Das Haus im Wald

Autor Anonym
13.11.2007
 
In den 60er Jahren lebten wir, meine Eltern, mein kleiner Bruder und ich, in Rixensart, einem Vorort der Belgischen Hauptstadt Bruxelles. Das neue Wohngebiet bestand ausschliesslich aus Einfamilienhäusern, alle ab Anfang des Jahrzehnts in einem grossen Waldgebiet gebaut. Wir zogen in unserem Haus als Erstmieter ein.

In Erinnerung ist mir ein paradiesisches Ambiente. Die Häuser standen weit auseinander, an grossen Gärten, umringt von dichtem Wald, in welchem wir Kinder uns weitläufe Refugien zum Spielen erschlossen hatten. Im Frühjahr und Herbst legte sich an Regentagen ein dichter Nebel über die Gärten und unbefestigten, mit Schotter bedeckten Strassen. Im ausgehenden Winter stiessen Krokusse durch den klaren Schnee.

Das Haus selbst verfügte neben Zimmern für Eltern und Kinder über einen grossen, lichtdurchfluteten durchgehenden Wohn- und Essbereich, von welchem aus man von drei Seiten durch grosszügige Glasflächen Blick nach draussen hatte.

Der offene, durch geschlagenens Holz befeuerte Kamin, sorge an kalten Wintertagen für behagliche Stimmung. Meine Mutter hatte beim Einzug einen dieser typischen belgischen Türklopfer in Form eines bronzenen Löwenkopfes an der Haustür angebracht. Nicht allein unser Haus strahlte als Schmuckstück zwischen der pittoresken Landschaft hervor. Hier durchlebten wir die schönste Zeit meiner Kindheit.

Nach fast 40 Jahren kehrte ich kürzlich an diesen Ort zurück. Die Bilder einer harmonischen und unbeschwerten Zeit in malerischer Umgebung hatten sich über die Jahrzehnte in meinem Geist verfestigt. Mit etwas Wehmut steuerte ich am Lac de Genval vorbei in Richtung unserer Strasse.

Die Welt, welche ich jetzt vorfand, entsprach so gar nicht den goldenen Bildern meiner Erninnerungen. Die Strassen waren jetzt geteert, die grünen Flächen zwischen den Häusern dicht beieinander liegend mit neuen Häusern bebaut, wo früher offener Wald Freiräume erschloss, begrenzten nun Zäune um kleine Restgärten die Landschaft. Auch die mir gut bekannten alten Häuser hatten eine Renovierung erfahren und waren von den Neubauten kaum zu unterscheiden.

Schliesslich kam ich vor ”unserem” Haus an. Es bot sich mir ein gespenstischer Anblick. Wie konnte das sein, was wollte mir die Zeitgeschichte mit diesem makaberen Scherz mitteilen? Es war offensichtlich, dass an dem Haus - wohlgemerkt als einzigem in der Umgebung - seit unserem Auszug Ende der 60er Jahre, seit dem wir die Tür hinter uns geschlossen hatten, nichts mehr getan wurde. Das Dach war Moosbedeckt, die Farbe blätterte von den Aussenwänden, der Briefkasten war durchgerostet und die Rolläden hingen schief herunter wie in einem Roman von Stephen King. Ich erwartete das Heulen des Hundes von Baskerville.

Bis heute grüble ich über die Botschaft, welche das Schicksal hier ganz offenbar für mich vorgehalten hatte. War die Bedeutung, dass man nicht versuchen sollte, alte Zeiten herauf zubeschwören, dass man Geschichte nicht zurückholen kann? Sollte ich die Vergangenheit, wie diese in meinem Geist fortlebte, dort unangetastet bewahren? War es eine Mahnung, ein Hinweis darauf, dass die damalige Entscheidung meiner Familie dieses Leben zu verlassen falsch war? Oder war dies vielmehr eine Aufforderung, das Haus wieder zu beziehen und in altem Glanz neu erstrahlen zu lassen?

”Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen”, Arthur Schopenhauer.
 
 
 
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