Bis nach Agendorf

Michaela Schöller
22.01.2009
 
Zsuzsa, Zsuzsika, sei nicht so stur, sagt der Miklós Bácsi zu mir. Ich stemme meine Füße in die schwarze Novembererde. Mein Stofflöwe sitzt allein auf der kalten Ofenbank, wo ich ihn hingesetzt habe vor unserem Aufbruch aus Agendorf. Wir sind schon seit Stunden unterwegs und der Wind hat mit meinen trotzigen Tränen weißkalte Spuren auf mein Gesicht gezeichnet. Zsuzsa, Zsuzsika, anyuka und apuka werden ihn für dich holen, wenn sie zurückkommen. Sie werden ihn mit der Post schicken.

Onkel Miklós packt mich beim Arm und als ich nicht mehr weiterkann, nimmt er mich Huckepack. Er trägt mich über den Brennberg. Er trägt mich hinüber nach Österreich. Er hält mich in seinen alten Armen, als man unsere Daten aufnimmt und uns mit den anderen Flüchtlingen nach Wien schickt.

Als wir zwei Jahre später in den Zug Richtung Süden steigen, hält er mich, und er trocknet immer noch meine Tränen mit diesem vertrauten Miklósbácsilächeln. Die Spuren des weißkalten Novemberwindes sieht man noch auf meiner Haut, manchmal, wenn sich die Nacht zäh und blau über das Land legt, so wie in meiner Erinnerung in Agendorf. Hier passiert das nie so träge und zaghaft wie in der Kleinen Puszta. Weil hier stellen sich die Berge der Behäbigkeit in den Weg und irgendwie ist das gut so. Weil dann dauert die Traurigkeit ein bisschen weniger lang.

Hinter den Bergen reden sie fast so wie wir, nur ein bisschen anders. Ich bin damals sieben Jahre alt und heiße Horváth Zsuzsanna. Nachdem wir angekommen sind, heiß ich aber nur mehr Susi, weil das mit dem zs, das ist zu schwer für die Südtiroler. Meinen Miklós Bácsi nennen sie hier Nikolaus, aber ich sage ihm trotzdem Miklós.

Daheim in Agendorf war der Horváth Miklós Schneider und in Südtirol ist der Nikolaus Horváth wieder Schneider. Und obwohl seine Hände schon ein bisschen zittern, bevor er seinen Vormittagsschnaps trinkt, ist er sehr beliebt und er kann sich auch nicht beschweren, dass die Einheimischen bei dem alten Ungarn nichts bestellen wollen. Das kommt einem vielleicht komisch vor, weil die ja nicht gleich so auf Du und Du sind mit jedem. Der Nikolaus Horváth näht wie kein Zweiter, haben die Leute gesagt. Und das ist sicher nicht an seinen kleinen, präzisen Stichen gelegen, weil seine Stiche, die waren gar nicht klein, und präzise schon gar nicht.

Ich hab eine tänzelnde Hand, hat er gesagt und gelächelt. Ich kann das bestätigen, weil er es auch gewesen ist, der den Endre genäht hat, meinen Stofflöwen, den wir 1956 auf der kalten Ofenbank vergessen haben. Der Endre war alles andere als schön. Er hatte einen leichten Silberblick, aber das war ein Silberblick zum Nimmerwegschauen. Eine seiner goldenen Pfoten war mit einem blauen Faden genäht, weil der gelbe aus war. Aber lieb war der, der Endre. Das liegt daran, dass ich mit jedem Stich ein bisschen was von mir und ein bisschen was von dir und von anyuka und apuka hineingenäht habe, sagt der Miklós Bácsi und das hab ich ihm sofort geglaubt.

Und jetzt kann man sich auch schon denken, weshalb halb Meran und die Leute von den umliegenden Dörfern so gern zu meinem Onkel gekommen sind. Weil der hat sich nicht nur angehört, was die von ihm auf den Leib geschneidert haben wollten. Der hat mit seinen Miklósohren aus Agendorf ganz andere Dinge gehört. Ob sie traurig gewesen sind oder verzagt, ob sie zu viel auf einmal wollten, ob sie mit einem wütenden Herzen in seine Schneiderei gestapft sind oder ob sie ihr leichthin federndes Gemüt so sorglos vor sich hergetragen haben, als wäre das Leben ein mulatság.

Und dann hat er genäht, der Nikolaus Horváth. Selten haben seine Kunden genau das bekommen, was sie bestellt hatten. Rock und Hose, Kittel und Mantel, Hemd und Schurz, zu kurz, zu lang, zu einfach, zu verspielt, zu angeberisch, zu zurückhaltend. Keiner hat sich beschwert. Wenn die Schwermütigen sich nach Unbeschwertheit gesehnt haben, hat er ihnen etwas von dem Stoff derer gegeben, die sich’s leicht leben.

Den Schwerelosen, die kaum den Boden berührt haben, wenn sie hereingekommen sind, denen hat er den Rock beschwert und sie der Erde ein bisschen näher gebracht. Er hat sich selten getäuscht in den stillen Wünschen dieser wortkargen Menschen. Aber dass anyuka und apuka den Endre schicken, da hat er sich geirrt gehabt, weil meine Eltern sind gar nicht mehr zurückgekommen aus diesem November in Budapest. Nicht nach Agendorf. Nicht nach Meran.

Der Miklós Bácsi hat gewusst, dass er mir keinen zweiten Endre nähen konnte. Weil jetzt hätte er ein bisschen zu viel Traurigkeit von mir hineinnähen müssen, und das kann nicht sein, hat er gesagt. Dann hat er mich an einem Sonntag bei der Hand genommen und wir sind aufs Vigiljoch. Weil sich mir gerade am Sonntag immer diese weißkalte Melancholie aufs Gesicht gelegt hat.

Das Weitausschauen hat mir an Sonntagen besonders gefehlt. Nach Agendorf und Harkau und Wandorf hab ich mich gesehnt und selbst nach Ödenburg, in das mich meine Eltern an manchen Wochenenden mitgenommen haben. Vom Feuerturm am Hauptplatz hat man so weit schauen können, bis hin zum Vergessen hat man schauen können. So weit und so lange, bis man wieder ganz leer war und makellos. Das Vigiljoch ist schon anders gewesen, aber der Miklós Bácsi hat immer so getan, als würde man von dort oben aus bis in die Puszta schauen können.

Kicsi Zsuzsika, ich seh ihn von hier ganz deutlich, den Kirchturm von Agendorf, den schönsten Kirchturm von überall, hat er dann gesagt. Als ich klein war, hab ich seinen zittrigen Fingern entlang geschaut, die Augen zusammengekniffen, und unser Haus gesehen, hab gesehen wie aus dem Rauchfang unserer Nachbarn Rauch aufgestiegen ist und wir haben darüber geredet, was die Ildikó und der Jancsi wohl auf dem Feuer haben.

Als ich älter wurde, hab ich so getan als ob, weil ich den Miklós Bácsi glücklich machen wollte. Sie trinken Pálinka und essen Gyulai Kolbász! haben wir gesagt und dann immer Schnaps und Wurst aufs Vigiljoch mitgenommen und nach Ungarn hinübergegrüßt. Csókolom! Küss die Hand! Und egészségedre!

Zurück hat er nie wollen, der Onkel Miklós. Es war ihm schöner aus der Ferne. Das ist, weil er sich gefürchtet hat. Weil es ihn trauriger gemacht hätte, als ich ertragen konnte. Weil Zurückkommen immer schwerer ist als Weggehen. Zsuzsa, Zsuzsika, sei nicht so stur im Traurigsein, hat er gesagt und ich hab ihn ernst genommen, weil er lächeln konnte wie kein Zweiter.

Der Miklós Bácsi hat über die Jahre und immer nur zwischen den Jahren an einer Decke für mich genäht. In die hat er alles hineingenäht, womit man sich gerne zudecken möchte. Den Geruch der zeitigen Frühlingsstunden, wenn das Jahr noch jung ist. Die lauten schmatzenden Küsse meiner Mutter hinter meinem Ohr, wenn sie mit mir Späße gemacht hat. Die schelmische Liebe meines Vaters.

Onkel Miklós’ Gabe, in das Gemüt der Menschen hineinzuschauen und dabei das Schöne über das Andere zu stellen. Die blauzwirnige goldene Pfote von Endre. Das schneeige Knirschen der Südtiroler Winternächte. Das Septemberrot der Abendsonne in Agendorf. Als der Onkel Miklós gestorben ist, hab ich mich unter diese Decke verkrochen und gewartet, bis die weißkalten Spuren auf meinem Gesicht verschwunden sind.

Dann bin ich auf den Berg gegangen, habe Decke, Pálinka und Gyulai Kolbász eingepackt und hinübergeschaut auf Agendorf. Ich hab gesehen, wie die Ildikó und der Jancsi geweint haben. Seid nicht so stur im Traurigsein, hab ich hinübergeschrien und Schnaps und Decke waren mir warm.

Dann bin ich, wie fast jeden Abend, hinuntergegangen ins Berggasthaus. Ich habe mir die Schürze umgebunden, die blaue Schürze, die man in meiner alten Heimat immer noch Fiata heißt und von der ich stapelweise in meinem Kleiderkasten liegen habe. Zum Schneiderhandwerk hab ich mich nämlich überhaupt nicht geeignet. Nicht, dass ich den Leuten nicht ins Gemüt sehen könnte, ganz im Gegenteil. Aber Kochlöffel und Zwiebelmesser liegen mir einfach besser in der Hand als Nadel und Faden.

Bevor ich mir die Bestellungen anschaue, die mir die Kellnerinnen und Kellner in die Küche tragen, werfe ich einen Blick in den Gastraum. Ich schau sie mir alle an. Die verliebten Paare. Die Einzelgänger, die ihre Zähigkeit vor sich hertragen wie eine Medaille. Die Ausgebrannten, die sich nach Ruhe sehnen. Die Fröhlichen, die ihr Glück verteilen wie lachende Glühwürmchen. Die Traurigen. Die, die vergessen wollen. Dann dreh ich mich lächelnd um und werfe mit tänzelnder Hand den Herd an.
 
 
 
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