Begegnung am Zaun

Hennes Rüter
03.04.2010
 
Begegnung am Zaun
Mit versteinerten Gesichtern bauten sich Almunde und Franz Mittermeier vor dem Fremden auf. Franz richtete seine Forke bedrohlich auf den Eindringling und blickte ihm mit streitsüchtigen Augen ins Gesicht.

Wie immer hatten Almunde und Franz das kleine Feld vor ihrer Almhütte beackert und wie immer hatten die beiden den Eindruck erweckt, als würden sie die vielen Touristen, die sie über den Zaun hinweg beobachteten, gar nicht wahrnehmen. In Wirklichkeit aber ärgerten sie sich jedes Mal. Warum mussten all die Neugierigen ausgerechnet an ihrem Hof vorbeiziehen? Mit den Fremden wollten sie nichts zu tun haben.

Rolf Meier aus Stuttgart verbrachte gerade einen einwöchigen Wanderurlaub in Südtirol, als er die Bauersleute auf ihrem umzäunten Acker wahrnahm. Neugierig geworden, hatte er versucht, die beiden zu grüßen, und als sie nicht reagierten, vorsichtig das Gatter geöffnet.

Meier logierte am Rande des Dorfes in einer Pension und hatte für diesen Tag eine längere Wanderung zum Ende des Tales geplant. Schon mehrfach war er an dem kleinen Feld vorbeigekommen, das Bäuerin und Bauer mit ihren Hacken mühsam umpflügten. Jedes Mal hatte er freundlich und vernehmlich gegrüßt. Eine Antwort hatte er nie bekommen.

Schon vor 25 Jahren waren Almunde und Franz Mittermeier hierher auf den „Gampen“ gezogen, um der Stadt zu entfliehen und den Hof von Almundes verstorbenem Onkel zu übernehmen. Sie wollten abseits des Trubels zu sich selbst finden und waren entgegen den Warnungen der Leute aus dem Dorf anfangs sogar überzeugt, ihren Lebensunterhalt mit dem Ertrag des Hofes erwirtschaften zu können. Hilfe lehnten sie ab, so schroff, dass die Leute aus dem Dorf sich von ihnen abwandten.

Das wusste auch Rolf Meier. Abends, in der Gaststube, hatte er gefragt, ob jemand etwas über die wortkargen Menschen auf dem kleinen Acker wüsste, an dem er immer wieder vorbeigewandert war. Doch niemand konnte oder wollte ihm antworten. Am besten, hieß es, er würde sich von ihnen fern halten.

Rolf Meiers Ehrgeiz war geweckt. Schließlich hatte er soeben erst einen Kurs über „Gewaltfreie Kommunikation“ absolviert. Er fühlte sich keineswegs als oberflächlicher und störender Tourist. Außerdem war er dieses Mal allein unterwegs, um möglichst viel über die Einheimischen zu erfahren und sich mit ihnen auszutauschen.

Also steuerte er direkt auf das Paar zu, das sich wieder mit dem schweren Boden abrackerte. Er grüßte wie immer laut und freundlich, und wie immer blieb eine Reaktion aus. Als auch ein zweiter und dritter Versuch ohne Antwort blieben, öffnete er vorsichtig das Tor.

Aufgeschreckt durch das Quietschen des Gatters hielten Almunde und Franz Mittermeier inne. Mit weitausholenden Schritten stampften die beiden über ihr Feld und stürzten dann auf den unverschämten Kerl zu, der es soeben wagte, in ihr Refugium einzubrechen. Schulter an Schulter, mit versteinerten Gesichtern und blitzenden Augen, bauten sie sich vor dem Störenfried auf und Franz Mittermeier richtete die Zinken seiner Forke drohend gegen den Eindringling.

Rolf Meier erschrak. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Er stellte sich freundlich vor und sprach das Paar sogar mit ihrem Namen an, den er im Dorf erfahren hatte. Er lobte die schöne Lage ihrer Alm, redete über ihre schwere Arbeit, die umliegenden Berge und über ganz Südtirol. Doch über die zusammengepressten Lippen von Almunde und Franz Mittermeier kam kein Wort. Im Gegenteil, mitten in seinem letzten Satz spürte Rolf Meier die drei Zinken der Forke auf seiner Brust. Franz Mittermeier drückte ihn hinaus und schloss das Tor.

Almunde und Franz Mittermeier gingen zurück an ihre Arbeit, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Rolf Meier verharrte noch eine Weile. Dann, auf dem Rückweg, fragte er sich, was er falsch gemacht hatte. Er war sich doch so sicher, alles richtig gemacht zu haben. Genau so, wie er es im Seminar über gewaltfreie Kommunikation gelernt hatte.
 
 
 
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