Am Gipfel des Ozeans

Michaela Schöller
01.09.2012
 
Am Gipfel des Ozeans
Es gibt eine Stelle im meerblauen Ozean, die so tief ist, dass man sie nicht messen kann. Das kommt daher, dass es einen Punkt auf der Welt geben muss, der so tief ist wie die tiefste Traurigkeit der Welt. Denn auch die tiefste Traurigkeit der Welt kann man nicht benennen. Wer von dieser unmessbaren Traurigkeit gefangen gehalten wird, befindet sich gleichzeitig am Grunde des meerblauen Ozeans. Dieser Ort schmeichelt von oben betrachtet in funkelndem Azur, am Grunde des Meers aber ist vom blausten Blau nichts zu sehen. Dort regiert die schwarze ozeanische Nacht, finster und undurchdringbar. In diesen Tiefen musste ich mich über viele Jahre hinweg bewegen, ohne jemals das funkelnde Azur sehen zu dürfen. Nur einmal, nur einmal bin ich aufgetaucht und habe das Nichtvermessbare vergessen. Und das war so.
Meine Freundin hat mich eingeladen mit ihr aufs Vigiljoch zu fahren, ins Vigilius weil es da so schön ist, genau so war das. Ich möchte ehrlicherweise dazu sagen, dass ich mich als Verwachsene der Ebene für die Berge nicht richtig erwärmen kann. Sie sind mir zu hoch und verstellen mir den Blick und bergaufgehen ist mir zu gebirgig. Ich sagte zu, vor allem, um ihr eine Freude zu machen. Sie schaut nämlich so glücklich aus, wenn sie glücklich ausschaut. Aber nur eine Nacht! Das charmante Grün der Bank vor der Seilbahnstation linderte meine Bergphobie mit sofortiger und immerwährender Gültigkeit und ließ mich in die Bahn hineinschmelzen. Und eigenartig. Das Schmelzen hörte nicht auf. Die Gondel trug mich nach oben wie ein Delfin, der mich vom Meeresgrund hinauf ins Azur brachte. Ich stieg aus und vergaß, für einen Tag und eine Nacht und eine Seilbahnfahrt nach unten, dass ich jemand anders war. Für einen Tag und eine Nacht und eine Seilbahnfahrt nach unten war ich:
Eine von zwei netten, dicken Schriftstellerinnen, die sich von einem charmanten Delfin in ihr Zimmer bringen lassen, beide können sich an ihm festhalten und dabei den anderen Gästen zuwinken. Das Schönste am Zimmer ist die Lehmwand und das weißeweiße, weiche Bettzeug und die Farben und der Geruch und der Schritt hinaus ins Gras. Das Schönste am Nichtzimmer ist, wenn man mit einer Freundin im Schwimmbecken den Sprudelknopf drückt und dabei so lacht, dass alle anderen mitlachen müssen, auch wenn sie nicht wollen. So sehr lacht man, dass alle anderen wissen wollen, was denn so lustig sei, aber dann trauen sie sich doch nicht zu fragen. Unser Delfin wartet auf uns vor dem Wellnessbereich und bringt uns in den Raum des Allerbesten. An diesem Ort fühlen sich die zwei netten, dicken Schriftstellerinnen noch wohler als unter dem lachenden Sprudel. Brot wie keines, Erbsensuppe wie keine, Lammfleisch wie keines und über die Nachspeise darf man gar nicht reden, weil sie sonst im Nachhinein nicht mehr auf der Zunge zergeht, so ist sie in uns hineingeschmolzen. So sehr.
Am nächsten Tag war Aber nur eine Nacht! vorüber und ich bedauerte mich sehr. Unser Delfin brachte uns zur Seilbahn und entließ uns ins Tal. Ich war dem Grunde des Meeres entronnen, für die Dauer von einem Tag und einer Nacht. Das erschien mir genauso wundersam wie die Tatsache von den geschmeidigen Bewegungen eines Delfins getragen zu werden. Aber genauso war es. Ich bin schon lange keine Gefangene mehr der tiefsten Traurigkeit der Welt. Wenn ich heute aufs Vigiljoch fahre, dann mit einer Leichtigkeit und einer netten dicken Schriftstellerin an meiner Seite. Manche Dinge ändern sich. Und manche nicht. Wenn das nicht schön ist, dann weiß ich nicht.

 
 
 
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