Das Echo meines Namens

Ulrike Dubis
22.01.2009
 
Ein Sommergewitter. Der Berg brüllt aus Leibeskräften. Jagt den Sturm durch ächzende Lärchen und peitscht den Regen an mein Fenster. Ich in einer heilen Welt aus Lehm und Leinen.

Ich sehe mich im Auto sitzen, ewige Landstraßen, wir auf der Rückbank. Meine Augen verfolgen einen dicken Regentropfen, wie er seine wirren Bahnen in Richtung Scheibendichtung zieht. Genau diesen einen habe ich mir ausgesucht. Ein richtig fetter Tropfen rinnt schneller, wegen seines Gewichts, habe ich mir gedacht, und wenn ich Glück hatte, verlief er sich sogar in die Bahn eines anderen, ebendort geronnenen Tropfens, dessen Spur ihm als Wegbeschleuniger dienen konnte, oder vereinte sich mit einem wartenden Tropfen, der ihm ebenfalls neuen Schwung geben würde. Dass ich diesmal den besseren gewählt hätte als meine Schwester, die neben mir saß und ihren auserkorenen Regentropfen anstarrte, dessen war ich mir sicher. Eine Zeit lang klebten sie zitternd und unbeweglich an Ort und Stelle, wir mussten langsam fahren, eine noch nicht geräumte Unfallstelle, an der Schaulustige im Schneckentempo vorbeifuhren. Ein Leichenwagen. Nein, es wäre ganz sicher ein Krankenwagen, beteuerte unsere Mutter, vermutlich aus Rücksicht auf uns. Es wurde spannend. Mein Tropfen war in die Bahn eines anderen geraten und befand sich jetzt gut und gerne acht Zentimeter unter jenem meiner Schwester, wo er allerdings an einer trockenen Stelle zum Erliegen kam. Es begann wieder stärker zu regnen, unser Vater beschleunigte. Ein frischer Regentropfen landete genau auf jenem meiner Schwester und ließ ihn sekundenschnell zur Scheibendichtung hinablaufen. Die Fliehkraft des Fahrtwindes, argumentierte sie und zuckte mit den Schultern. Leider, sagte sie dann. Dieses typische Kinder-Leider samt bemitleidendem Schulterzucken, mit dem Kinder so tun, als würde es ihnen etwas ausmachen, dass sie es besser erwischt hätten als man selber. Wie ich es gehasst habe. Und wie ich sie gehasst habe in solchen Momenten. Am liebsten hätte ich ihr die Augen ausgekratzt vor Wut. Aber mir auch noch eine Rüge einzufangen, dass man sich doch wegen eines Regentropfens nicht so aufregen dürfe und schon gar nicht angesichts der armen Menschen, die da nach ihrem Unfall wirkliche Sorgen hätten, das hätte mir den Rest und meiner Schwester noch mehr Anlass zu einem ihrer höhnischen Blicke gegeben. Das süffisante Grinsen einer um eine Stunde Älteren, die nie eine Gelegenheit ausließ, diese eine Stunde des Älterseins zu ihrem Vorteil zu interpretieren. Oder um ihre Überlegenheit zu demonstrieren.

Und doch waren wir immer eins. Unzertrennlich im stundenlangen Regentropfenzählen, bei unseren Regentropfenrennen, manches Mal habe ich ja doch auch gewonnen, bei diesen unsäglich langen Autofahrten mit unseren unternehmungslustigen Eltern. Einmal, damals, ist mir meine Puppe in die Falschauer gefallen, wir hatten mit unseren Puppen auf dem Brückengeländer Seiltanzen gespielt. Meine Marie, verschlungen von reißenden Fluten, ich starr vor Entsetzen. Meine Marie, mein Ein und Alles, einfach fort. Da hat sie sich ein Herz gefasst und mir ihre Puppe, die genau gleich aussah wie meine – so wie wir beide eben – angeboten. Sie wäre um eine Stunde älter als ich und könnte den Verlust deshalb besser verkraften, hat sie damals gesagt. Ich habe ihr Geschenk gern angenommen. Am Abend im Bett habe ich sie dann weinen gehört. Und ich habe mich schlafend gestellt, die Puppe fest umklammert. Ich habe sie ihr nie zurückgegeben. Und sie hat mich nie zur Rechenschaft gezogen.

Unsere streng geheimen Missionen. Perfekt getarnt. Oft waren wir mit unseren Eltern bei einer speckgeizigen Bäuerin zu Besuch. Und wenn es hieß, ‚will Speck’, denn sie liebte den Speck und ich hasste ihn, was die Bäuerin nicht wusste, dann tauschten wir schnell unsere T-Shirts und sie holte sich in meinem Namen eine weitere Portion. Das funktionierte auch in der Schule und beim Schokoladenpudding unserer Tante, den wiederum sie nicht ausstehen konnte. Und wie niederträchtig wir manchmal waren. Als eine Familie neu in unsere Gegend zog, bauten Vater und Sohn in ‚unserem’ Wald aus einer uralten Ruine aus morschen Balken ein wunderschönes Baumhaus, das, wie wir fanden, für unsere Zwecke ideal wäre. Wir warteten also, bis der Sohn sich allein in den Wald aufmachte, zogen rasch unsere identischen Feen-Faschingskostüme an und rannten in den Wald. Meine Schwester näherte sich ihm von hinten und hauchte ihm ein leises ‚Danke’ ins Ohr. Er erschrak zu Tode, spielte aber gleich den Helden und fragte sie, was sie denn wolle. Sie erzählte ihm, dass ihr altes Baumhaus zerstört worden wäre und dass sie als Fee dieses Waldes nun außerordentlich dankbar wäre, dass er und sein Vater ihr ein neues gebaut hätten. Der Bub beharrte natürlich darauf, dass es ganz allein sein Baumhaus wäre und sie gefälligst verschwinden solle. Da lief meine Schwester davon, drehte sich noch einmal um und richtete ihren Sternenstab wütend auf den Buben. Du wirst schon noch sehen, drohte sie und verschwand hinter den Bäumen. Das war mein Zeichen. Vom Baumhaus, auf das ich in der Zwischenzeit geklettert war, rief ich zu dem Buben hinunter, dass ich ihm außerordentlich dankbar wäre, dass er und sein Vater es so schön eingerichtet hätten. Da verlor er endlich die Nerven und rannte schreiend nach Hause, um wenig später mit seinem Vater wiederzukommen, der seinen Sohn zu überzeugen versuchte, dass er sich alles nur eingebildet hätte. Ein paar Mal versuchte sich der Bub noch dem Baumhaus zu nähern, wir versteckten uns immer weit voneinander entfernt hinter dem Gebüsch, raschelten mit den Blättern, kicherten und warfen Kastanienigel in seine Richtung. Schließlich gab er auf und das Baumhaus gehörte uns. Ich glaube, er ist nie dahinter gekommen.

Samstags holte uns immer unser Großvater mit seinem grasgrün ausgeblichenen Fiat 128, beige Kunstledersitze, schmieriger Schaltknüppel, Gestank nach altem Tabak, von der Schule ab. Ich weiß nicht, worüber wir uns mehr freuten, über das bevorstehende Wochenende, den Opa, seine Geschichten oder seine Schokolade, von der wir immer essen durften, bis uns schlecht wurde. Später, da waren wir zehneinhalb, begann es meiner Schwester peinlich zu werden, dass unser alter Opa in seinem alten Wagen und mit Hut vorfuhr. Hör mal, sagte sie eines Tages, ich möchte lieber mit meinen Freundinnen nach Hause gehen. Lass dir was einfallen. Ich spürte die blanke Wut in mir aufsteigen. Was bist du nur für eine Verräterin, schimpfte ich sie, unser geliebter Opa dürfe einem im Leben nicht peinlich sein, da könne er ein Hutfahrer sein, solange er wolle, und bevor ich unserem Opa fröhlich zuwinkte und ins Auto stieg, rief ich ihr noch nach: Du blöde Kuh, du verdammte!

Sie ist dann nicht nach Hause gekommen, nicht an diesem Tag, nicht später, nie mehr. Anrufe in der Schule, bei Freundinneneltern, Polizei, dann Psychologe. Ich habe mich dumm gestellt, so als wäre ich zu klein, um das alles zu verstehen, Psychologenfragen, stummes Schweigen. Sie brauchten Informationen, wollten sie mir aus dem Mund saugen, ich habe nichts gesagt, aus dummer Schwesternloyalität und bodenloser Feigheit. Dann bin ich durch die Wälder gelaufen, habe nach ihr geschrieen, um Vergebung gefleht, sogar Speck von der Bäuerin habe ich gestohlen und in unser Baumhaus gebracht, in der Hoffnung, dass sie ihn fände und wenigstens etwas zu essen hätte. Denn dass sie verschwunden war, das konnte und wollte ich nicht glauben. Die Suchhunde fanden mich, immer wieder nur mich. Bis ich das Haus nicht mehr verlassen durfte. Eingekerkert in den eigenen vier Wänden, monatelang. Dann haben sie aufgegeben. Und den Speck haben wohl die Fliegen gefressen.

Heute bin ich wieder auf den Berg gerannt. Allein, bin gerannt und gerannt, bis mir die Füße weh taten in dieser ohnmächtigen Stille der Natur und ich nur noch meinen beißenden Atem hörte. Bin hinaufgerannt, immer höher, nur noch bröckelndes Gestein und Geröll unter meinen Schuhen. Dann habe ich meinen Namen in die nackten Felsen gebrüllt, und sie haben geantwortet. Ihre Stimme. Sie hat mich gerufen. Eine törichte Illusion, ich weiß. Idiotische Sehnsüchte, unauslöschlich eingebrannt in die Festplatte dieses Etwas, der Hälfte eines Ganzen. Heute noch, wenn ich gedankenverloren durch unsere alten Gassen gehe, habe ich manchmal das Gefühl, als würde sie gleich um die Ecke biegen, mich überlegen anblicken und mir endlich antworten: Du bist selber eine blöde Kuh, eine verdammte! Nicht oft, aber doch überkommt es mich, dass sie sich vor mir aufbäumt in meinen Träumen, oder ich aufschrecke in der Nacht, weil mir ihre Stimme das Echo meines Namens ins Ohr flüstert. Ob unsere Eltern noch an sie glauben müssen, ob sie ihren Frieden gefunden haben, ich weiß es nicht. Wir reden nicht mehr darüber.

Du denkst wieder an sie, sprichst du mich an, ich sehe dich, dein freundliches Gesicht. Fast glucksend lacht dir dein Herz aus den warmen Augen, in dieser heilen Welt aus Lehm und Leinen. Trotzdem fühle ich mich ertappt und zucke nur mit den Schultern. Und du sagst, fast entschuldigend: Weil du wieder die Regentropfen zählst …
 
 
 
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