Das ist das Leben

Stefano Zangrando
19.01.2014
 
Das ist das Leben
Sergio lehnt sich im Liegestuhl zurück und sagt mit gedehnter Stimme: „Mensch, das ist ein Leben!” Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn zwischen dem Ansatz der graumelierten Haare und der Markensonnenbrille.
Neben ihm trinkt Rita einen Schluck Sangria, stellt das Glas im Gras ab und sagt: „Nein, Schatz, das ist Urlaub. Das ist das Schöne.“
Sergio mit seinem nackten Oberkörper unter dem offenen Bademantel zeigt keine Reaktion, als hätte er sie nicht gehört, doch kurz darauf erwidert er: „Egal was es ist, genau das habe ich gebraucht.“
„Eben. Weißt du, was mir hier gefällt?“, fragt sie und kramt aus der Plastiktasche neben ihrer Liege den Labello heraus. „Dass man sich hier wie zu Hause fühlt.“
„Was hör ich denn da?“, sagt Amedeo, der noch tropfnass und etwas außer Atem näher kommt. Hinter ihm zieht Carla weiter ihre Bahnen im Pool.
„Na, was wohl, du Philosoph?“, fragt Sergio.
Amedeo langt nach dem Handtuch auf seiner Liege und fängt an, sich abzutrocknen. „Sich wie zu Hause zu fühlen ist der Schlüssel zum Glück.“
Amedeo lässt eine Art Grunzen vernehmen, dann dreht er sich zu Rita: „Hast du verstanden? Bist du glücklich?“
Während sie sich die Lippen fertig eincremt, unterdrückt Rita ein Lachen, dann sagt sie: „Ach was, von Glück zu reden ist fehl am Platz ... Aber ich fühl mich wohl hier, das schon.“ Sie steckt den Labello zurück in ihre Tasche und legt sich wieder hin. „Ich auch“, sagt Sergio. „Deshalb hab ich ja gerade gesagt: Was für ein Leben!“
„Aber Hallo!“, sagt Amedeo, der sein Handtuch auf dem Liegestuhl ausbreitet und sich dann darauflegt. Während er die Hand nach der Karaffe auf dem Beistelltisch ausstreckt, fügt er hinzu: „Wenn es unangebracht ist, von Glück zu reden, dann ist es ja geradezu ketzerisch, zu sagen, dass das hier Leben ist.“
„Warum denn das?“, entgegnet Sergio und wirbelt mit der Hand durch die Luft. „Schau doch uns an, uns fehlt es an nichts: ein Drink, ein Pool, die Sonne, die Berge, die saubere Luft ...“
„... und der Urlaub“, ergänzt Amedeo. Er greift nach der Schüssel mit den Chips und fährt fort: Findest du nicht, dass Leben und Urlaub ein Widerspruch sind? Und wenn das hier wirklich Leben ist, bist du dann bereit zuzugeben, dass das, was du in der restlichen Zeit des Jahres machst, Nicht-Leben ist? Also dass du normalerweise ein wandelnder Toter bist?“
Sergio wedelt mit der Hand, als müsse er Amedeos Worte verscheuchen. „Ach, du siehst das zu eng ...“
„Nein, Amedeo hat recht“, sagt Rita. „Wir sollten aufpassen, was wir sagen. Wenn wir sagen, das ist Leben, und es als einen besseren Zustand betrachten, ist dann unser alltägliches Leben, unsere Karriere, unsere Wohnung, all das, was wir uns über die Jahre aufgebaut haben, weniger wert als ein einfacher Urlaub?“
„Bravo!“, sagt Amedeo. Ich liebe es, wenn du so redest, hätte er ihr am liebsten gesagt. Es ist Jahre her, dass er sie begehrt hat, dass er sich vorgestellt hat, sie zu lieben, sie zu haben. Er hatte sich sogar eingebildet, sie sei die „ideale“ Frau für ihn. Doch dann ist Sergio aufgetaucht, dieser grobschlächtige Kerl. Doch Amedeo konnte und wollte nicht darauf verzichten, sie weiter zu sehen, und so hielt er den Kontakt zu ihr, zu ihnen, auch dann noch, als er sich – nicht als Notlösung, sondern wahrhaftig – in Carla verliebte. Doch ein ungeklärtes Liebesverlangen schwelt weiter, auch wenn es von neuen Gefühlen der Zuneigung überlagert und von der Last der Zeit erdrückt zu werden scheint. „Auf das Leben“, seufzt Amedeo und hebt sein Glas.
„Ach, ihr versteht das nicht“, gibt Sergio zurück. „Natürlich ist das, was wir jeden Tag machen, unser Leben. Aber mal abzuschalten tut doch gut. Oder nicht? Fühlt ihr euch nicht auch besser hier oben?“
Rita stützt sich auf ihre Ellbogen und sieht ihn an. „Du hast es gesagt, Liebling: abschalten. Urlaub ist eine Auszeit, eine Pause, deshalb geht es uns so gut. Doch wenn das unser Alltag wäre, Himmel, das fänden wir doch bald langweilig. Für mich zumindest ist es nicht das, was ich im Leben suche. Ich brauche keinen Dauerurlaub!“
Amedeo nickt zustimmend und nachdenklich. „Der Mensch ist nicht für coolen Urlaub geschaffen, sondern zum In-der-Welt-Sein. Um das Leben in all seinen Facetten zu erleben, auch den unangenehmeren ...“
Carla, die beim Näherkommen nur die letzten Worte gehört hat, wischt sich mit den Händen über das nasse Gesicht und sagt: O mein Gott, schon wieder! Redest du schon wieder von schlimmen Sachen? Ich bitte dich, nicht hier, nicht jetzt ...“
Rita lacht. „Aber nein! Wir haben nur gerade eine These Sergios kommentiert.“ Sie dreht sich zu ihrem Mann um und streift ihn am Unterarm. „Der Arme, er wollte nur zum Ausdruck bringen, wie sehr es ihm hier gefällt, und wir haben kein gutes Haar an ihm gelassen, nicht wahr?“
Sergio breitet die Arme aus. „Bei diesen beiden hier darf man gar nichts sagen, die stellen einen sofort mit dem Rücken an die Wand! Weißt du, was ich gesagt habe? Das ist Leben. Mehr nicht.“
Amedeo blickt zu Carla hoch. „Wir haben ihm nur gesagt, dass das nicht das Leben ist, sondern Urlaub, und dass das Leben das ist, was ...“
„Bitte, lass gut sein“, unterbricht ihn Carla, die sich den Bademantel angezogen hat und nun das blonde Haar im Nacken zusammenrafft. „Da“, sagt sie dann, hebt ein Bein und streckt es vor, bis sie mit dem nackten Fuß fast die Tischkante berührt.
Amedeo beugt sich ein wenig zurück und reckt den Kopf. Rita setzt sich in der Liege auf und macht ebenfalls den Hals lang.
Wenige Zentimeter vor Carlas glänzend lackiertem großen Zeh wuchtet eine Ameise auf der Kante des Tischchens einen Krümel Kartoffelchip, der größer ist als sie selbst. In Anbetracht des Abgrunds irrt sie umher, ohne recht zu wissen, wo sie ihn hinbringen soll.
Carla setzt ihren Fuß wieder auf den Boden und findet ihr Gleichgewicht wieder. „Da ist es, das Leben“, sagt sie.
Amedeo und Rita schweigen eine Weile, und plötzlich scheint sich der Himmel zu verdunkeln. Dann die gedehnte Stimme Sergios: „Von hier aus kann ich nichts sehen.“
Rita ist von der Trägheit ihres Mannes peinlich berührt und versucht abzulenken. „Willst du ein Glas Sangria“, fragt sie Carla, und beugt sich zum Tischchen hinüber.
In dem Moment fällt etwas in den Pool, man hört einen Plumps. Alle vier drehen sich instinktiv um.
Unter den Spritzern verfärbt sich das Wasser grünlich schwarz.
„Was zum Teufel ...“, sagt Amedeo und springt auf, da fällt wieder etwas vom Himmel und platzt vor ihm auf das Gras.
Carla und Rita schreien gleichzeitig auf. Amedeos Beine sind von einem braunen Matsch verdreckt, ebenso die Tischkante, auf der eben noch die Ameise hin- und her geirrt war.
„Verdammt ...“, entfährt es Sergio, der sich langsam erhebt.
Rita blickt zum Himmel, und es verschlägt ihr den Atem. Jetzt blicken auch Amedeo und Carla hoch, und was sie sehen verdrängt jeden Gedanken über das Leben und über das Glück.
„Oh ...“, sagt Amedeo.
„Das sind ja Kühe!“, ruft Rita.
Carla unterdrückt ein ungläubiges Gelächter: „Fliegende Kühe?“
„... und total viele!“, stammelt Amedeo mit halb erstickter Stimme.
Eine weitere Bombe, wieder ins Becken. Und noch eine, knapp daneben. Sergio sieht um sich und nimmt angewidert den sich ausbreitenden Gestank wahr. „Wie eklig!“, ruft er. „Das ist ...“
In dem Moment kommt die Kellnerin auf sie zu gestürzt, eine kleine, kräftig gebaute Ukrainerin um die fünfzig, sie sammelt eiligst die Karaffe mit der Sangria und die Schüssel mit den Chips ein, und bevor sie im Laufschritt wieder ins Hotel flüchtet, ruft sie: „Leute! Haut ab hier! Das ist die Apokalypse!“
Die vier Freunde starren sie wie gelähmt an.
 
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