Das Blatt

Susanne Brandt
12.04.2015
 
Das Blatt
Übermorgen bin ich zurück, hatte er seinen Freunden am Abend gesagt.
Dann versuchte er ein paar Stunden zu schlafen, stand früh auf, packte seinen Rucksack und ging die Straße bergab zum Seeufer.
Wäre er die ersten Kilometer mit dem Bus gefahren, hätte er den Weg bis zur Höhle in kurzer Zeit geschafft. Aber es kam nicht darauf an, schnell ans Ziel zu kommen. Der Weg musste am See beginnen. Genau dort, wo sie sich das erste Mal beim Schwimmen getroffen hatten. Vor 24 Jahren.

Die Bäume, dachte er, blieb stehen und schaute nach oben. Die Bäume flüstern noch immer in dieser rätselhaften Sprache, die wir manchmal zu deuten versuchten, wenn wir unter den rauschenden Kronen schweigend spazieren gingen. Er hatte sie gern von der Seite angeschaut, wenn die Blätter mit ihren Schatten bewegte Muster in ihr Gesicht zauberten. Vieles an ihr hatte auf besondere Art mit Bewegung zu tun: die Finger, mit denen sie sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht strich und ihre lachenden Augen, die wach wirkten und gleichzeitig unfassbar warm auf seinem Gesicht ruhen konnten, wenn er mit ihr sprach.

Gesprochen hatten sie oft miteinander. Gestritten auch. Aber das kam später. In den ersten Wochen vergaßen sie die Zeit und alles Trennende, wenn sie einander von den Büchern erzählten, die sie gerade lasen. Sie liebte Geschichten mit offenem Ende. Er interessierte sich für alles, was an die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft reichte: Philosophisches, vor allem aber Naturwissenschaftliches gehörte dazu. Er war heute noch davon überzeugt, dass sie die wirklich spannenden Dinge über das Weltall nicht in der Schule gelernt hatte, sondern in sternklaren Nächten dort am See durch sein Erzählen.

Der See war nicht der einzige Platz, an dem sie sich damals gern trafen. Nicht weit von der Höhle entfernt gab es eine kleine Lichtung im Wald, die im Sommer wie ein grünes Zimmer wirkte.
Hier war ihm zum ersten Mal aufgefallen, dass sie unverhofft für kurze Momente ganz verschlossen wirken konnte. Mitunter stockte sie mitten im Satz, wandte ihren Blick ab und sagte eine ganze Zeit lang gar nichts. Nie hatte er sie darauf angesprochen. Es gab ein stilles Einvernehmen zwischen ihnen, Geheimnisse zu respektieren.
Erst nach ihrem Verschwinden hatte er sich hin und wieder gefragt, welche unausgesprochene Botschaft ihm da vielleicht entgangen war. Dabei war das, was er bei ihr entdecken konnte, nicht wenig. Mit der Zeit hatte er ein gutes Gespür dafür entwickelt, wann es ihr gut ging und wann nicht. Er wusste ihre Mimik zu deuten, wenn sie nach stundenlangem Üben am Cello erschöpft war. Und er sah die Freude in ihrem Gesicht, wenn ein Musikstück nicht nur in ihren Fingern, sondern ebenso in ihrer Seele angefangen hatte zu leben.
Solange die Musik nicht in mir selbst lebendig ist, produziere ich nur tote Töne, hatte sie oft gesagt. Manchmal kam es ihm so vor, als würde sie in die Welt hineinhorchen und dort draußen im Wald etwas suchen, was sie zu Hause allein mit ihrem Instrument nicht finden konnte.

Ab und zu wartete er auch vergeblich an der Waldlichtung, weil sie zum verabredeten Zeitpunkt nicht dort erschien. Da sie sich nie ein Telefon zugelegt hatte, mussten für solche Fälle andere Nachrichtenwege gefunden werden. So kam irgendwann die Höhle ins Spiel.
Die Höhle war nicht weit von der Lichtung entfernt und bestand eigentlich nur aus einer Vertiefung in einer Felswand, groß genug, um zu zweit vor schlechtem Wetter und vor fremden Blicken Schutz zu finden.
Von dem Dorf auf der anderen Seite des Bergs musste sie bis zur Höhle etwa vier Kilometer laufen. Für sie war das auf jeden Fall besser, als sich von einem Telefon beim Spielen, Denken oder Träumen ablenken zu lassen. Telefone sind Zeitzerstörer, die ungefragt in die Stunden und Gedanken platzen, hatte sie ihm mal erklärt.
Ein Waldspaziergang dagegen war für sie ein Zeitgeschenk, mit dem es sogar gelingen konnte, zerrissene Gedankenfäden wieder zusammenzufügen.
Wenn sie also eine Verabredung mal nicht einhalten konnte, nahm sie selbst bei Dunkelheit den Weg zur Höhle gern auf sich, um dort in einer gut geschützten Felsspalte ein kleines, dicht beschriebenes Blatt Papier für ihn zu hinterlegen. Meistens enthielt ein solcher Brief einen Vorschlag für ein neues Treffen und noch ein paar freundliche, nach einigen Monaten sogar zärtliche Worte.

Er war deshalb auch nicht gleich beunruhigt, als sie damals auf den Tag genau vor 20 Jahren nicht wie verabredet an der Waldlichtung erschien. Erst hatte er eine Weile gewartet. Dann setzte er den Weg bis zur Höhle fort und tastete mit den Fingern wie gewohnt den kleinen, verborgenen Hohlraum ab, wunderte sich, tastete wieder. Das Fach war leer.

All die Jahre, in denen sie sich regelmäßig getroffen hatten, war er nie bei ihr zu Hause gewesen. Wo sie wohnte, konnte er sich nur ungefähr aus einigen Aussagen zusammenreimen. Sie dort zu suchen war das erste, was er unternahm, als er auch die nächsten Wochen keine Nachricht von ihr bekam. Aber niemand schien sie zu kennen. Und das Briefversteck in der Höhle blieb leer – Wochen, Monate, Jahre.

Irgendwann hatte er damit aufgehört, immer wieder nachzuschauen.
17 Jahre war er nun nicht mehr bei der Höhle gewesen, wenngleich ihm nie ganz der Gedanke aus dem Kopf ging, damals vielleicht doch irgendwas übersehen zu haben.
Natürlich hatte er auch andere Versuche unternommen sie zu finden. Doch weder das Internet noch Menschen aus der Gegend konnten mit ihrem Namen etwas anfangen. Lara Lento, so hatte sie sich damals bei ihm vorgestellt. Und weil in den Worten eine Melodie mitklang, die gut zu ihr passte, hatte er nie an diesem Namen gezweifelt.

All diese Erinnerungen begleiteten ihn, als er nun wieder den Weg vom See zur Waldlichtung und von der Waldlichtung bis zur Höhle zurücklegte. Die Höhle hatte sich nach all den Jahren kaum verändert. Ohne Mühe konnte er den Spalt zwischen den Felsen wiederfinden. Seine Hand zitterte, als er mit den Fingern anfing, den Hohlraum behutsam abzutasten.
Diesmal griff er nicht ins Leere. Zwischen den Steinen spürte er etwas. Und dann sah er es auch: Offenbar war da mit den Jahren im Verborgenen etwas gewachsen, hatte Nahrung gefunden und füllte jetzt die ganze Felsspalte mit frischem Grün und kleinen Blüten aus.
Vorsichtig zog er seine Hand zurück. Eines der hauchdünnen Blätter klebte an seinem Finger.
Er trat einen Schritt vor die Höhle, streckte die Hand mit dem Blatt der Sonne entgegen und wartete, bis das Blatt sich von allein löste. Wie von einem zärtlichen Hauch bewegt, wehte es einfach davon.
Er schaute ihm nach. Dann drehte er sich um und ging.
 
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