Bremslicht

Ingrid Kloser
27.02.2019
 
Bremslicht
Leinen los ist wie Gedanken los. Der müde Kopf hält sich aufrecht im Fahrtwind. Müde nicht von gestern, auch nicht von vorgestern oder dem letzten Jahr. Müde einfach. Ausfahren, langsam aus dem Hafen tuckern. Der Wind streichelt das Gesicht. Vorerst aber in der nahen Bucht bleiben, also noch keine Segel setzen. Anker werfen. An Deck sitzen und rauchen. Auf den roten Feuerball warten.
Ein Sprung ins grüne Wasser. Dumpfer Schlag am Kopf. Abtauchen und wieder auftauchen. Schlafwärme verliert sich im kalten Wasser. Träume und alte Gedanken auch. Kräftige Stöße schwimmen. Zug in den Lenden genießen. Dreimal um das Boot. Eine Ente schreckt auf und rennt mit ein paar Schritten über das Wasser. Die Nase ist auch über Wasser, die Lippen fest zusammengedrückt. Schaukelnde Flaumfedern durchschwimmen. So etwas wie Einheit ahnen. Letzte Runde am Rücken, Beine strampelnd. Lustvoll strampelnd. Weißlicher Himmel. Die Sonne ist schon aufgegangen. Hochklettern der Leiter. Zitternder Körper noch ohne Gedanken. Haut und Körper lassen sich gerne mit dem Handtuch reiben. Die Zehen auch. Zehen sind eigenartige Wesen. Jetzt doch Gedanken an den Tag. Die Stunden sinnvoll füllen wollen. Die gefüllten Stunden untereinander schreiben und zusammenzählen wollen. Dann die Rechnung des Tages präsentieren. Ein Buch lesen. Die Akten. Drei Anrufe. Eine Verbindung nutzen. Danach sich zurücklehnen und den Abend genießen. Da man ja etwas getan hat.
In der Koje riecht es nach Kaffee. Es. Riecht. Nach Kaffee. Daheim riechen. Ein Leben lang heimkommen wollen. Es in der Brust fühlen. Auf dem Tisch, der Brotlaib liegt auf einem Holzbrett. Butter und Marmelade. Sich erinnern, wie Butterbrot schmeckt. Das Papier der Butter liegt verkehrt herum. Es mit dem Messer abschaben. Vom Brot eine Schnitte nach der anderen abschneiden. Durch die Koje wandert ein Lichtschein. Tausend winzige Tänzer zucken. Hungrig Butterbrot mit Marmelade kauen. Luxus empfinden. Auf dem Wasser Fischerboote, werden lauter, leiser. Es schaukelt. Teller, Tasse, Messer rutschen. Das Sirren am Mast. Es bedeutet: Am Boot sein.
Heute drei Akten. Morgen zwei. Im Schatten des Sonnensegels arbeiten. Erst nach hundert Seiten aufstehen dürfen. Und noch drei Anrufe. Am Mittag steht die Sonne senkrecht am Himmel. Ein mildes Lüftchen weht. Man könnte arbeiten, da der See ruhig ist. Könnte. Müsste. Sollte. Stattdessen Zwiebel anschwitzen. Spaghetti kochen. Nachher arbeiten wollen. Die Zwiebel in dem heißen Öl wenden. Es ist ein Schwenkherd. Der ist praktisch, geht bei jeder Welle mit. Die Wellen. Stehend das Schaukeln ausgleichen. Der Körper ist immer in Bewegung, darum auch die Müdigkeit am Abend. Anders müde sein am Boot. Die Nudeln zwischen den Zähnen zermalmt, wecken Bilder von aufgeschlagenen Knien. Krustenkratzen einen Sommer lang. Kleine Säckchen mit Parmesankäse. Die Ecken abschneiden, der Käse rieselt. Die Knie schmerzen schon nicht mehr. Widerspenstige Würmer rutschen von der Gabel. Werden mit den Lippen eingesogen. Spritzen das T-Shirt voll. Alles gut beim Zubettgehen. Schaukeln.
In der Nacht klopfen Wellen an den Rumpf. Einschlafen. Aufwachen. Irgendwo ein Signalton. Möwenschreie gar nicht so weit weg. Geschaukelt werden wie ein Baby. Draußen an Deck, ein kühler Wind weckt die Haut. Das Boot eine Insel. Bootgedanken sind anders. Ein geliebtes Gesicht ist nicht nur Gesicht. Es ist Berührung. Im Leibe spüren, wie Verliebtheit sich in Liebe wandelt. Schwimmen im schwarzen Wasser. Dreimal um das Boot. Die Ente. Den Körper kraftvoll abreiben. Den Körper in eine Decke wickeln. Rauchen. Die Lichter am Ufer, wieder Einheit ahnen. Der Ball rollt sich aus dem Nichts. Welchen Tag haben wir? In der Koje Kaffeegeruch. Es gibt Brot und Butter und Marmelade. Die Haut riecht nach Wasser. Ist noch kühl. Als würde der Körper noch schwimmen. Der Brotbrei im Mund fängt an süß zu schmecken, auch ohne Marmelade. Wieder Daheimgeschmack im Mund. Am Kartentisch, auf dem Ziffernblatt der Schiffsuhr zuckt wortlos ein Zeiger und verschont den Kopf. Heute etwas Sinnvolles tun. Segeln zum Beispiel. Segeln ist durchaus präsentierbar. Man kann berichten, ich bin von da nach da gesegelt. Ein Buch ist auch zu nennen. Und Arbeit sowieso. Es ist aber so schön, vor Anker zu liegen. Wie Robinson auf seiner Insel. Man wird wenig sagen können. Das Herzklopfen ist nicht zu fotografieren.
Mit der Stielbürste das Deck abbürsten. So ein Dreck. Die braune Sauce rinnt von Deck und tropft in das grüne Wasser. Schwitzen. Endlich wieder schwitzen! Mit der Zigarette im Mund arbeiten. Sich wie im Film fühlen. Sich sauwohl fühlen. Das Holz bis in die letzten Ecken rein fegen. Nichts auslassen. Kein Ende in Sicht. Nachher wieder ins Wasser springen. Dumpfer vertrauter Schlag am Kopf. Abtauchen. Auftauchen. Die Ente ist schon eine alte Nachbarin. Zehen abreiben. Zehen sind lustige Wesen. Spaghetti kochen. Diesmal mit Knoblauch. Stehend die Welle ausgleichen. Kaum stehen können vor Müdigkeit. Wie spät ist es? Die Sonne wirft schon ihr Glitzern auf das Wasser. Nudeln kauen. Wirklichen Hunger stillen. Das Warme spüren, wie es abwärts rutscht. Sonnenstrahlen fallen durch die Luke, wärmen einen Streifen Unterarmhaut. In diesem Moment die kleine Luke, den Unterarm, die Haut, die Sonne lieben. Nudelbrei im Mund. Ist das Glückseligkeit? Mit dem Finger den Topf ausputzen und lange schlecken. An Deck eine rauchen. Zufrieden das glänzende Holz betrachten. Verbliebene Bürstenhaare mit der Fußspitze ins Wasser stoßen. Die Arme spüren. Vorne am Bug sitzen und die Beine baumeln lassen. Nicht Segel setzen, nicht die Stille stören. Morgen vielleicht mit der Stielbürste den Rumpf bürsten. Es muss schwimmend getan werden. Es ist anstrengend. Doch der Mensch spürt schon die Kraft. Eine kleine Dose Tomaten steht noch im Schrank über dem Schwenkherd. Eine Zwiebel baumelt in dem Netz über dem kleinen Spülbecken. Spaghetti mit Tomatensauce essen. Schwitzen. Abtauchen. Auftauchen. Die Ente begrüßen. Ihr zunicken. Auf einmal so verliebt sein in diese Zehen. Die Großen, an der Spitze der Pyramide. Die geliebten Gesichter noch inniger lieben. Kein Akt. Kein Anruf. Kein Buch.
Die Beine baumeln über der Reling. Warten auf den Feuerball.
Bremslicht des Tages.
 
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