Das Ende

Benjamin Tietjen
12.04.2015
 
Das Ende
Auf der Terrasse vor dem Fachwerkhaus sitzt ein Mann und liest in Hamsuns „Mysterien“, als die Kellnerin ihn fragt, ob er einen Kaffee möchte.
„Gerne, Anne“, sagt der Mann und schaut dabei von seinem Buch hoch.
Kurz nachdem die Frau die Kulisse verlässt und sich der Mann wieder seinem Buch widmen kann, betritt ein weiterer Mann die Terrasse. Dieser zweite Mann trägt einen Aktenkoffer aus schwarzem Leder. Er bleibt stehen und schaut sich um. Mehrere Tische sind frei, doch er geht direkt auf den Tisch zu, an dem der Lesende auf einer Holzbank sitzt.
„Entschuldigen Sie, mein Herr. Ist dieser Platz noch frei?“
„Der Platz ist noch frei. Ja. Aber...“, der Mann mit dem Buch kann nicht ausreden.
„Vielen Dank.“
Der Mann stellt den Koffer zwischen seine Beine, zieht den Mantel aus und legt ihn neben sich auf die Bank. Der Lesende kümmert sich nicht weiter um ihn.
„Glauben Sie, dass es heute noch ein Unwetter geben wird?“, fragt der Mann mit dem Aktenkoffer.
Nuschelnd und ohne von seinem Buch hochzublicken antwortet der Lesende: „Das weiß ich nicht.“
Der Lesende liest. Der mit dem Aktenkoffer winkt der Kellnerin zu.
„Haben Sie hier auch Unterschlupf gesucht … wegen des Sturms?“
„Ich mache hier Urlaub.“
„Können Sie mir sagen, wie spät es ist?“
Der Lesende blickt auf seine Armbanduhr. „Halb vier.“
„Halb vier. Das ist gut. Das ist wirklich gut. Ich war in Eile … wegen des Sturms.“
Der Mann mit dem Aktenkoffer schaut hastig über seine Schulter in Richtung Felsformation. Dann sagt er: „Darf ich fragen, was Sie da lesen?“
Der Lesende zeigt seinem Gegenüber den Einband des Buches.
„Hamsun. Wie wundervoll. Ich meine, was für ein wunderbarer Zufall es doch ist, jemanden genau jetzt zu treffen, der ein so herausragendes Buch liest.“
„Danke.“
„Wie gerne würde ich ebendieses Buch erneut zum ersten Mal lesen. Verstehen Sie? Einfach an der Zeit drehen und abermals ganz jungfräulich an dieses Werk herangehen. Aber das geht leider nicht.“
„Nein, das geht nicht.“
„Kennen Sie Kafka?“
„Gewiss.“
„Haben Sie jemals „Das Schloss“ gelesen?“
„Warum wollen Sie das wissen?“
„Wenn Sie das Buch kennen, dann wissen Sie selbstverständlich, dass es unvollendet geblieben ist. Es hat schlichtweg kein Ende.“
Der Mann mit dem Aktenkoffer hebt seinen Hintern vom Stuhl und greift in seine Gesäßtasche. Er holt ein Buch hervor und legt es auf den Tisch, so dass es der Lesende erkennen kann.
„Das hier ist die kritische Ausgabe vom Fischer-Verlag in der Fassung der Handschrift.“
„Mir ist unklar, worauf sie hinaus wollen.“
Der Mann mit dem Aktenkoffer blättert dann in dem Buch. „Gleich habe ich es. Da. Sie reichte K. die zitternde Hand und ließ ihn neben sich niedersetzen, mühselig sprach sie, man hatte Mühe sie zu verstehen, aber was sie sagte...“
Die beiden Herren schauen sich an.
„Und damit endet es. Verstehen Sie? Es gibt kein Ende.“
„Warum erzählen Sie mir das alles?“
Die Kellnerin kommt und stellt dem Lesenden seinen Kaffee hin; fragt anschließend den Mann mit dem Aktenkoffer nach der Bestellung.
„Dasselbe wie der Herr mir gegenüber.“
„Gerne.“
Die Kellnerin bleibt am Tisch stehen. Sie sagt: „Das Buch da musste ich in der Schule lesen.“
„Wie hat es Ihnen gefallen?“, fragt der Mann mit dem Aktenkoffer.
„Nicht sonderlich. Es hat kein Ende.“
Die Kellnerin geht ab. Der Mann mit dem Aktenkoffer schaut ihr nach und wird dabei von dem Lesenden beobachtet.
„Eine gewöhnliche Kellnerin kennt dieses Buch und mag es nicht, weil es kein Ende hat. Sie fragen sich bestimmt schon die ganze Zeit, was ich überhaupt sagen will. Was dieses ganze Kafka-Gerede überhaupt soll?! Da sitzen einander zwei fremde Menschen gegenüber. Der eine liest Hamsun, der andere hat einen Kafka in der Arschtasche. Und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass Kafka ein Verehrer Hamsuns war, oder? Nun, worauf ich hinaus will ist: In diesem gewöhnlichen Aktenkoffer befindet sich … Sagen Sie, wie gefällt Ihnen eigentlich das Ende vom “Schloss”?
„Wie die Kellnerin schon sagte: Es hat kein Ende.“
„Ich meine ja auch gar nicht das Ende, das es nicht gibt, sondern das Ende, das ich soeben vorgelesen habe.“
„Man muss akzeptieren, dass es kein Ende gibt.“
Die Kellnerin bringt dem Mann mit dem Aktenkoffer den Kaffee.
Der Lesende deutet auf den Aktenkoffer. „Was haben Sie da nun drin?“
„Nun, als ich hier ankam und Sie fragte, ob dieser Platz hier noch frei wäre, da ahnten Sie doch sicherlich nicht, wenige Minuten später in ein Geheimnis eingeweiht zu werden, dessen Offenbarung von unvorstellbarer literaturhistorischer Bedeutung sein wird.“ Er flüstert: „Was ist, wenn ich Ihnen anvertraue, dass sich hier, in diesem gewöhnlichen Aktenkoffer, ein Teil des handschriftlichen Manuskripts von Kafkas “Schloss” befindet. Und zwar das Ende.“
Der Lesende lacht laut auf.
„Sie wollen mir keinen Glauben schenken?“
„Zeigen Sie es doch mal her. Das handschriftliche Ende.“
„Ich bitte Sie.“ Er zeigt mit dem Finger in die Höhe. „Das Licht hier ist nicht gut für das Papier. Die Tinte könnte ausbleichen. Das Papier könnte sofort zu Staub zerfallen. Es wäre für immer verloren.“
„Haben Sie denn keine Abschrift des Manuskripts?“
„Ich glaube Sie verstehen nicht ganz. Ich bin seit Tagen ohne Schlaf. Ständig unterwegs. Wie soll ich da eine Abschrift anfertigen?“
„Und wie sind Sie an das Manuskript gelangt?“
„Es kam zu mir.“
„Wo kommt es her?“
„Es kam mit der Zeit. Einfach so.“
„Erzählen Sie mir mehr!“
„Ich kann hier darüber nicht sprechen.“
„Kamen Sie denn dazu, das Manuskript zu lesen?“
„Selbstverständlich.“
„Obwohl Sie seit Tagen ohne Schlaf sind?“
Der mit dem Aktenkoffer schweigt beleidigt.
„Wie geht es aus, das Buch?“
„Das kann ich Ihnen der Spannung wegen nicht sagen.“
„Der Spannung wegen.“ Der Lesende greift sich an den Bauch. „Also meine Blase ist auch gerade voller Spannung. Sie können ja solange überlegen, ob Sie mir das Ende offenbaren, bis ich von der Toilette zurück bin.“
„Da gibt es nichts zu überlegen.“
„Dann tun Sie doch wenigstens so. Spaßeshalber.“
„Ich bitte Sie, gehen Sie nicht!“
„Ich bin gleich zurück. Und dann wollen wir wenigstens unsere Geschichte zu Ende bringen.“

Als der Lesende von der Toilette zurück kommt, ist der Mann mit dem Aktenkoffer verschwunden. Seine Kaffeetasse abgeräumt. Der Lesende ist ein wenig verwundert, setzt sich dann aber an den Tisch und schlägt den Hamsun auf. Die Kellnerin kommt vorbei.
„Entschuldige, Anne. Wo ist denn der Herr hin, der hier eben noch saß?“
„Welcher Herr?“
„Der Herr mit dem Aktenkoffer. Mit dem du über Kafka geredet hast?“
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“
„Du sagtest zu ihm, dass du “Das Schloss” nicht magst, weil es kein Ende hat.“
Die Kellnerin antwortet nicht. Sie geht ab. Sie geht ab und dreht sich ein letztes Mal zu dem Mann um, der nun nicht mehr liest. Sie sagt: „Sie sollten jetzt gehen. Ein Unwetter zieht auf.“


 
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