Bis zum siebten Tag

Ulrike Dubis
14.10.2010
 
„Ich befinde mich wieder im vertragslosen Zustand. Beziehungstechnisch gesehen.“
„Was du nicht sagst.“
„Ich brauche …“
„… Fernsicht aufs Leben. Ich weiß.“ Auf der anderen Seite der Leitung schniefte es ein paar Mal recht unappetitlich, dann war es eine Weile still.
„Du, ich glaub, ich muss aufs Joch.“
„Ich bin gleich bei dir.“

Früher einmal, da war alles anders gewesen. Da hat sie Eiszapfen gemelkt, so lange, bis ihr die Hand festgefroren war und unter peinlichen Erklärungen verarztet werden musste. Wenn Sommer war, kroch sie auf allen Vieren auf ihrer Dachterrasse herum und riss das Unkraut mit den Zähnen aus, was wenigstens keiner sehen konnte und auch keine schmerzlichen Folgen nach sich gezogen hat, außer den seelischen natürlich. Doch dann hatte sie Mia kennen gelernt und die Insel auf dem Berg, die sie bereiste, wann immer es ging oder wann immer es bitter notwendig war. Sie konnte es sich leisten, schließlich schrieb sie, neben ihren Geschichten, brillante Reden für einen darob erfolgreichen Politiker, dessen Namen sie niemals, nicht einmal unter Folter, verraten hätte – nicht einmal Mia.

Es dauerte kaum eine halbe Stunde, bis Mia, beeidete Notfallssanitäterin in Herzensangelegenheiten und Bestfreundin sowieso, mit quietschenden Reifen vor Gretels Haus parkte. Ebenso schnell gelangten die beiden an ihr Ziel.

Der Hans dachte gerade an seine Ida, die oben am Berg fotografierte, als er vor der Seilbahnstation ein eiliges Keuchen wahrnahm. Er schaute aus dem Fenster und griff sofort zum Telefon.
„Sie sind wieder da“, flüsterte der Hans ins Telefon.
„Wer? Die zwei netten dicken Schriftstellerinnen?“ fragte eine freundliche Hotelrezeptionsstimme.
„Ja.“
„Wie viele Koffer?“
Der Hans lugte aus dem Fenster und flüsterte „Fünf. Und die eine hat wieder eine Sonnenbrille auf“.
„Dann gib ihnen bitte ein Wochenticket“, bedankte sich die Stimme, „und richte ihnen aus, dass ihre Liebeskummersuite – natürlich sagst du ‚Ihr Zimmer, gnädige Damen‘ – für sie bereit steht“.

„Eins versteh ich nicht“, sagte Mia, als die Seilbahn sanft in den Himmel entschwebte. „Erst servierst du deine Männer auf sagen wir unelegante Weise ab, und dann kriegst du dich selber nicht mehr ein.“
„Wenn du ein Schwein teilst, bluten auch beide Hälften“, antwortete Gretel etwas pikiert.
„So innig wart ihr?“
„Nein. Aber so glatt kann ein Schnitt gar nicht sein, dass er nicht weh tut.“
Die Landschaft suggerierte einen Themenwechsel von Wein auf Lärchenduft und auch die beiden netten dicken Schriftstellerinnen wagten einen versöhnlichen Blick in die nähere Zukunft. Im Foyer des Hotels steuerten sie sogleich auf den Ständer mit der Speisekarte zu, der ihnen für den kommenden Abend wieder ein Liebesgedicht an ihren Gaumen versprach. Dann zogen sie los.

Der Tag war noch jung. So kehrten sie auf ihrer Wanderung zum kleinen See unweit des Kirchleins noch bei einem Gasthaus ein, von dem sie wussten, dass sie mit immer wieder neuen Spezialitäten überrascht würden, die den Geschmack der Fremde und der Vertrautheit gleichermaßen in sich vereinten. Und die stets die Launen des jeweiligen Tages widerspiegelten – sogar ihre eigenen. Schließlich nahmen sie sich das letzte Stück Weg vor.
Sie warteten, bis die letzten Urlaubsgäste, Almhirten und Einheimischen die Gegend um den See verlassen hatten und vertrieben sich derweil die Zeit, indem sie ein bisschen über die Welt, Gottlosigkeit und Bigotterie, Prüderie und Unzucht schimpften. Bis alles ruhig war.
Dann folgte das Ritual. Gretel packte die Andreas-Hofer-Spielkarten aus. Mia schimpfte: „Ich hasse Kartenspiele!“ Gretel schrie „Ich auch!“ – und dann spielten sie, denn auch das gehörte dazu. Strip-Poker auf Südtirolerisch: ein schnelles Spiel, und das mit Absicht, bei dem flugs sämtliche Kleidungsstücke der Spielpartnerin vom Leib gerissen und mit lautem „Juche“ so weit wie möglich weggeworfen werden. Als sich die beiden splitternackt gegenüberstanden, schrien sie im Chor „die Unterhose!“ und stürzten sich auf Gretels Rucksack, aus dem sie eine Männerunterhose hervorzogen. „Ist es wohl die Gebrauchte von letzter Nacht?“ fragte Mia fordernd, und Gretel erwiderte „Bei meiner Ehr‘, dem Andreas Hofer und seinen Karten!“ Sie spießten die Unterhose auf den Stock, den sie beim Heraufgehen gefunden hatten, und schwangen ihn feierlich über ihren Köpfen. Dann stemmten sie ihre feisten Beine steif und stramm in die weiche Sommererde, hielten ihre Fahne hoch und verkündeten revolutionäre Parolen: „Freizeit, Schönheit, Schwesterlichkeit“. Johlend und singend begannen sie dann ihre Runde um den See. Wie bei einem tänzerisch-spirituellen Staffellauf reichten sie einander abwechselnd die Unterhosen-Trophäe, um sich dann wie Ballerinas zu drehen und dabei ihre bemerkenswert großzügigen Hinterteile anmutig durch die sommerlaue Luft zu schwenken. Ein Anblick, der das ästhetische Empfinden eines Barockmalers mehr als befriedigt hätte. Als sie den See umrundet hatten, sprangen sie laut schreiend ins Wasser, das nicht einmal so kalt war wie befürchtet und wärmten sich dann am Lagerfeuer, das sie für die Feuerzeremonie angefacht hatten. Mia drehte die aufgespießte Unterhose über dem Feuer, langsam begann sie Farbe anzunehmen und strömte dabei einen Geruch aus, der die beiden netten dicken Schriftstellerinnen an Unterwäschenschicksale erinnerte, die sie gerne vergessen hätten.
Aus der Unterhose stieg urplötzlich eine Stichflamme auf, sodass die beiden zurückschreckten. Dann fiel das gute Stück verkohlt ins Feuer.

„Das ist uns jetzt auch noch nie passiert“, stellte Gretel verwundert fest.
„Wer weiß, was der in seine Unterhose hinein produziert hat.“
„Lass uns gehen“, hievte sich Gretel empor. Das Werk war vollbracht.
Den Tipp des Räucherns und Abfackelns zum Zwecke der Seelenreinigung hatten sie übrigens von einer Hotel-Mitarbeiterin bekommen, die gerade eine Fortbildung zur Schlernhexe absolvierte und von der Umsetzung dieses Rituals glücklicherweise nichts wusste.

Die späte Sonne pinselte schon schlanke Schatten auf das abendlichtverzerrte Landschaftsbild, als die beiden sich auf ihren Rückweg zum Hotel machten.
„Sag einmal, wie bist du eigentlich an die Unterhose gekommen? Ganz freiwillig wird einer ein solches Souvenir wohl nicht rausrücken.“
„Diesmal war es heikel. Der war ja so ein Zwängler und hat immer fein säuberlich seine Kleider aufgehängt und ordentlich zusammengefaltet, bevor er sich zu mir ins Bett gelegt hat.“
„Igitt“, schüttelte es Mia.
„Eben. Der hätte mir am nächsten Tag das ganze Haus auf den Kopf gestellt und mich sogar den Tresor aufsperren lassen, und die Gefriertruhe, nur um seine blöde Unterhose wiederzubekommen. Hat er übrigens auch. Deshalb habe ich sie in weiser Voraussicht in einen Plastiksack gegeben und bin in den Garten gegangen, um sie zu vergraben. Dass er mich nicht das ganze Grundstück umgraben lassen würde, wusste ich. Weil dann hätte ich ihm die Schaufel in die Hand gedrückt. Blöderweise fuhr gerade eine Polizeistreife vorbei, als ich beim Graben war.“ Gretel atmete tief ein und Mia hielt die Luft an. „Jedenfalls haben sie es gesehen und haben mich dann gleich wichtigtuerisch mit diesen grellen Polizeitaschenlampen angeblendet. Sie wollten natürlich wissen, was ich da mitten in der Nacht tue – im Negligé, mit einer Schaufel und einer Unterhose. Ich hab gesagt, dass das zum Liebesspiel mit meinem Mann dazugehört, seine Unterhose im Garten zu vergraben, dass er mir dabei vom Fenster aus zuschaut und dass sie bitte gehen mögen, weil ihn das sonst abtörnt. Dann wollten sie zu ihm hinaufgehen – um ihn ‚persönlich zu befragen‘ – und ich habe sie natürlich mit allen Mitteln zu stoppen versucht und gesagt, er sei eine prominente Persönlichkeit – was ja auch stimmt – und wenn das an die Öffentlichkeit käme, könnte das seinem Ruf schaden. Außerdem könne ich in meinem eigenen Garten wohl so viele Unterhosen vergraben wie ich wolle. Der eine ist dann noch auf die glorreiche Idee gekommen, Drogenhunde anzufordern, weil ‚wer vergräbt schon Unterhosen im Garten, wollen Sie uns für blöd verkaufen?‘ Dann hab ich ihn gefragt, weil da war ich schon stinkwütend, ob er nicht selber seine Nase in die Unterhose hineinstecken will und ob er glaubt, dass es eine Unterhose braucht, um Drogen im eigenen Garten zu vergraben, und ob er überhaupt ein Recht hat, mein Grundstück zu betreten, und ob sie überhaupt keine libidinösen Phantasien hätten. Dann sind sie gegangen. Die Unterhose hab ich dann wieder ausgegraben, nachdem ich mit dir telefoniert hatte.“
Gretel war feuerrot im Gesicht. Mia lachte und zog Gretel durch die Eingangstür des Hotels. Sie waren angekommen. An diesem Abend machte der Koch Überstunden, aber das tat er gern, „dem Genuss zuliebe“, wie er seinen Lieblingsgästen gegenüber nicht oft genug erwähnen konnte.

Die folgenden Tage saßen die beiden netten dicken Schriftstellerinnen auf der Terrasse vor der Stube, die sie die stumme Ida nannten, und malten wolkenweiche Träume in die umliegende Landschaft: von kuscheligen Daunendeckchen, die Himmelsengel sanft auf den Tschögglberg gelegt haben. Das war nötig, um den Haflingerpferden dort auf der Alm ihren freundlichen, silbrig glänzenden Zauberblick wiederzugeben. Oder von den kleinen grauen Pünktchenwolken über dem Schlern, die sie den Schlernhexen in die Schuhe schoben, genau genommen deren Verdauungsprodukten. Denn sicherlich waren sie es gewesen, die dem Koch den Bottich Borlotti-Bohnen gestohlen hatten …

Am siebten Tag fuhren sie lachend und mit dem Bauch voller Geschichten hinab ins Tal.

Wenn Sie das nächste Mal ins vigilius kommen und zwei dralle, fröhliche Damen auf der Terrasse sitzen sehen, dann nehmen Sie doch Ihre Phantasie bei der Hand und setzen sich dazu. Sie werden sehen, der Berg kennt viele Geschichten, die nur darauf warten, erzählt zu werden.

Erschienen in mountain stories Edition 2010/11

Erschienen in mountain stories Edition 2010/11
 
 
 
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