene Gesichtsausdrücke für Verachtung habe ich noch nie gesehen. Und der Gesichtshaut tut es auch nicht gut, wenn man den ganzen Tag nur durch Stirnrunzeln kommuniziert.”
Ornithologie, eine Wissenschaft für einfach gestrickte Gehirne, dachte Professor Nestor. Und dieser Junge mit dem Fernglas schien auch ein simples Stück Mensch zu sein, das sah man am vergrößerten Überaugenwulst. Einem Menschen mit vergrößertem Torus supraorbitalis darfst du dein Leben nicht anvertrauten, hatte Professor Nestors alter Doktorvater immer gesagt. Jedes Mal, bevor sie ein Taxi bestiegen hatten, hatte er am Schädel des Taxifahrers mit Daumen und Zeigefinger nachgemessen. Mittlerweile ist diese Art der Wissenschaft wohl etwas außer Mode, dachte Professor Nestor. Der Doktorvater war auch über eine kleine Geschichte aus der Vergangenheit gestolpert. Eine Schande, dachte Professor Nestor, er war so ein guter Wissenschaftler gewesen, mit der Arbeit über die Elytren der Rüsselkäfer hatte er ein Meisterwerk geschaffen.
Er blinzelte und starrte auf das Insekt, das auf der weißen Tischdecke gelandet war. Eine Wespe, dachte er, nein eine Schwebfliege. Wie kann es sein, dass ich den Unterschied nicht erkenne. Er lächelte, das war natürlich Blödsinn. Er erkannte den Unterschied nicht, weil das eine völlig neue Art war. Und sowas am Frühstückstisch, dachte er und stülpte schnell das Sektglas über das Insekt. Über die Frage, ob er die neue Art nach sich selbst oder seinem Doktorvater benennen sollte, schlief er ein.

Ich muss mir von ihr die Adresse für das Schweigekloster geben lassen, dachte Frau Weide. Ihr eigener Ehemann sagte quasi gar nichts mehr, seit drei Jahren war er so gut wie verstummt und nur noch zu Bedürfnislauten in der Lage, das Sprachniveau eines Dreijährigen. In einem Schweigekloster könnten wir endlich einen ganz normalen Urlaub verbringen, dachte sie.
Der Kellner näherte sich dem Geländer der Terrasse mit Vorsicht. So sterben sie alle, dachte er, als er dem Jungen dabei zusah, wie der seinen Oberkörper über das Geländer bog und verzweifelt versuchte, auf dem Handydisplay seinen Körper mit dem Berggipfel in eine Linie zu bringen. Der Kellner stammte aus einem südlichen Land, in dem die höchste Erhebung die Kirchturmspitze war. Er verstand nicht, was man an Bergen fand, wo sie einem doch nur den Blick auf das Dahinter verdeckten.
Herr Weide wedelte mit dem Glas, als ob er aus der Luft hinabfallendes Wasser auffangen wollte. Dabei herrschte Sonnenschein. Aber der Kellner verstand und schenkte ihm aus der Karaffe nach.
Als er die Sektgläser abräumte, flog ihm beinahe eine Wespe ins Gesicht.
Herr Nestor schnarchte leise.
Das ist kein Adler, sondern ein Bussard, schrieb jemand unter den Instagram-Post des Jungen.
Frau Nestor schaute ihren schlafenden Ehemann an und empfand ein Gefühl der Wärme. Sie dachte an die Zeiten, als sie es faszinierend gefunden hatte, dass jemand zwei Stunden über die Labialpalpen eines Mistkäfers reden konnte. Man könnte so glücklich sein, dachte sie. Sie blickte über die Hänge, wo die Bergbauern heuten. Das einfache Leben, dachte sie, das wäre etwas gewesen, Berge, gute Luft, Kiefern, und Insekten nur, wenn sie in der Klebefalle hängen. Sie nahm den letzten Schluck ihres Cognackaffees und winkte dem Kellner nach Sekt.
 
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