Area 43

Susanne Dank
10.02.2014
 
Area 43
Professor Hartmann war bekannt für seine spektakulären Fallbeispiele und Diagnosen, deshalb knisterte es im Hörsaal, als er das Hologramm für die Vorlesung aktivierte. Die Gestalt eines Mannes schwebte in der Mitte des Auditoriums, auf den Displays der Studenten scrollten Daten ab.

02.05.2079/3284/SOSHosp/Sektor153/8
Protokoll 1/16.30:
Patient m, 43 J.,173 cm, 69 kg, 15.000 Kredits sofort verfügbar
Anamnese:
P. klagt über Herzklopfen, ziehende und drückende Empfindungen in Hals, Brust und Magengegend, Appetitlosigkeit, Unruhegefühle und motorische Hyperaktivität
Status im Sleep:
Blutdruck 120/80
Temperatur 36.8 o C
Blutwerte, Sekrete, Urin, Hormone, Gase unauffällig
Organcheck und Triggerpointanalyse o.B.
Magnetresonanz im Toleranzbereich
Keine erkennbaren Vitra, keine Affektionen
Konditionelle Form: sehr gut
Brainscreening zeigt minimalen Aktivitätsanstieg durch Patch-Signale in Area 43
Zusammenfassung: Befund unauffällig
Patient verbleibt zur Beobachtung auf Station.

„Na, ihr Koryphäen, wer hat eine Idee? Welche Untersuchungen schlagt ihr vor?“ Professor Hartmann grinste, weil er es für ausgeschlossen hielt, dass ein Hörer Entscheidendes beizusteuern wusste.
„Könnte es sich um eine Emotionale Conturbation handeln?“
Diese naseweise Studentin war ihm bisher nicht aufgefallen.
„Interessanter Ansatz!“, lobte er widerwillig. „Was veranlasst Sie zu dieser Hypothese?“

*

Als ich aus dem Sleep aufwache, fällt mein Blick auf das Display am Ende des Bettes. Es blinkt aufdringlich, ich möchte es ausschalten, aber meine Arme sind an Sonden und Schläuche angeschlossen. Ich bin wohl im Analysis-Room? Bettreihen rechts und links, zwischen denen Sanirobots umher rollen.
Die Empfindung hat nachgelassen und schon beginne ich, an meiner Entscheidung zu zweifeln. War es klug mich selbst einzuweisen? Kann ich mir die Behandlung leisten? Schmerzhaft war es nicht, nur einschüchternd, so etwas habe ich noch nie erlebt. Engegefühle, Beklemmungen in der Brust, Herzklopfen und Druck auf der Kehle. Sind das nicht Symptome, die einen Infarkt ankündigen? Meine Gedanken stolpern zurück, durch einen Wust von Erinnerungen: Der Lärm in der Kuppel, alles voller Menschen, flackernde Bildschirme, Hologramme. Kein Atom saubere Luft.
Ich halte einen Brief in der Hand.
Wer verschickt analoge Post? Absurd! Der Kurier kostet ein Vermögen. Ich reiße den Umschlag auf: Ein Foto! Kein beweglicher Spot oder 3D-Abzug, sondern so was von früher. Obwohl es in Farbe ist, kommt es mir vor wie in Schwarz-Weiß, museumsreif. Ich muss blinzeln, dann erkenne ich erst, was drauf ist:
Luft.
Licht.
Berge.
Die Oberfläche!
In diesem Moment hat es angefangen, das Eigenartige in der Brust und der Nebel im Kopf.


*

„Der Patient befindet sich in Bestform. Bis auf den Vitalitätsanstieg im Cerebralbereich gibt es keine pathologischen Veränderungen.“ Die Studentin beamte ein Holo des Cerebrums in den Raum, umkreiste mit dem Pointer eine Stelle und markierte sie rot. „Hier, in der linken Großhirnhemisphäre, liegt das Brodmann-Areal 43: Area subcentralis. Bis 2045 Relais für primitive Gemütsreflexe, seither Port für die Datensätze aus webforces und highcloud. Restaktivitäten der Ursprungsfunktion könnten zu solchen Symptomen führen. Vielleicht ist der Arme ja verliebt?“
Ein Raunen lief durch die Reihen. Schwer einzuschätzen, ob die Studenten eher angewidert oder mitleidig reagierten.
„Sie wissen, dass solche Relikte seit Jahrzehnten ausgemerzt sind!“, tadelte Professor Hartmann. ‚Verliebt’ – was für eine Idee! Aber Chapeau - das Mädchen war verdammt nahe dran. Er bekam Gänsehaut. Übel wie Beulenpest war das, als die Menschen noch ihren Gefühlen ausgeliefert gewesen waren.

*

„Komm endlich!“, steht auf der Rückseite des Fotos. Gleich klopft mein Herz einen schnelleren Rhythmus. Nichts auf dem Bild gehört zu meiner Welt. Bäume, Blumen, Steine. Echte Dinge, zum Anfassen. Ich kenne sie aus Filmen und durch die Sensobox meiner Kindheit: So riecht Holz, so riechen Tannennadeln, so fühlt sich Waldboden an… Meine Finger zittern und wollen Rinde streicheln, Kiesel befühlen, Stängel umfangen, Moose betupfen. Meine Lider zwinkern, als könnte ich damit Sonnenlicht einfangen, Farben aufsaugen. Meine Ohren tasten umher: Wann haben sie das letzte Mal gelauscht? Quellgeriesel, Wipfelrauschen, Insektengebrumm?
Da ist es wieder, schlimmer als zuvor: in Brust und Bauch und im Kopf, das Vakuum.

Wer auch immer mir die Botschaft geschickt hat, vergaß mitzuteilen, wohin ich kommen soll. Zurück ins zwanzigste Jahrhundert? Aber selbst wenn ich es wüsste, ich habe keine Zeit. Schlimm genug, dass ich den Tag im Hospital vergeude, wo keiner sagt, was mit mir los ist. Hoffentlich kümmern die sich wenigstens um meinen Brainload.
„Der Professor wird sie in Kürze kontaktieren. Council um 19 Uhr!“, säuselt der Sanirob, bestimmt ein Gedankenegel.
Ich taste nach meinen Sachen auf der Konsole. Da ist die Postkarte! Endlich weiß ich, von wem sie stammt. Verdammt, Opa! Du kannst einen vielleicht erschrecken!


*

„Thalamus, das Tor zum Bewusstsein …“, dozierte Prof. Hartmann. „Bis zur gesetzlich vorgeschriebenen pränatalen Resektion ab 2045 waren seine beiden Zentren über eine dünne Bindegewebsbrücke, die Adhaesio interthalamica, miteinander verwachsen ...“. Während er seinen Exkurs ausdehnte, weidete er sich an den zerfurchten Stirnen, mit denen die Studenten versuchten, Wissbegier vorzutäuschen. „Welche Aufgabe hat dieser Bereich und wie lautet sein populärwissenschaftliche Name?“
„Der Große Zensor. Seine Aufgabe besteht in der Selektion und Weiterleitung aller Informationen aus dem Körper und den Sinnesorganen zur Hirnrinde.“
Schon wieder dieses vorwitzige Frauenzimmer! Der Professor bedachte sie mit einem langen Blick. „Korrekt!“, murmelte er verdrießlich. „Aber nun zurück zu unserem Fall! Bei Auffälligkeiten in Area 43 spielt der Thalamus eine ganz entscheidende Rolle …“

*

„Was soll das heißen? Meine Brücken-Resektion war sinne effectu?“, stammle ich. „Ist das eine schlimme Krankheit?“
„Ihr Leiden nennt sich Desiderium desperatus oder auch Gemeine Sehnsucht. Haben Sie das schon mal gehört?“ Professor Hartmann versucht, mir aufmunternd zuzulächeln.
Mein Magen verkrampft sich. „Wollen Sie mir sagen, ich bin ein Gefühlsjunkie? Eine dieser hoffnungslosen Gestalten, die sogar an die Oberfläche gehen?“
Schon wieder fällt mir Opa ein. Vielleicht ist es ja erblich!
„Da kann ich Sie beruhigen. Es gibt erfolgversprechende therapeutische Möglichkeiten. Wir entfernen den gesamten Komplex und implantieren ein neues Modul, das Sie gegen zukünftige Attacken immunisieren wird.“
Ich stoße den Monitor beiseite und reiße mir die Schläuche von den Armen. Bevor ich die Abteilung verlassen kann, muss ich zuerst die drei Sanirobots kurzschließen. So was hat mir Opa aber schon vor dreißig Jahren beigebracht.
 
Twitter Facebook Drucken  Mountain Story weiterempfehlen