Das kleinste Meer der Welt

Piera Ghisu
09.04.2018
 
Das kleinste Meer der Welt
Wie schön das Meer war, an jenem Tag. Ali wusste es zu genießen, jedes Mal, wenn er davor stand, und aus diesem Grund hatte er sich entschieden, dort zu leben, zu bleiben; aus diesem Grund war er zu dem Schluss gekommen, dass trotz allem jenes Stück Erde und Meer der Ort sein sollte, an dem er sein Dasein verbringen wollte. Es war schwer zu erklären, wie es war, an der Grenze zu leben, aber am Meer. Das Meer sollte keine Linien haben, außer jener des Horizonts, gerade und gleichzeitig unscharf, fließend, endlos. Jene Kontur, die man nicht berührt, sollte die Grenze sein. Ali jedoch beschloss, gegen jeden gesunden Menschenverstand, seinen Blick jeden Tag auf eine haarscharfe, unorganische Meereslinie zu richten, die von anderen Menschen für ihn gezogen worden war. Ein glatter Schnitt auf der Wasseroberfläche. Genau parallel zum Strand von Gaza.
Ali ging in Gaza auf Fischfang. Hinaus bis an jene unsinnigen 6 Meilen, innerhalb deren es erlaubt war. Früher, als er angefangen hatte, waren es viel mehr. Mehr als doppelt so viele. Das war keine gute Sache, auch damals nicht. Doch zu sehen, wie dieser Radius weiter eingeschränkt wurde, zu sehen, wie das Gebiet immer kleiner wurde, nahm ihm jede Hoffnung. Realistisch gesehen, war Fischfang kaum möglich. Es war, als ob die Fische, auch wenn sie sich völlig frei bewegen konnten, wussten, dass da eine Linie war, die sie nicht überschreiten durften. Und obwohl es nicht möglich war, die Tätigkeit weiter auszuüben (immer öfter tauchte Ali, um zu fischen, doch die Ausbeute war gering, eindeutig), sah er keine Alternative zum Strand von Gaza, seinem Strand. Es fiel ihm einfach zu schwer, jenen Ort zu verlassen. Der Reiz der Einschränkung, der Grenze, liegt in ihrer Doppeldeutigkeit: sie ist immer auch totale Freiheit.
Großvater, ebenfalls Fischer so wie er, erzählte, wie es gekommen war: wie sie das Land verloren und das Meer. Anfangs waren sie stolz, es zu teilen, das Land, wie die Überlieferung es wollte, und insbesondere mit einem Volk, das so gelitten hatte und dem eine Heimkehr zustand. Vielleicht waren sie nicht glücklich, aber sie waren stolz darauf.
Doch das Meer… Das Meer war für alle da, und es hätte alle aufgenommen, denn die Spielregeln werden von ihm bestimmt. Für Alis Familie war es ein schwerer Schlag, als die kleine Flotte von einem Tag auf den anderen halbiert werden musste und der Fischfang auf 20 Meilen von der Küste begrenzt wurde. Das Meer wurde zum See, zum Schwimmbad, zum Teich, zur Badewanne. Mit Blick auf die israelischen Flugzeugträger auf der einen Seite und das ganz am Wasser gelegene Gaza auf der anderen. Unten die Fische, die Gewinner.
Alle waren Gewinner außer uns, dachte Ali. Dabei wusste er, dass er das einzig mögliche Leben lebte, seine Augen füllten sich jeden Tag mit Sonne und Salz. Jeden Tag versuchte er sich mit seinen Freunden auszudenken, welche Grenze für sie am besten wäre: 30, 40 Meilen bis hinaus zum Leuchtturm, 50 Meilen bis dort, wo die größeren Fische vorbeiziehen und auch die Route der Thunfische verläuft.
Lange schon hatten Ali und seine Freunde keinen mehr gesehen. Früher jedoch fanden sie sich häufig in den Netzen.
Ali und seine Freunde malten sich aus, wo sie ihn verkaufen würden, wenn sie einmal einen fangen würden. Am Ufer hatten sie eine große Wanne für den Transport nach Ägypten, denn lebend hätten sie ihn, den Thunfisch, über die Grenze bringen können. Alles stand bereit.
Doch kein noch so dummer Thunfisch liebte Gaza so sehr, dass er Kopf und Kragen riskierte.
Jedenfalls stand die Wanne für Ägypten dort, bereit für den Fall. Die wenigen in Gaza verbliebenen Kinder füllten sie mit Wasser und warfen Seesterne, Muscheln und tote Quallen hinein. Eine Wunderkammer, die so hübsch dekoriert war, dass die Thunfische, wenn sie sie gesehen hätten, hineingesprungen wären, um wie die Ophelia von Millais zu enden: weitaus besser als in den Netzen der größeren Fischer.
Auf irgendeine Weise muss man nun einmal sterben. Das wissen auch die Fische, dachte Ali, während er seine Wanne für Ägypten betrachtete.
An jenem Tag, es war Juni, es war heiß, wurden die Bombenangriffe auf Gaza wieder aufgenommen. Bei diesen Angriffen sah Ali, wie sich der üblicherweise leere Strand füllte, weil sich die Leute eben dorthin flüchteten, auf jenen Sandstreifen, eine Grenze in der Grenze. Der Strand hatte sich mit bunten Zelten gefüllt, und es hätte wie ein Fest aussehen können, wenn nur die Gesichter, die jenen Ort bevölkerten, nicht so trostlos gewesen wären.
Ali fühlte sich dort wie der Hausherr.
Er war es, der die Aktivitäten in jener improvisierten Basis koordinierte, der wusste, wo man die Zelte aufstellen musste, um bei Sturmflut nicht nass zu werden, um die Nester der Seevögel nicht zu stören (wir müssen alles retten, uns alle retten, ausgenommen den Thunfisch, sagte er zu denen, die meinten, er wäre zu rücksichtsvoll gegenüber der einheimischen Tierwelt).
Das Geschehen auf dem Strand erlaubte es Ali nicht, sich aufzumachen, um zu fischen. Damals im Juni aber dauerten die Bombenangriffe länger als sonst. Die Vorräte gingen aus. Ali beschloss, einen Stellvertreter zu ernennen (er entschied sich für seine Schwester Simi) und aufs Meer hinauszufahren, um Nahrung zu suchen.
Er war seit sechs Tagen nicht mehr in See gestochen, und die Wettervorhersagen waren nicht gerade die besten. Er beschloss, zwei Männer mitzunehmen und, anders als sonst, drei große Netze. Das hatte keinen Sinn, bei so einem Seegang. Doch es waren zu viele Münder zu stopfen.
Sie starteten um 5 Uhr. Es blies ein steifer Wind, die See ging hoch. Vielleicht ein Vorteil, dachte Ali, weil man möglicherweise weniger auffiel, sich zwischen den Wogen verstecken konnte. Nach etwa drei Stunden, als die Sonne anfing zu wärmen und die Rauchsäulen der Bomben von der Küste aufzusteigen begannen, holte Ali das erste Netz ein. Es war nicht so arg wie befürchtet, doch es war zu wenig. Das zweite wurde kurz danach eingeholt, leer. Das dritte um 9 Uhr, die Ausbeute war dürftig. Das Meer begann gefährlich zu werden. Ali sah zum Strand und entschied sich, weiter hinaus zu fahren und die Linie zu überschreiten. Die Grenze musste gesprengt werden. Dieses Risiko musste man eingehen. Er warf die Motoren an, nahm Kurs aufs offene Meer. Er warf das zweite Netz aus, das leer geblieben war, es musste schnell gehen. Nach kurzer Zeit spürte er, dass das Netz sich veränderte, sich bewegte, nicht wegen der Wellen, sondern weil es voll war. Zu dritt ließ es sich schwer hochziehen; noch dazu bei diesem Seegang.
Ali nutzte den Schwung einer großen und mächtigen Welle, um mit Hilfe seiner Kameraden das Netz auf das Deck des Schiffes zu katapultieren.
Die subversive Operation hatte dreißig Minuten gedauert. Mehr wollte er nicht riskieren, sonst hätten die israelischen Wachboote sie gesichtet. Sie hatten gereicht. Manchmal war Allah wirklich groß.
Ali beobachtete das Netz, wies seine Männer an, ans Ufer zurückzukehren. Es war 10 Uhr morgens, die Sonne schien, am Horizont standen dicke Wolken (doch was spielte das jetzt für eine Rolle?). Im Netz waren drei wunderbare große Exemplare des Thunnus albacares gelandet… Eine Wanne hätte nicht gereicht, um sie nach Ägypten zu schaffen, dachte Ali.
Ägypten… Als sie mit dem Fang den Strand erreichten, war Ägypten nur mehr eine Erinnerung.
Zwei der Fische bereiteten sie sofort zu, den dritten legten sie in die Wanne für die Kinder.
Einen so guten Thunfisch hatte Ali noch nie gegessen. Vielleicht weil er schon lange keinen mehr gegessen hatte. Er schmeckte nach Meer, Traum, Bomben, Ägypten.
Eigentlich hätte er, wäre nicht jene Grenze dort gewesen, diese Fische vielleicht tatsächlich an den Meistbietenden verkauft. Es war also ein Geschenk Israels.
Nein, besser noch: es war ein Sieg der Menschen von Gaza, jenes kleinen Volkes, das in einem Küstenstreifen lebt und durchhält, zwischen der Stadt und jenem Meer, dem kleinsten der Welt, dem Meer von Palästina.

Übersetzung: Werner Menapace

 
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