Das Bad im Moor

Renate Wutte
12.04.2015
 
Das Bad im Moor
Der Schlüssel passte. Leichter als gedacht drehte er sich im Schloss und die Tür sprang auf. Der Duft von warmem Holz empfing sie; sie war willkommen.
Die Nachbarin hatte ihr die kleine Hütte oben am Berg angeboten. Bescheiden war sie, aber mit dem Nötigsten ausgestattet, so dass es sich gerade im Sommer für ein paar Tage angenehm leben ließ.
Es war das, wovon sie träumte: ein ungestörter Ort zum Nachdenken, zum Spinnen von zarten und dichten Geweben, die sie Gedichte nannte. Vielleicht auch ein paar Geschichten. Mal sehen.
Als sie die Fensterläden geöffnet hatte, durchflutete der Wald den Raum. Ihr war, als seien die Nadelbäume, die für die nächste Zeit ihre einzigen Begleiter sein würden, zu ihr ins Zimmer gestiegen. Mächtige Beschützer, gewiss. Doch sie hoffte, sie würden es auch am Abend bleiben und in der Nacht – und sich nicht als bedrohliche Riesen entpuppen.
Die dunkle Kehrseite ihrer Phantasie … Sicher, sie war dankbar für diese Gabe. Eine gute Fee hatte sie ihr in die Wiege gelegt, wohl wissend, dass ihr Leben sonst nicht auszuhalten sei. Doch das Geschenk war doppelbödig und brachte auch Schatten in ihr Dasein, Traumgespinste, die scheinbar nur sie sah und welche die Konturen der Realität verzerrten.
Deshalb hatte sie auch immer wieder das Angebot der Nachbarin ausgeschlagen, obwohl sie nach Stille geradezu süchtig war. Doch die gute Frau hatte ihr versichert, es kämen an sonnigen Sommertagen Wanderer vorbei, brave Leute, die es in die Nähe des kleinen Moorsees zog und die auch gerne ein paar Worte wechselten.

Als hätte er sich während der Nacht eine Decke aus dunkelgrünem Samt übergezogen, schlummerte er zwischen Wollgras und Fieberklee, und erst mit Fortschreiten der Vormittagsstunden wagte er es, sein helleres Unterkleid zu zeigen. Doch so sehr die Sonnenstrahlen sich auch bemühten, ihm ein Lächeln zu entlocken, haftete dem See etwas Verdunkeltes an. Er gab sein Innenleben nicht preis.
Sie verstand das, waren die Menschen doch auch so. Nicht alle. Aber einige. Vielleicht gehörte sie auch dazu.
Schließlich überwand sie die Spur von Beklemmung, die sie plötzlich überfallen hatte, und ließ sich in das dunkle Nass gleiten. Als guter Schwimmerin war ihr Wasser vertraut, und nach der ersten Nacht in der Hütte, die gar nicht so schlecht verlaufen war, genoss sie das Bad. Wie viele Kreise sie gezogen hatte, darauf hatte sie nicht geachtet, doch es musste auf Mittag zugehen und sie beschloss, ans Ufer zu gehen.

Am Ufer stand ein fremder Mann und reichte ihr ein Handtuch. Sie war überrascht. Sie hatte nämlich nichts dabei, war nur in ihrem Badeanzug zum See gelaufen. Also musste es sein Handtuch sein. War er zum Schwimmen gekommen?
„Nehmen Sie es ruhig und hüllen Sie sich ganz darin ein. Ich habe noch eines dabei.“
Während sie sein Angebot dankbar lächelnd annahm, fiel ihr Blick auf eine Decke, auf der eine kleine Brotzeit hergerichtet war.
„Möchten Sie mir Gesellschaft leisten? Ein bescheidenes Mahl: Brot, Käse, die Tomaten habe ich heute erst in meinem Garten gepflückt.“
Seine Stimme war tief und warm und passte zu seiner sportlichen, doch nicht zu mageren Gestalt. Graues Haar und ausgeprägte Gesichtszüge ließen vermuten, dass er nicht mehr ganz jung war, vielleicht um die Fünfzig, so wie sie.
Plötzlich fiel ihr ein, dass sie noch nichts gesagt hatte.
„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. So ganz unerwartet verwöhnt zu werden…“
Während sie auf der Decke Platz nahm, fing er an zu erzählen: An freien Tagen mache er sich auf den Weg – meistens in die Berge – und lasse sich von dem überraschen, was sich ergebe. Ohne Plan, ohne Absicht. Er genieße es einfach, die Momente als solche zu erleben, auch Menschen zu begegnen.
„Und heute schaute ich lange einer geschmeidigen Nixe zu, die sich von ihrem See gar nicht trennen konnte.“
Sie erwiderte sein Lächeln und zeigte zur Hütte hinüber:
„Ich verbringe dort ein paar Tage und übe mich darin, ganz allein zu sein. Ich habe mir immer mehr Zeit für mich gewünscht. Doch Zeit im Überfluss zu haben, ohne sie mit vielen Tätigkeiten auszufüllen, ist nicht so einfach.“
„Und wie ist es damit, Zeit mit einem Menschen zu teilen?“ Er sah sie erwartungsvoll an.
„Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen. Das ist sicherlich die schönste Art. Doch zwei gescheiterte Beziehungen haben mich nachdenklich gestimmt und führten schließlich dazu, dass ich mich zurückgezogen habe. Was nicht schlecht ist. Zum ersten Mal bin ich meine eigene Gefährtin. Dachte nie, dass dies so spannend sein könnte.“
„So leben Sie also in Ihrer Hütte wie eine fromme Einsiedlerin?“
Sie musste lachen.
„Ganz so fromm bin ich nicht. Und Einsiedlerin? Ich weiß nicht. Ich schreibe gern.“
„Also eine Geschichtenerzählerin! Respekt! Wovon erzählen Sie, wenn Sie schreiben?“
Sie dachte kurz nach.
„Von mir.“
Wiederum machte sie eine Pause.
„Es sind Momentaufnahmen, Skizzen einer Frau, die ihre Sehnsucht zu leben spürt, aber immer wieder über die eigenen Ängste und Zweifel stolpert. Der Wunsch und die Fähigkeit zu lieben, doch feste Beziehungen? Vielleicht ist das unser Lebensweg: eine Zeit lang Glück zu zweit, dann wieder allein. Alles nachvollziehbar, doch es schmerzt.“

Während der ganzen Zeit hatte sein Blick auf ihr geruht, schließlich wies er mit seiner Hand über das nahe Moor:
„Ein See kann beides. Ganz allein sich selbst genügen. Dann wieder eine Schwimmerin aufnehmen als Gast, solange sie es möchte.“

Er blinzelte ihr zu, krempelte sich die Hosenbeine hoch, wagte sich mit ein paar Schritten ins Wasser. Plötzlich drehte er sich lachend um und bewarf sie spielerisch mit Wassertropfen.


 
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