An Himmels Tor Eine jenseitige Ballade

Herbert Rosendorfer
28.04.1998
 
Man weiß es nicht genau. Die theologische Wissenschaft hat noch keine
verbindliche Meinung erzielt. Auch der Vatikan ist sich offenbar
noch nicht im Klaren über die Frage: Wie sieht das Himmelstor aus?

Zwar herrscht in den zuständigen Gremien die Ansicht vor,
daß es sich um eine prächtige Einrichtung handeln muß, aus Gold jedenfalls,
wohl auch aus Diamanten, vielleicht irgendwie aus sich heraus strahlend, aus
glänzendem Himmelstor-Glanz, wie es auch die Maler (namentlich der Barockzeit)
vielfach dargestellt haben; aber wie gesagt, verbindlich Näheres ist nicht
bekannt oder bekanntgemacht worden.

Auch die Frage, ob tatsächlich Petrus am Himmels-Tor steht (außen?
oder wartet er innen? verfügt er über ein Pförtnerhäuschen, von dem aus ein
Guckloch nach draußen führt?). Keine Frage ist, daß er, so steht es ja
geschrieben, die Schlüssel zum Himmelreich verwahrt. Die Schlüssel? Also
mehrere? Vermutlich hat das Himmelstor also mehrere Schlösser, ist eigentlich
logisch, bei so einer wichtigen Sache. Aber ob wirklich Petrus selber da sitzt?
Wegen jedem, der da heraufschwebt, aufsperrt, wieder zusperrt? Es sind ja
tausende pro Tag, wenn nicht Millionen. Zum Glück nur die Katholiken.

Also vermutlich so, daß es innerhalb eine Empfangshalle gibt,
ein Himmels-Vestibül oder Foyer, in Blau, Weiß und Gold, Cölestischer
Marmor, Glas wohl auch, und hier empfängt Petrus. Nicht alle, da würde er ja
wirklich nicht fertig, empfängt die VIPs, also, sagen wir, vom Monsignore,
Generalmajor, Vorstandsvorsitzenden, Ministerialdirektor aufwärts. Die anderen
werden, je nachdem, vom dazu abkommandierten hl. Meingoz, vom hl. Fidelis von
Sigmaningen, von der hl. Wiltraudis oder anderen untergeordneten Heiligen –
beinahe hätte ich gesagt „abgefertigt“, nein, „empfangen“. Gibt ja genug
Heilige (ob bloß Selige mit so heiklem Dienst betraut werden, scheint fraglich).

„Immer unsereiner“, maulte besagter hl. Meingoz, „glauben Sie,
daß einmal, auch nur einmal derhl. Joseph? oder einer von den Aposteln?
Nie. Haben immer eine Ausrede: Anrufungen, Fürbitten, Konferenzen,
irgendwo wird ihnen grad eine Kirche geweiht, wo sie im Geiste dabeisein
müssen – schon sehr auffällig. Immerausgerechnet an dem Tag, wo sie der
Pförtnerdienst-Turnus träfe. Und die hl. Maria ist überhaupt dispensiert.
Finde ich nicht richtig. So bleibt es an unshängen, denen nie eine Kirche
geweiht wird. Oder kennen Sie eine St. Meingoz Kirche?“

Es trifft jeden Heiligen turnusmäßig vielleicht einmal im Jahr.
Aber auch der fleißigste Heilige schafft nicht alles allein, daher
vermutlich mehrere Himmelstore (und daher mehrere Himmelsschlüssel):
von A bis Crepaz, von Crepaz bis Englisch, von Englit bis Gerhardshofen usw.

*

P. Rufuin Laushammer O.F.M.Cap., verstorben am heutigen 27.
April, selig entschlafen, versehen mit usw. im 84. Lebensjahr. Also Himmelstor
IX Klobocnik bis Lechner. Oder gilt der Vorname, der ja eigentlich als Taufname
heiliger ist als der nur personenstandsrechtlich relevante, ordinär-weltliche
Familienname? Also Tor XVI Rosemarie bis Siegfried? Aber da erhebt sich bei
Ordensleuten sofort die Frage: Klostername – in diesem Fall also Rufuin – oder
Taufname – also, leider, Karl-Heinz? Beim Papst, der ja auch den Vornamen
gewechselt, erhebt sich die Frage nicht, denn wenn der aus den Wolken von unten
her auftaucht, stehen einige Himmlische Heerscharen stramm, und der Chef selber
öffnet das Tor „für besondere Anlässe“.

Es sei dem, wie ihm wolle, P. Rufuin stand noch etwas benommen (die Spritzen,
die man ihm überflüssigerweise noch in die Posteriora gehauen hat) vor dem
zuständigen Tor und wurde vom hl. Datius, der heute hier Dienst tat, empfangen.

Vorauszuschicken ist, daß P. Rufuin als Tiroler Kapuziner einen roten Bart hatte
wie ein etwas zerfressener Bettvorleger und daß er ziemlich dick war.

„So!“ sagte er, warf seinen Rucksack auf den Wolkenboden und rieb sich die Hände.

„Wenn du“, sagte St. Datius milde, „ein wenig Platz nehmen würdest“.

„Wer sind Sie?“ fragte P. Rufuin.

„Bitte nicht so laut“, sagte St. Datius, „wir sind nicht schwerhörig hier. Wer ich bin?
Ich bin Datius, Abt und ehemals Bischof von Mailand. Heilig.“ Er deutete dezent
auf seinen Schein.

„Angenehm. Und der Petrus? Ich habe gedacht …?“

„Nur Ruhe. Und, wie gesagt, nicht so laut.“ St. Datiuslächelte fein,
„Seine Allerheiligste Heiligkeit, Exzellenz Apostelfürst – so bitte,
in Zukunft-Ewigkeit: Man sagt nicht“, er schluckte, „der Petrus … – also seine
Apostelfürstlichkeit bemühen sich nur bei ganz besonderen Gelegenheiten.“

„Wie?! Was?! Da muß ich schon sehr bitten. Ich bin im Ruf der Heiligkeit gestorben!
Was ich gefastet habe in meinem Leben! Sie brauchengar nicht so zu schauen, ich habe
eben trotzdem nicht abgenommen. Veranlagung. Genetisch bedingt. Da sind andere
dafür verantwortlich.“

„Psst – nicht so laut!“

„Gefastet, sage ich Ihnen, daß sich die Balken gebogen haben. Und die Demut.
Bitte sich nur zu erkundigen beim Pater Guardian, und überhaupt, es muß doch
irgendwo hier aufgeschrieben sein, schauen Sie nach in Ihrem Buch: in meiner
letzten Zeit achtzig Rosenkränze am Tag.“

„Einer reicht. Gott ist nicht begriffsstutzig.“

P. Rufuin, besser gesagt, die sogenannte Arme Seele des P. Rufuin erstarrte für einen Moment.
Dann fragte er (sie): „Sind Sie überhaupt katholisch?“

Der hl. Datius drückte in Demut einen Schwall saurer Gedanken, die ihm heraufquollen,
nieder und sagte: „Wir wollen hier nicht über theologische Probleme diskutieren.
Ich habe die Formalien zu erledigen und dich dann den Ewigen Freuden zuzuführen.“
Er ergriff wieder seinen Kugelschreiber und schlug das St. Melderegister auf.

„Und wo bleibt der Schampus?“ fragte P. Rufuin.

„Der was?“

„Auf Erden habe ich in Demut, Armut und Keuschheit gelebt,
aber ab und zu hat man doch sowas erfahren: In jedem ordentlichen Hotel gibt es
zur Begrüßung ein Glas Champagner.“

„Champagner? Für einen Kapuziner? Du sagst doch, daß du in Armut, Keuschheit und …“

„Gelebt habe!“ unterbrach ihn P. Rufuin, „gelebt habe, um mir Schätze im Himmel zu sammeln.
Ich bin doch im Himmel hier? Oder? Und wo sind die Schätze? Ich sehe nichts. Ich trage,
wie Sie sehen, immer noch diese scheißbraune – selva venia – Kutte, und nicht einmal ein
Glas Champagner. Ich habe zwar in meinem wahrhaft bis zum Äußersten asketischen
Erdenleben nie ein Glas Champagner getrunken, weiß also gar nicht, ob er mir schmeckt.
Ich habe den Leib abgetötet! Die Lüste abgetötet! Hören Sie? War gar nicht immer so
einfach. Und immer an die Freuden im Himmel gedacht – und jetzt möchte ich als
Lohn für die Abtötung wenigstens zunächst einmal ein Glas Champagner. Ich will
es gar nicht geschenkt. Sie können es auf das Konto meiner Schätze schreiben,
die ich hier gesammelt habe.“

„Aber, wir haben …“

„Steht im Evangelium“, schrie P. Rufuin, „ ,… sondern sammelt Schätze im Himmel, wo sie
weder Motte noch Rost verzehren.‘ – Matthäus 6,20. Wo sind meine Schätze?
Herr heiliger Bischof, bitte? ‚Und jeder, der sein Haus verläßt, der wird Hundertfältiges
dafür erhalten.‘ Matthäus 19,29. Wo bitte?“

„Das sind Schätze spiritueller Art, mein Sohn, Gnaden-Schätze.“

„Saubere Gnade. Ich will keine Gnade. Ich will das, was ich mir mit meiner Abtötung,
Leibeszüchtigung, Demut, Keuschheit et cetera erworben habe. Verstehstus? Erworben.
Ich brauch gar nichts geschenkt. Und ich will von jetzt an jeden Tag Champagner.
Ob er mir schmeckt oder nicht. Wäre ja noch schöner.“

„Langsam wird die Sache ein Ärgernis“, sagte St. Datius.
„Wenn du meinst, wir hier heroben kennen das Evangelium nicht, täuschst du dich.
‚Ihr sollt in meinem Reich an meinem Tische essen und auf Thronen sitzen und die
zwölf Stämme Israels richten.‘ Lukas 22,30. Von Champagner ist nicht die Rede.“

„ Freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß im Himmel!“ schrie P. Rufuin,
„Matthäus 5,12. Das soll alles sein? Auf einem Thron sitzen? Und irgendwelche Stämme
richten? Dafür soll ich mich mein ganzes Leben lang kasteit haben, bis mir die Schwarten
krachten? Nein, nein. Ich erwarte, daß es jetzt los geht. Champagner und ein paar nackte Weiber …“

„Was?! Apage Satanas!“

„Wieso? Gehört das nicht zu den Freuden? Ich war zwar keusch, kann ich Ihnen sagen,
aber die Versuchung – habe sie unterdrückt. Härene Unterhosen getragen. Ich trage sie noch,
einen Moment, ja, hier, wollen Sie sehen?“

„Nein, nein, laß das!“

„ … der Versuchung widerstanden, aber dennoch eine gewisse Information. Weiß also,
daß es Weiber gibt, die sich entkleiden. Und tanzen.“

„Also! Also!! Ist das eine Rede für einen Kapuziner?“

„Ich war Kapuziner. Sogar im Ruf der Heiligkeit! Aber jetzt bin ich ewig selig und will
meine Schätze im Himmel genießen, und dazu gehört meinetwegen das Richten der
Stämme Israels, meinetwegen, das erledige ich später, vor allem aber der Champagner.
Und die Weiber. Also allererstens will ich ein paar Weiber bügeln.
Recht fette, wenn es geht. Ich weiß nicht, was da dagegen zu sagen ist. Oder
haben die sowas vielleicht, bitte, etwa nur in der Hölle?“

Jetzt erhob aber der hl. Datius die Stimme zum Donner: „ ‚Freut euch darüber,
daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind!‘ Lukas 10,20. Das ist Lohn genug!
Und er redet von – ich will das Wort gar nicht in den Mund nehmen.“

„Und das soll Ewige Seligkeit sein? Auf irgendeinem Thron sitzen?
Gegenwart Gottes – schön und gut, aber ist das abendfüllend? Soll ich
vielleicht eine Ewigkeit lang Psalmen singen? Das habe ich mein asketisches
Leben hindurch getan. Daß ich irgendwo aufgeschrieben bin! Spirituelle Gnade!
Das soll der ganze Lohn? Oh danke. Wenn ich das gewußt hätte …“

„Jetzt aber kein Wort weiter!“ schrie St. Datius.

„Habe ich mich vielleicht aus Vergnügen kasteit? War ich Asket,
daß ich hier heroben weiter fast‘? Wenn ich das gewußt hätte …“

„Jetzt einmal in aller Ruhe“, sagte St. Datius und drückte den Kapuziner auf den Sessel nieder.
„Es ist so ähnlich wie – kennst du den Witz …?“

„Wir haben im Kloster keine Witze erzählt.“

„… den Witz: ‚Sagt der Vater zum Sohn: Moritzle, wenn du bös bist, mußt du nachmittags Holz hacken.
Wenn du brav bist, darfst du Holz hacken. ‘ So ähnlich. Unten mußtest du abtöten. Hier darfst du.“

„Das ist aber doch die Höhe. Ich darf weiter fasten. Wissen Sie was, Sie können mich …“

„Jetzt aber!“fauchte St. Datius, „ sonst …“

*

Der Himmel über dem Himmel öffnete sich. Posaunenschall unterbrach den hl. Datius
und ersparte ihm weitere Ausführungen darüber, was sonst noch passierte.
Seine Apostelfürstliche Exzellenz erschien in Begleitung eines Gefolges von zwei Erzengeln,
vier Bronzeengeln, achtzehn Gewöhnlichen Engeln, vierzig Heiligen und einhundertzwanzig Seligen.

„Warum sagt man mir das nicht!“ polterte Petrus, schritt auf P. Rufuin zu
(er überragte den kleinen, dicken Kapuziner um zwei Köpfe),
klopfte ihm auf die Schulter und sagte. „Dein Heiligsprechungsprozeß ist durch.
Gratuliere. Hier!!“ Er schnalzte mit den Fingern, ein Engel preschte vor und
trug Strahlendes auf einem Kissen aus gläsernem Samt.

„Hier!! Dein Heiligenschein.“ Er rutschte dem Pater über die Ohren.
Petrus‘ Augen verengten sich, er drehte sich um: „Wer ist für so etwas
verantwortlich?! Wir sprechen uns noch! Die nächstkleinere Größe, aber
plötzlich, wenn ich bitten darf.“

Während es im Gefolge Petri ein kleines Durcheinander gab und endlich
ein Heiligenschein beigebracht wurde, der dem Pater paßte,
stotterte der: „Aber – wieso Heiligsprechung – ich bin doch erst heute – erst
heute – gestorben.“

„Tausend Jahre sind hier wie ein Tag. Wir kümmern uns nicht
um die irdische Zeitrechnung, lieber heiliger Laushammer. Und hier deine
Attribute, die dir die Ritenkongregation verpaßt hat:“

Hühneraugen! P. Rufuin hatte zeitlebens unter entsetzlichen Hühneraugen gelitten,
das Leiden aber gottergeben hingenommen als Prüfung, sich nie darüber beklagt,
sich nie die Hühneraugen schneiden lassen oder Hühneraugenpflaster aufgelegt.

„Da werde ich“, sagte kleinlaut P. Rufuin, jetzt St. Laushammer (St. Rufuin ging nicht,
wurde ihm gesagt, den gab es schon), „auf allen Altären mit Hühneraugen dargestellt?“

„Denk daran“, sagte Petrus, „wie ich oft dargestellt werde:
als knorziger nackter Zottelgreis, der verkehrt herum an einem Kreuz hängt.
Auch nicht schön. Oder der Kollege Erasmus, der in alle Ewigkeit mit einer
Kurbel herumläuft, auf der seine Gedärme aufgerollt sind. Da bist du mit den
Hühneraugen noch gut bedient.“

Der hl. Laushammer sank in sich zusammen. Vom Champagner wagte er angesichts
der überrollenden Heiligkeit-Feierlichkeit schon gar nichts mehr zu sagen.
Von anderen Dingen zu schweigen.

„Und“, sagte Petrus, hatte seinem Gefolge schon das Signal zum Abmarsch gegeben,
„du wirst angerufen: bei Hühneraugen, logisch, aber auch bei Zehenkrämpfen und Schweißfüßen.
Mach dich gefaßt darauf. Die ersten Anrufungen sind, glaube ich, schon da. Und du bist auch,
daß ich’s nicht zu sagen vergesse, der Schutzpatron der orthopädischen Schuhmacher. Gibt’s nicht
mehr viele, wird dir wenig Mühe machen. Also dann!“ Er winkte (segnen ist ja hier nicht mehr
notwendig) und rauschte, im wahrsten Sinne des Wortes, vom Engelsflügelschlagen begleitet, hinaus.

*

So stand der hl. Laushammer da. Der hl. Datius hatte den Auftrieb genutzt,
um sein Tagesregister einzupacken und sich davonzumachen.
Offensichtlich scheute er die weitere Debatte mit dem Kapuziner.

P. Rufuin betrachtete seine – nunmehr vergoldeten – Hühneraugen, die aus den
Sandalen leuchteten. „Und dafür habe ich auf alles verzichtet, was …“

Eine kleine Tür öffnete sich seitwärts. Rufuin fuhr herum. Ein kleiner,
völlig nackter Bub mit Flügeln schlich herein.

„Psst“, sagte der Knabe.

„Wer bist du?“

„Wir sagen es nicht allen“, sagte der Knabe, „aber bei uns ist es lustiger.“

„In der Hö-?“ Rufuin verschluckte sich an dem Wort.

„Ach was. Das meinen auch nur die Katholiken, daß es nur einen Himmel gibt.“
Er zog Rufuin zum Türchen, schob ihn hindurch.

Es dauerte wohl eine gewisse Ewigkeit, aber dann schwebte Rufuin in den Olymp.
Als erstes begegnete ihm eine Dame, die nur mit Pfeil und Bogen bekleidet war.
Und dann kamen drei Schönheiten in leichten Schleiern, schrien „Evoë!“
und hatten eine Flasche Pomméry dabei – und als Rufuin ganz oben ankam
auf dem Olymp, wurde alles ganz leicht und frei, die Hühneraugen,
die unansehnliche Kutte, die härene Unterhose lösten sich in Luft auf –
und Rufuin bekam endlich alles, was er an Lohn für seine
Askese ersehnte.


Erschienen in mountain stories Edition 2010/11
 
 
 
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