Auf der anderen Seite

Lucy Bauer
24.04.2018
 
Auf der anderen Seite
Alte Hotels sind eigenartige Orte. Bei Türen mit und Türen ohne Nummern strömen Menschen ein und aus und schreiten Gänge entlang, von denen niemand weiß, wohin sie führen. Viele Dinge ändern sich im Laufe der Zeit und bleiben dennoch stets gleich. Es gibt Zimmer, die für jedermann zugänglich sind und solche, die selbst den neugierigsten Blicken verschlossen bleiben. Und es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten sollte.
Die Tiffanylampe war schuld an allem: Dieses harmonische Zusammenwirken der Blätter und Blumen auf dem bunten Lampenschirm hatte es mir einfach angetan. Unter normalen Umständen wäre ich die letzte Person, die ein „Betreten verboten!“-Schild wissentlich missachten würde, doch die dünne Kette, die zur Absperrung über den Flur zwischen der Tür meines Zimmers und der nächsten Zimmertür gespannt war, hing sehr niedrig – und die schwach leuchtende Lampe sah einfach zu reizend aus.
Ich musste sie mir einfach näher ansehen. Vorsichtig hob ich mein Bein über die Kette. Kaum hatte mein Fuß den Boden auf der anderen Seite berührt, huschte eine Frau um die dunkle Ecke, die ich zuvor für das Ende des Ganges gehalten hatte. Sofort zog ich mein Bein wieder zurück, stellte mich dabei jedoch etwas plump an und brachte die Kette durch eine Berührung zum Schwingen. Die Unbekannte bedachte mich mit einem schiefen Lächeln: „Hallöchen!“
„Hallo”, erwiderte ich hastig und fühlte mich auf frischer Tat ertappt. Sie schien jedoch von meinem Vergehen nicht weiter Notiz zu nehmen. Zielstrebig steuerte sie auf das Zimmer auf der anderen Seite der Kette zu, blieb vor dessen Tür stehen und blickte mich von der Seite an.
„Neu hier?”
„Ja, ich bin gestern angekommen.”
Da ich nun den Eindruck gewonnen hatte, dass ich nicht mehr befürchten musste, des unbefugten Betretens eines abgesperrten Bereichs überführt zu werden, entspannte ich mich und begann, meine neue Bekanntschaft ein wenig zu mustern. Sie war etwa in meinem Alter, oder vielleicht über fünfundzwanzig, wirkte aber schier endlos modischer und selbstbewusster als ich. Ihr Retrolook, der äußerst modisch aber für Leute wie mich ungemein schwer hinzukriegen war, sah atemberaubend schick aus. Sie musterte mich ebenfalls. Nachdem ihr Blick von meinem Scheitel zu meiner Sohle gewandert war, blitzte auf ihrer makellos geschminkten Wange ein Lächeln auf, das für mich sehr nach einem höhnischen Grinsen aussah. Es nervte mich, dass die Unbekannte mein Äußeres so unverhohlen begutachtete – ich kam mir so unattraktiv vor.
„Da wir ja nun Nachbarinnen sind, möchte ich mich gleich bei Ihnen vorstellen. Ich bin Betty. Ich arbeite als Sekretärin hier.“
„Elizabeth“, erwiderte ich. Es war mir irgendwie peinlich, dass keine von uns beiden auch nur irgendwelche Anstalten machte, der anderen die Hand zu reichen. Betty warf ihren Kopf mit der perfekt sitzenden Frisur schallend lachend zurück.
„Betty, Beth, Liz – all diese Varianten von Elizabeth! Unsere Eltern konnten wohl einfach der Versuchung, es der königlichen Familie gleich zu tun, nicht widerstehen, nicht wahr? Ihre Eltern entschieden sich für die vornehme Variante!“
Wir hatten also tatsächlich etwas gemeinsam, wenn auch nur einen Namen – obgleich ich sicher war, dass sich meine Eltern bei der Wahl meines Namens nicht von den Präferenzen des Königshauses vor 90 Jahren beeinflussen hatten lassen. Betty beäugte mich abermals mit einem belustigten Lächeln.
„Und was führt Sie hierher – Elizabeth?” Die Art und Weise, wie sie jede Silbe meines Namens übertrieben betonte, ließ mich ihre Missachtung deutlich vernehmen.
„Mein Mann. Er kommt am Freitag nach.“
Das klang so eigenartig. Ron bezahlte mir diesen Wellnessluxus während er den Fortgeschrittenen-Flugkurs absolvierte, von dem er schon so lange geträumt hatte. Der Flugplatz war ganz in der Nähe, aber Ron meinte, es wäre wichtig für ihn, die dort vorhandene Unterkunft zu nutzen, da am Abend Theorieeinheiten stattfänden. Es wäre zu viel Aufwand und eine Ablenkung obendrein, wenn er jeden Abend zum Hotel fahren würde. Für mich war es eine große Enttäuschung gewesen, dies zu hören, ich hatte mir allerdings nichts anmerken lassen.
„Er ist am Flugplatz und trainiert“, fügte ich dürftig hinzu.
„Tatsächlich!“ rief Betty. „Nun, ich könnte Ihnen ein paar Dinge erzählen, die unten am Flugplatz vor sich gehen.“ Sie betrachtete einen ihrer perfekten Fingernägel und presste ihre geschminkten Lippen fest aufeinander, als wollte sie ein Grinsen unterdrücken. „Noch nicht lange verheiratet, nehme ich an? Das würde erklären, wie’s Ihr Gatte geschafft hat, Sie hier rein zu bringen. Sie Glückliche – das kommt nicht oft vor.“
Ich war verwirrt und verärgert. Was hatte die Tatsache, dass wir erst seit ein paar Monaten verheiratet waren, damit zu tun? Ich konnte mich nicht erinnern, dass Ron erwähnt hätte, dass es irgendwelche Schwierigkeiten mit der Zimmerreservierung gegeben hätte. Eine rasche Online-Überweisung war alles, was notwendig gewesen war.
„Wie auch immer“, fuhr sie fort, „Sie sollten Ihren Mann im Auge behalten, Lizzie.“ Sie schwieg, ihre Hand strich zärtlich über die Türklinke, ihre Miene war plötzlich ganz ernst. Als sie wieder zu sprechen begann, war ihre Stimme gedämpft. „Wissen Sie, ich hatte auch einmal jemanden, der sagte, er würde später hierher zu mir nachkommen. Ging fort und kam nie wieder.“ Sie blickte auf und sah mich direkt an. „Er verschwand – ganz einfach so! Löste sich in Luft auf.“ Sie schnitt eine Grimasse. „Es wäre jedoch falsch, zu sagen, dass er daran schuld gewesen wäre.”
Betty drückte die Klinke nach unten und stieß die Tür ein Stück weit auf. Ich versuchte, einen Blick ins Zimmer zu erhaschen, doch es war zu dunkel, um etwas erkennen zu können.
„Sei’s drum, ich brauche jetzt unbedingt eine Zigarette. Der Boss sieht uns Mädchen nicht gerne rauchen – er sagt, es sei nicht damenhaft. Aber zwischen uns beiden, Liz, ich bin keine Dame!“ Sprach’s und war mit einem Schulterzucken, einem Blick nach hinten und einem theatralischen Augenzwinkern verschwunden.
Ich schlief unruhig in dieser Nacht und wurde spät vom Klingeln meines Telefons geweckt. Es war Ron, der angesichts seines Übungsflugs, zu dem er bald aufbrechen würde, aufgeregt war. Das Wetter wäre nicht ideal, meinte er, aber das würde die Aufgabe erst richtig interessant machen.
„Was tut sich am Flugplatz?”, fragte ich. „Viel los?”
„Oh, nein”, meinte Ron. „Es sind nur ein paar andere Typen hier, die auch den Kurs machen.”
„Irgendwelche Frauen?“ Es sollte wie eine Spöttelei klingen, doch waren wiederkehrende Eifersuchtsattacken eine Schwäche von mir, die ich nur schwer verbergen konnte. Wir hatten in der Vergangenheit immer wieder Spannungen deshalb gehabt. Nach einer kurzen Stille antwortete Ron und ich konnte sein schelmisches Grinsen förmlich hören, als er sagte, „Nun ja, es gibt da eine Sekretärin, die eigentlich ein ziemlicher Vamp ist. Aber mach dir keine Sorgen, Liebling, ich hab’s geschafft, sie loszuwerden. Ich muss jetzt los. Bis später.“
Ich rang darum, den quälenden Verdacht, den mir Betty in den Kopf gesetzt hatte, loszuwerden, doch war ich meinen Gedanken gnadenlos ausgeliefert. Die Vernunft sagte mir, dass Ron gescherzt hatte. Meine Paranoia sagte mir, dass ich nie darauf hoffen dürfte, dass mir mein Ehemann treu war. Betty hatte gesagt, sie arbeitete „hier“ als Sekretärin. Könnte sie damit hier in der Gegend, anstatt hier im Hotel gemeint haben? War sie der Vamp unten am Flugplatz? Die Beschreibung würde passen. Hatte sie vergeblich probiert, mit Ron zu flirten und versuchte nun mit ihren lächerlichen Andeutungen ihre Verbitterung darüber, einmal mehr zurückgewiesen worden zu sein, zu kompensieren? Oder hatte Ron, der es vielleicht schon bereute, sich an eine langweilige Neurotikerin gebunden zu haben, sich von ihr verführen lassen? Warum hatte er nicht sofort geantwortet, als ich ihn nach Frauen fragte? Ich war besorgt, dass ich bis zu Rons Rückkehr so schlecht gelaunt sein würde, dass wir streiten würden und ich mich wieder einmal zum Narren machen würde.
Als ich mein Zimmer verließ, um zum Frühstück hinunter zu gehen, hielt ich im Korridor neben der Kette und lauschte angestrengt. Die Stille war ohrenbetäubend. Da war nichts als der Schimmer der Tiffanylampe. Ich beschloss auf der Stelle unter irgendeinem Vorwand an Bettys Tür zu klopfen und dann das Gespräch wieder in Richtung Flugplatz zu lenken. Genau genommen war ich mir sicher, dass sie bereits zur Arbeit gegangen war und mein Klopfen somit unerwidert bleiben würde und dieser Umstand ließ mich wagemutig werden. Mit großer Entschlossenheit stieg ich über die Kette. Doch ehe ich überhaupt meine Hand heben konnte, sprang die Tür auf und sie stand vor mir und nahm mit ihren schlanken, ruhigen Fingern eine Zigarette aus ihren roten Lippen. Dieses Mal war von einem Lächeln weit und breit nichts zu erkennen.
„Elizabeth! Benötigen Sie etwas?“
Ich war völlig perplex. Ich rang nach Worten, doch sämtliche Versuche, etwas zu sagen, blieben mir im Hals stecken. Betty betrachtete mich mit ernster Miene. Sie schien durch mich hindurch und noch weiter zu starren. Sie zog an ihrer Zigarette und stieß ein Seufzen aus, als ihr Blick der Asche, die sie weggeschnippt hatte, folgte, die nun langsam auf den Perserteppich niederrieselte. Ihr Blick blieb gesenkt. „Sehen Sie, ich denke, Sie beginnen bereits zu verstehen, nicht wahr, Elizabeth?“, murmelte sie. „Sie haben ihn verloren, er ist fort. Genau wie mein Ronnie. Es tut mir leid, es ist nun einmal so.”
Ich habe keine Erinnerung daran, wie ich zurück über die Kette und zur Rezeption im Foyer des Hotels gekommen war. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich mich nach Atem ringend über den Tresen beugte und die Rezeptionistin mich fragte, ob mit mir alles in Ordnung sei.
„Nein, eigentlich nicht”, keuchte ich. „Ich möchte mich über die Sekretärin beschweren.“
Die Rezeptionistin hob ihre Augenbrauen. „Über die Sekretärin? Kirsty? Einen Moment, Frau Kay, ich werde gleich ..”
„Nein, Betty, ich meine die, die Betty heißt. Sie hat das Zimmer neben meinem.“
„Tut mir leid, Frau Kay, es muss sich um ein Missverständnis handeln. Wir haben keine Sekretärin namens Betty. Lassen Sie mich nachsehen, wer im Zimmer neben Ihnen ist.“ Sie drehte sich zum Bildschirm ihres Computers. Mir war schwindlig.
„Es ist das Zimmer auf der anderen Seite der Kette“, sagte ich.
Die Rezeptionistin nickte in Richtung ihres Bildschirms. „Es ist so, Frau Kay, es ist niemand in diesem Zimmer. Es ist eine Art kleines Museum – ganz interessant eigentlich. Dieses Gebäude war nämlich ein Hauptquartier der Royal Airforce im Zweiten Weltkrieg. Die Piloten wurden vom Flugplatz am Ende der Straße zu ihren Bombardierungsmissionen über Deutschland entsendet.“ Sie schob eine Broschüre über den Tresen. „Hier ist Informationsmaterial für Sie. Traurig, eigentlich. So viele von ihnen wurden vermisst gemeldet, flogen aus und kamen nie zurück. Als dieses Gebäude in ein Hotel umgebaut wurde – in den Fünfzigerjahren, glaube ich – wurde dieses Zimmer, das Büro der Sekretärin, unverändert belassen. Es ist versperrt, aber wenn Sie wünschen, kann ich gerne dafür sorgen, dass …“
Aber ich war schon Richtung Tür unterwegs, taumelnd, schluckend. „In welcher Richtung liegt … der Flugplatz?“
„Frau Kay, ich denke, es stimmt etwas nicht mit Ihnen. Setzen Sie sich bitte, ich werde …“
Und in diesem Moment klingelte das Telefon. Und ich beobachtete die Rezeptionistin, als sie der Stimme am anderen Ende der Leitung zuhörte. Und ich sah sie zu mir hochblicken, ihre Augen voller Entsetzen und Grauen. Und die Zeit schien still zu stehen. Und erst dann verstand ich, was Betty gemeint hatte.
Übersetzung: Philipp Stummer


 
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