Auf dem Dach

Shannon Wardell
19.02.2015
 
Auf dem Dach
Mit dieser eigentümlichen Aufgeregtheit, die unregelmäßiges Üben mit sich bringt, hob 4c seine treue Posaune und spielte sie mit der Basslinie von "Camptown Ladies" ein. „Ich habe es immer noch drauf”, dachte er während des Spielens. „Ein paar Töne liegen daneben, gelegentliches Lippenflattern, aber: Übung macht den Meister!“ Und so setzte er zu einem weiteren Übungsdurchlauf an, diesmal achtete er mehr auf den fünften ansteigenden Ton nach der ersten Strophe.

Die Ablenkungen des Tages hatten begonnen sich aufzulösen und in diese glückerfüllte Stunde zwischen Arbeit und Spiel überzugehen, in der ein ganzer Abend so viel mehr versprach, als der Arbeitstag tatsächlich hergegeben hatte. Eine besondere Kühle erfüllte die Luft. Sie stammte vom Regen der letzten Nacht, welcher der ersten Augusthitzewelle ein Ende gesetzt hatte. An diesem Morgen hatten Minirock-Damen und Bodybuilder widerwillig Hosen und langärmlige Hemden gegen eine Frische getragen, die sich eher wie Oktober als die Hundstage des Lugh* anfühlte. “Summertime, and the living is eeeaasyyy”, 4c blies die Trompete mit tiefem, protzigem Stolz und zwinkerte sich selbst im Spiegel zu, während er das an den Basstiefen zurrende Brummen genoss. Dass Erika sagte, es würde wie abdominale Blähungen klingen, ist nur ein weiteres Zeichen ihrer mangelnden musikalischen Kenntnis.

Ein halblautes doppeltes “Bam” ließ 2b wissen, dass jemand im dritten Stock – entweder 3b oder 3c – sein Fenster energisch zugeknallt hatte. Natürlich konnte 2b das lärmende Bassgeschmetter durch den zentralen Lüftungsschacht wahrnehmen, doch war es für ihn nichts weiter als ein schwaches Hintergrundgeräusch, ähnlich dem Grollen eines Müllwagens, der die Straße hinunter fährt und sprachliche Neuheiten und teuflische Gerüche zurücklässt. Gerade im Begriff, unausgereifte Häppchen gedanklicher Inspiration zu verarbeiten, lag 2b auf dem Bauch im Bett seines mit dicken Vorhängen völlig abgedunkelten Zimmers. “Er hält wieder ein kurzes Nickerchen”, würde seine Freundin Tanya wohl witzeln.

Während 4c versuchte, sich an den Seeger-Klassiker “Old Time Religion” zu erinnern (“D? Nein, E dann A, kein B7, das ist’s, dann von E zu A …”), durchsuchte 3d sorgfältig ihre CD-Sammlung, ihr Finger machte unentschlossen dort und da halt bis … die Supremes waren auf jeden Fall genau das, was sie in diesem Moment anstatt Elmer Fudds Gefurze von Lagerfeuersongs im Stock oberhalb hören wollte.

Für 4b war das plötzliche Ertönen des Motown Grooves wie ein Schluck Cola-Rum damals bei Hawlie – in den Tagen vor den Kindern. “Stop! In the Name of Love.” Es hallte wirklich laut durch das offene Fenster, laut genug, um beinahe die grollenden Buhrufe von nebenan zu übertönen, und sie fand sich plötzlich inmitten eines Gefühls wieder, das jung, kokett, packend und durch und durch Hawlie war. Sie öffnete einen weiteren Spritzer, als der Mac und Käse brutzelten. „Think it O-O-Ver …“, trällerte sie keck, während sie nach fünf Tellern am Geschirrtrockner griff.

Städtische Digitalisierung muss erst eine Anpassung der zwischenmenschlichen Begegnungen in isolierten und unterteilten Wohnumgebungen, die nur durch die Gaze architektonischer Mauerkonventionen getrennt sind, hervorrufen.

Der dröhnende Balkan Jazz stammte offensichtlich von den Ungarn in 5a. “Silver Bird“ eröffnete den Hitreigen mit seinem Fender-verstärkten Mundharmonikariff, schleifenden Gitarrenklängen, anschwellenden Basswogen und hämmernden Rhythmen. Nicht einmal die Kopfkissen, fest gegen die Ohren gepresst, konnten den schwungvollen Gypsyklängen, die das Mauerwerk zum Vibrieren bringen schienen, Einhalt gebieten.

Er versuchte seine Gedanken auf eine gewisse Leere des Nichts, die oft hervorquoll, wenn er gerade eine Idee gut gebrauchen konnte, zu richten. Die Ideen waren selten neu, aber manchmal ganz hilfreich. Vorgefertigte Urinale purzelten einen Wasserfall hinunter in eine Spiral-Mole der labyrinthischen Forschung. Die Pigmentfarben seiner Haut, Augen, Fingernägel, Haare, Leber, seines Bluts und Gehirns schossen in dicken Spritzern auf eine weiße Leinwand. Gänse implodierten zu Kissen auf Beinen. Junge, nackte Frauen, bis zu den Knöcheln in eine spezielle blaue Farbe getaucht, wurden auf weißen Leinwänden am Boden gerollt, während Smoking tragendes Publikum gaffte und das Orchester einen Einzelton zwanzig Minuten lang spielte, bevor zwanzig Minuten Stille folgten.

Linearität, ein stolzer Patriarch von mehr als zweitausend Jahren euro-amerikanischer menschlicher Entwicklung, wacht nach einem Powernap auf und realisiert schockiert und mit weit aufgerissenen Augen, dass er seines Glanzes beraubt und sein Platz auf der Bühne bereits von drei Seelenschwestern eingenommen wurde, deren saftige Stimmen, voluminöses Haar und funkelnde, kurvige Hotpants die Show komplett an sich gerissen haben. Als verjüngte Reinkarnationen von Macbeths bezaubernden Ladys bewegen sie ihre Pobacken vor seinem Gesicht hin und her, so dass er ihre Namen lesen kann, die dort im Graffiti-Tag-Stil gestickt sind: Launenhaftigkeit, Freiheit, Liebstöckl.

Linearität sieht, wie sich seine geliebte gerade Zeitlinie dreht und verzerrt und zu einer Doppelhelixspirale wird. Die Zeit erkennt, dass es jetzt Zeit ist, sich von einer Partnerschaft mit Linearität, die zu einer utilitaristischen Beziehung mit stark eindimensionaler Ausrichtung geworden ist, loszusagen. Die Zeit würde lieber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem Tesserakt der Wahrnehmung verschmelzen, der den Beobachter einem Moment verzückender Zeitlosigkeit aussetzt.

Es ist an der Zeit sich zu fragen, was mit der Zeit geschieht, wenn die Zeit still steht. Es ist an der Zeit zu messen, wie schnell die Zeit verfliegt. Es ist Zeit, die Zeit zum Essen einzuladen. Zeit, eine Zeitbombe abzuwerfen, um die Illusion einer linear-logischen Notwendigkeit wegzublasen. Zeit, um die Zeit von der Wand, vom Handgelenk, vom gepixelten Bildschirm zu nehmen. Zeit abzugrenzen, in welchen Bereichen die Zeit rechtmäßig totgeschlagen werden kann und jene zu kontrollieren, die sie sich früher als erlaubt kaufen. Zeit, den menschlichen Geist vor Geräten zu schützen, die vorgeben zeitsparend zu sein, uns in Wirklichkeit aber nur zum Sklaven technischer Spielereien machen. Zeit, das Schweigen als Zutat von Erfindungen wieder einzuführen. Zeit, das langsame Tröpfeln des Wassers von Lärchenzapfen irgendwo meilenweitweg von Hupen, verstärkten Klangkompositionen und melodischen Ausdrücken emotionaler Befindlichkeit zu hören. Zeit, Zahlen jonglierende nicht-gegenständliche Darstellungen unserer Sehschärfe zu sehen. Zeit, dem Flüstern des Windes zu lauschen, wenn er seine Geheimnisse im Rascheln der Nadelzweige erzählt. Zeit, pilzreiche Erde auf einem hohen Berg auf dem Dach der Welt zu riechen. Zeit, das Monatsgehalt mühsamer Arbeitsstunden an einigen wenigen Tagen aufzubrauchen und sich zu fragen, wie es möglich ist, dass das Bimmeln der Kuhglocken niemals dissonant mit dem leisen Schwirren der Fliegen ist. Zeit zu fühlen, dass die Reduktion jenes Tonikum ist, immer war und immer sein wird, das uns den Überfluss erst genießen lässt. Zeit für eine Pfeife auf dem Dach.

Als er nach unten sah, stellte 2b sich vor, dass er die Töne als bunten Konfettiregen wahrnehmen würde, der in synkopierter Zeit zu dem unterschiedlichen musikalischen Geschmetter der verschiedenen Apartments unter ihm bei deren Fenster hinaus geweht wird: Cole Porter, Carole King, ein Indie-Beatbox-Rap, die laufende Balkan-Jazz-Hitliste, eine „La Bamba“ trötende Posaune.

Nach einem kurzen Schielen auf die Uhr brach 4c den Refrain ab, während er sich zum geöffneten Fenster hindrehte. Er drückte die Wasserklappe auf und blies einen kräftigen Strahl Richtung Straße. „Was für ein intensiver Übungstag“, äußerte er in Richtung Spiegel, als er an diesem vorbei ging und seine Posaune sanft wieder an den Ständer in der Ecke lehnte. Als er die Kakophonie aus Kindergeschrei und nicht zueinander passenden musikalischen Genres, die von draußen hereindrang, bemerkte, ging er zum Fenster und schloss es mit einem Seufzen, „Nachbarn“. Dann ging er zur Fernbedienung, die am Kaffeetisch neben der Couch lag, und schaltete den Flatscreen ein, um die Nachrichten zu sehen. „Es ist Zeit für …“

*Lugh ist ein Gott der keltischen Mythologie Irlands, zu dessen Ehren am 1. August ein Fest (Lughnasadh) gefeiert wurde und der als Namensgeber für die irische Bezeichnung des Monats August diente.

Aus dem Englischen von Philipp Stummer

 
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