Bar Paradise

Lucia Munaro
19.01.2014
 
Bar Paradise
Es mochte kurz nach Mittag gewesen sein, als eine Kundin hereinkam, vielleicht auch schon ein Uhr, überlegte Tiziana. Schwer zu sagen, bei dem ganzen Wasser. Draußen goss es in Strömen. Seit Tagen war das Wetter schlecht. Der Regen hatte in der Nacht angefangen und seitdem nicht mehr aufgehört.
Das Licht war fahlgrau und ließ sich nicht recht bestimmen, der Himmel war eine regenschwere Wolkendecke. Auch die Zeit ließ sich nicht recht bestimmen, und Tiziana wollte gar nicht wissen, wie spät es war. Nichts bot einen Anhaltspunkt für die Tageszeit, weder die große Platane, die sonst ihren Schatten auf das Straßenpflaster mit den Plastiktischen und –stühlen der Bar warf, noch die Wärme der Sonne oder der Einfallswinkel der Strahlen, die sonst das Fenster erreichten und die bestickten Vorhänge und die Wand hochkletterten.
An einem anderen Tag - ohne all den Regen - wäre die Bar um diese Zeit voller Leute gewesen. Sie hätten die Tische draußen und auf der Veranda besetzt und Kaffee, Getränke oder einen Imbiss bestellt. Mit den Thermen samt Schwimmbad, Park und Wasserspielen ganz in der Nähe lag Tizianas Bar strategisch günstig, und das Geschäft lief gut.
Doch die paar Kunden des heutigen Vormittags konnte sie an den Fingern einer Hand abzählen. Die Stammgäste, die bei ihr immer einen Kaffee tranken, bevor sie zur Arbeit gingen, waren Vertraute geworden, die ihre kleine Welt behüteten.
Von Tiziana hinter der Theke war nur der Oberkörper mit den langen, schwarzen Haaren zu sehen, man konnte eine mollige Figur erahnen. Nur selten kam sie hinter der Theke hervor. Wie in einem Kokon oder wie eine Bienenkönigin schien sie dahinter zu leben, im Schutz eines permanent laufenden Fernsehers an der Wand, der ständig Bilder in den Raum warf, inhaltsleere Träume mit unwirklichen Figuren, gekünstelte Geschichten mit dem einzigen Zweck, sie von der Welt dort draußen abzuschotten, damit sie ihre Rolle ausfüllte und die unangefochtene Königin ihres kleinen Reiches blieb.
Diese neue Kundin hingegen kam von auswärts. Tiziana sah sie eintreten und - sobald sie sich im Schutz der Veranda befand - den Schirm ausschütteln, bevor sie ihn zuklappte. Selbst der sportliche Regenmantel, den sie trug, war klatschnass, obwohl die Frau nicht lange durch den Regen gegangen war. Sie hatte ihr Auto in einer kleinen Seitenstraße ganz in der Nähe geparkt. Sie strahlte einen jugendlichen Elan aus, obwohl sie nicht mehr ganz jung war, und wirkte in ungewöhnlicher Weise etwas geistesabwesend. In dem ansonsten unscheinbaren Gesicht trug sie ein verhaltenes Lächeln. Hätte Tiziana es beschreiben müssen, so hätte sie es vielleicht bäuerlich genannt, Vertrauen erweckend.
Sie bestellte lediglich einen Espresso, ohne Zucker. Sie warte auf jemanden, sagte sie. Sie fragte nach dem Namen der Straße, in der die Bar lag, und kehrte sogleich zur Eingangstür zurück und sah hinaus. Unruhig trat sie manchmal ins Freie, ohne sich um den Regen zu kümmern, sie zog lediglich die Kapuze ihres Regenmantels hoch und suchte die Straße in der Richtung ab, aus der die erwartete Person im Auto kommen sollte, dann kehrte sie unter die Veranda zurück, um das Wasser abzuschütteln. Es goss in Strömen. Ein paar Mal telefonierte sie mit ihrem Mobiltelefon, dann kam sie an die Theke und wechselte ein paar Worte mit Tiziana.
Sie warte auf jemanden, der sich dem Navigator anvertraut habe, um hierherzukommen, sagte sie. Tatsächlich sei er Umwege gefahren und werde später eintreffen als geplant. Sie wollte auch wissen, ob es in der Nähe ein Restaurant gebe, wo sie und die Person, auf die sie wartete, essen gehen konnten. Tiziana kam es merkwürdig vor, dass sie sich ausgerechnet hier verabredet hatten, an einem Ort, den die beiden kaum oder gar nicht kannten. Sie empfahl ihr jedenfalls die Pizzeria ein paar hundert Meter weiter. Die Betreiber seien Bekannte von ihr, und auch wenn die Küche irgendwann schließe, sei es auf jeden Fall einen Versuch wert, antwortete sie; ansonsten nein, andere Lokale kenne sie nicht, es gebe zwar welche in der Umgebung, sie sei sich aber nicht sicher, ob sie um diese Zeit geöffnet waren.
Danach sprachen sie über das Für und Wider neuer Technologien, solcher Apparate wie dem Navigator, die die wirklichen Wahrnehmungen immer mehr durch eine virtuelle, aus Algorithmen entstehende Realität ersetzten; sie waren erdacht worden, um das Leben zu erleichtern, machten es in Wahrheit aber oft noch komplizierter. Die beiden Frauen entpuppten sich als Skeptikerinnen. Tiziana ergriff die Gelegenheit, über ihren Ehemann Lorenzo zu sprechen, der solche Geräte beruflich nutzte.
Sie freue sich darauf, abends zu Lorenzo zurückzukehren, sofern er nicht – wie so oft – auf Dienstreise war. Sie sprach es zwar nicht aus, aber es war offenkundig, dass sie ihn liebte.
Doch gerade die einsamen Nächte in der gemeinsamen Wohnung ermöglichten es Tiziana, die Tage in ihrem vergoldeten Kokon hinter der Theke der Bar Paradise zu verbringen. Es hatte sich ein Kreis von Freunden gebildet: Stammkunden und Nachbarn wie die von der Pizzeria, die ab und zu ein Stück Pizza oder andere Leckerbissen aus ihrer Küche vorbeibrachten wie Gaben, die man einer Königin darbietet.
Unwillkürlich begann sie, mit dieser fremden Frau über ihren Traum zu sprechen, mit der Bar Paradise genügend Geld zu verdienen, um eine Familie zu gründen; von Lorenzo ein Kind zu bekommen war ihr größter Wunsch. Doch diesen Traum hatten sie vorerst zurückgestellt. Sie wollten erst finanzielle Sicherheit erlangen, denn mit einem Kind würde sie eine Zeitlang nicht arbeiten können. Und diese verregneten Wochen, wenn die Kunden ausblieben und die Bar Tristesse ausstrahlte, kamen völlig ungelegen. Die Miete war hoch, und Tiziana spielte bereits mit dem Gedanken, eine kleinere und billigere Bar ein paar Kilometer weiter zu pachten, erzählte sie der Kundin. Die hörte ihr zwar aufmerksam zu, blickte aber ab und zu verstohlen auf ihr Mobiltelefon, das sie nicht aus der Hand ließ.
Doch das wäre nicht dasselbe wie die Bar Paradise. Hier, in ihrem kleinen Reich, waren die Kunden Protagonisten einer Geschichte, die sie zwar nie schreiben würde, die sie aber Tag für Tag hinter dem Tresen ihrer Bar erlebte. Das sagte Tiziana nicht, sie beschränkte sich darauf, sich über den Regen zu beklagen, der die Kunden fernhielt. Es waren die Gedanken der Frau. Und die Frau stellte sich vor, dass die Stammkunden auch abends, nach der Arbeit, bei Tiziana vorbeischauten, bevor sie nach Hause gingen, wie Soldaten, die ihrer Königin die Treue hielten.
Dann verabschiedete sich die Kundin plötzlich hastig und mit einem Lächeln und ging wieder auf die Straße hinaus; und endlich blinkten die Scheinwerfer eines Autos auf. Etwas unbeholfen schloss sie mitten auf der Straße ihren Regenschirm, und nass wie sie war, während das Wasser aus den Falten ihres Regenmantels in Rinnsalen herunterlief, stieg sie in das Auto ein und beugte sich zur Begrüßung zu dem Mann am Steuer hinüber.
Nach dem Essen kehrten die beiden wieder in die Bar zurück, um dort ihren Kaffee zu trinken. Sie blieben nicht lange, und während sie auf der Veranda saßen, bemerkte Tiziana zwischen ihnen eine beinahe neckische Vertrautheit.
Als die beiden sich dann draußen voneinander verabschiedeten, holte die Frau aus einer Tüte in ihrem Auto einen völlig unpassenden Strohhut, der eher gegen die Sonne Schutz bieten mochte, und setzte ihn sich lachend auf, womöglich nur um ihn dem Mann zu zeigen, vergaß ihn dann aber abzunehmen, ohne sich um den weiter heftig niederprasselnden Regen zu kümmern. Die beiden umarmten sich mehrfach, und die Frau schien sich nur schwer von ihm trennen zu können. Doch schon im nächsten Moment lächelte sie wieder, bis jeder von beiden schließlich in sein Auto einstieg, um in entgegengesetzte Richtungen davonzufahren.
Tiziana sah währenddessen nach draußen, um wenigstens eine Lücke in der nach wie vor grauen und erdrückenden Wolkendecke ausfindig zu machen, doch der heftige Regen schien nicht aufhören zu wollen, und der Himmel versprach lediglich weitere Niederschläge.
Wer weiß, wie lange und für wie viele Tage noch.
 
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