Das Bild

Vessela Haltakova
10.02.2014
 
Das Bild
In dieser Nacht hat sie wieder davon geträumt. Es war gleichzeitig schwarz-weiß und bunt, klein wie ein Notizblock und groß wie die Wand in dem Wohnzimmer, so eigen und doch seltsam fremd. Das Bild. Ihr Bild, das sie eines Tages malen würde – wenn sie die Zeit dafür findet, wenn sie keiner stört und wenn sie nicht mehr an die anderen denken muss, nur an sie beide – an sich und an ihr Bild. Sie wachte mit leichten Kopfschmerzen auf, schluckte ein Aspirin, duschte schnell, schminkte sich im Aufzug. Sie träumte von einem Job als Grafikdesignerin, als Bühnenbildnerin, als Schaufenstergestalterin sogar, oder Mallehrerin, war aber Zahnarzthelferin geworden – wegen der Geschicklichkeit ihrer Hände und der Schnelligkeit ihrer Finger. Diese Finger hielten keine Pinsel oder Computermaus, sondern mischten Füllungsmaterialien und bereiteten die Röntgenplatten vor – schnell, geschickt und schweigsam wie sie selbst.
Der Keilrahmen stand angelehnt an der Wand in dem Kinderzimmer, wegen Platzmangel in den anderen Zimmern der Wohnung, ihre Tochter hatte nichts dagegen, sie hatte sich daran gewöhnt – an den alten weißen Fleck, der mit den Jahren leicht gelblich und ein Teil des Zimmermobiliars geworden war. Sie wusste, dass sie damit groß wird, weil ihn ihre Mutter nie davon bewegen wird, sie rührte ihn nicht mal an, wenn sie in dem Zimmer staubsaugte. Er stand einfach da und wurde vergessen. Außer nachts, als er sich wie ein trauriger Kläger aufrichtete und die Mutter beschuldigte, dass sie ihn nie anrühren würde, nicht mal mit einem Bleistift oder Acryl, er bettelte um eine Zeichnung, um Farbe, war sogar damit einverstanden mit einem Filzstift bemalt zu werden, egal was, er war bereit jegliche Experimente mit Schminke, mit Lippenstift zu ertragen, sogar mit Weinspritzer, fließende Spuren Karottensaft oder Tropfen Brennnesselsuppe... Der weiße Kittel war ihr eng geworden, ihre Hände rührten mechanisch die nächste Füllungsmischung. Ein normaler Nachmittag mit allen diesen angeschwollenen, kranken, wartenden Patienten, gereizt und unzufrieden mit dem Leben. Sie war weder gereizt, noch unzufrieden, vielleicht etwas müde und apathisch, sie wollte nach der Arbeit einkaufen, dann kochen, fernsehen, wie war's in der Schule, wie war's bei der Arbeit, Schatz, ihren Mann und Kind von der schlimmen OP heute erzählen, davon, wie stark ihr Rücken schmerzt, danach ins Bett gehen... Und wollte so schnell wie möglich einschlafen. Weil dann erschienen wieder die Farben, fließend in den Formen, in die sie sie einordnen wollte, mit einem schwarz-weißen Anfang, ruhig, zurückhaltend, nicht chaotisch, introvertiert wie sie selbst, aber von den Ecken schleichen sich das Rote und das Blaue, ihre Linien treffen das Grüne und das Gelbe, kein grelles Gelb, nicht schrill und aufdringlich, sondern weicher Ocker, beruhigend und die Energie des Rotes balancierend, ein Rot, das nie ins Bordeaux gehen wollte, egal welche Farben sie dazu beimischte, ihre Finger bewegten sich unter der Decke, um die Feuerfarbe zu zähmen, dann hörten sie mit der Zähmung auf und wandten sich dem Blauen zu, um ihm Meeresnuancen einzuhauchen. Sie konnte in dieser blauen Farbe das Meeressalz spüren, es reichte ihr, es nur in ihrem Schlaf zu sehen, das perfekte Blau, das um sieben in der Früh mit dem Klingeln des Weckers verschwand und ein paar Stunden später wieder erwachte, wenn sie wieder einschlief. Als ob sie es nie wirklich malen wollte, als ob sie Angst davor hatte, dass es nie so schön wird wie in ihren Träumen. Aber sie wollte es auch nicht verlieren. Es zu träumen, davon zu fantasieren, es in ihren Gedanken zu formen – das war ihre kleine, gemütliche Ecke voll Glückseligkeit, ein Zufluchtsort von dem Alltag, wohin sie sich kurzzeitig zurückziehen und ihren Geist aufladen konnte, um ihr Leben weiterhin ohne Dramen zu leben. Sie kritzelte mit dem Kuli auf die Ränder aller Zeitungen in der Praxis, was ihre Kolleginnen verrückt machte, weil sie sehr oft das Zeitungspapier abriss und die Fetzen in ihre Tasche steckte, denkend, das seien die Motive für oben rechts in dem Bild. Die Zeitungsfragmente ordnete sie sorgsam, um sie nur ein paar Tage später wegzuschmeißen, weil auf dem gelblichen Zeitungsrand ein neues Fragment erschien, das schöner und filigraner war und besser für oben rechts passte... Bis eines Tages der Keilrahmen verschwand. Ihre Tochter feierte Geburtstagsparty, Mitschüler und Nachbarskinder waren eingeladen, das Kinderzimmer war eng, ein Junge stolperte, rutschte aus, trat den Rahmen mit seinem Turnschuh, kein Problem, sagte die Tochter, er war eh so alt, steckte ihn unter das Bett und die Geburtstagsfeier ging weiter... In dieser Nacht gab es keine bunten Träume, vielleicht lag es an der Aufregung und der Müdigkeit nach der Party. Der nächste Tag war Sonntag, ihre Tochter kam um halb zehn in das Schlafzimmer, um sie zu wecken, aber sie blieb im Bett, hatte starke Kopfschmerzen, hat die Jalousien unten gelassen, stand nicht für das Mittagsessen auf. Ihr Mann machte sich Sorgen, kochte ihr Tee und Hühnerbrühe, hat ihr Fieber gemessen, aber sie blieb im Bett, mir ist schlecht, ich kann nicht aufstehen, vielleicht nur niedriger Blutdruck. Oder ich habe mich erkältet. Am nächsten Tag ging sie nicht zur Arbeit, sie schlief nicht, war aber auch nicht wach, sie wollte nicht aufstehen, wollte einfach einschlafen, ihr Bild wieder sehen, die Anschuldigungen des Keilrahmens noch einmal hören, in ihre Welt eintauchen, sich nochmal alles detailliert vorstellen, alle Figuren und den Prozess – von der Bleistiftskizze bis zu den Farben. Ohne sie gesehen zu haben wollte sie das Bett nicht verlassen, und konnte es auch nicht. Sie kamen aber nicht, als ob sie es schon satt hatten, jede Nacht auf sie einzureden, ihre Finger zu bewegen, mit ihr die Farben zu mischen und den Terpentingeruch einzuatmen. Am Dienstag blieben die Jalousien wieder unten, sie wollte nicht zum Arzt gehen, trotz der Bitten ihres Mannes, mir geht es gut, ich habe nicht mal Fieber, morgen gehe ich zur Arbeit. Am Abend klopfte ihre Tochter leise an die Schlafzimmertür, öffnete sie leicht und schlich sich hinein, hinter dem Rücken etwas Großes und Viereckiges. Sie war nervös, leise, aber ungeduldig. Ihre Mutter setzte sich im Bett auf, was hast du mir gebracht? Dann legte ihre Tochter auf der gefalteten Decke den Keilrahmen mit dem gebrochenen, verbogenen Gestell. Das war nicht mehr der gelbliche Keilrahmen von der Kinderzimmerecke, er flimmerte mit dem leuchtenden Rot, mit dem Blau, duftend nach Meeressalz, mit dem warmen Ocker über die ruhigen, schwarz-weißen Bleistiftlinien, tanzend mit denen in geschwungenen Konturen – die Figuren aus den Zeitungsrändern, fließend übereinander, als ob sie nicht genug Platz gefunden hatten...
Mama, sieh mal, was ich heute Nacht geträumt habe!
 
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