Das Lächeln der Monalisa

François Loeb
27.02.2019
 
Das Lächeln der Monalisa
Eines Morgens, es war der Dienstag nach dem Weihnachtsfeiertag, schritt der Wärter Dupond seine Runden im Louvre. Er war im vorgerückten Dienstalter, mit einem tadellosen Führungsbericht, sodass er auch zum Bewachungsdienst der Monalisa, dieser einmaligen Ikone des Museums, eingesetzt, seines Amtes walten durfte. An diesem zweiten Weihnachtsfeiertag, das Museum erwartete einen Besucheransturm bereits beim Öffnen seiner Tore um 10 Uhr, war bei Dienstantritt Duponds und seiner Kollegen der zweiten Schicht, Punkt acht noch alles friedlich und auch ruhig, wie es sich für den Tag nach Weihnachten gebührt, dachte Dupond, der vor der Monalisa, diese bewachend, auf und ab schritt. Er fühlte sich, als sei er ein englischer Wachsoldat vor seiner Königin und in seiner kindlich blühenden, erhalten gebliebenen Fantasie, stellte er sich vor, dass diese ein Auge auf ihn geworfen habe, nur auf ihn, ihrem treuen martialischen Diener und ihm huldvoll ein Lächeln schenke. Ein Lächeln, ja, das passte hervorragend zu diesem Bild, befand der Wärter und schmunzelte still in sich hinein, da ja niemand da war, den er hätte mit seinem strahlenden Gesichtsausdruck beglücken können. Wieder machte er rechts um kehrt, stampfte mit seinen festen Schuhen auf den Boden, nahm sich vor, jetzt und nicht später seiner Königin ins Auge zu blicken, das Lächeln mit einem männlich, heldenreichen Blick zu erwidern, in der Hoffnung ihr, der Angebeteten, obwohl unerreichbar, einen Schritt, sei es auch nur im Geiste, näher zu treten, einen Winkel ihres Herzens zu erobern.
Zutiefst erschrocken senkte er seinen Blick sogleich wieder zu Boden, denn etwas Entsetzliches war vorgefallen, Duopont hatte einen traurigen Blick der Gioconda ohne jeden Lächelns festgestellt und dachte als erstes an eine Täuschung seines Augenlichts, eine Projektion des Zustandes seines Inneren, der Trauer, da seine Königin für ihn, den tapferen Soldaten, nicht einmal im kleinsten Quäntchen erreichbar sei. Nach dieser Reflektion wagte der Wärter einen zweiten Blick und blieb wie versteinert, ja gar wie eingemauert, betoniert auf der Stelle stehen. Das Lächeln der Mona Lisa war verschwunden. Einfach nicht mehr da. Traurig und ohne die so gerühmte, sagenhafte, geheimnisvolle Wärme, sah sie aus dem reichen Rahmen; entstellt, empfand Dupond in diesem Augenblick. Was war zu unternehmen? Was nur sollte der reglos da stehende Soldat der Königin für sein Idol nun tun? Einen Alarm auslösen? Die Leitung des Museums informieren? Den Kurator seinem ersten Kaffee-Genuss entreißen?
Er entschloss sich, weise wie er war, dazu, seiner eigenen Wahrnehmung nicht trauend, zu gut kannte er die Bockssprünge seines fantastischen Geistes, vorerst die Augen für siebzehn volle Sekunden zu schließen, um alsdann die Lage erneut und in aller Ruhe zu prüfen. Er zählte laut und langsam die Sekunden, wie er es einst gelernt: einundzwanzig, zweiundzwanzig, bis er mit Nerven, die sich wie gespannte, beinahe zerreißende Saiten einer Harfe anfühlten, bei siebenunddreißig angelangt, erneut einen Blick auf die Mona Lisa warf.
Kein Lächeln.
Nichts.
Eine düstere Miene.
Ein finsteres Gesicht.
Eine Täuschung war ausgeschlossen.
So begab sich Dupond, stechenden Schritts und Blicks, zum roten großen Knopf, der still und unbenutzt seit Jahren sich neben dem Bild befand, nahm alle Kraft zusammen, schlug das Glas mit bloßer Hand dann ein und drückte, am ganzen Körper zitternd, den Alarm. Dass ihm, Dupond, das in seinem letzten Amtsjahr geschehen musste, ihm, dem Verehrer ‚seiner‘ Königin, war unerhört und zutiefst ungerecht, so empfand er, der Wärter, jedenfalls.
Sogleich entstand ein furchtbares Durcheinander, aus allen Ecken kamen Bewacher angerannt, bewaffnet mit Gummiknüppeln und gezückten Sprays, gefolgt von einem Überfallkommando der Polizei, welche in Kampfmontur den Louvre stürmte.
Wortlos zeigte Dupond auf das Bild, verständnislose Blicke begegneten ihm vorerst, die Polizisten riefen wild und entschlossen ‚Fehlalarm‘ und wollten Dupond bereits verhaften. Da kam der Kurator auf den Plan, wurde kreideweiß, hauchte nur, zu mehr war er nicht mehr fähig: „DAS LÄCHELN?“, schluckte drei Mal leer und fuhr beinahe ohne Stimme fort, „wo ist es geblieben?“.
Entsetzt und erleichtert in einem Zug, so wie er es als Kind oft erlebt, seufzte Dupond tief, endlich hatte ihn jemand verstanden.
Das Museum wurde an diesem zweiten Weihnachtsfeiertag nicht mehr geöffnet. Protestierend standen Tausende von Menschen vor den Toren, doch die notwendige Untersuchung, das Aufgebot der Kriminal- und Landespolizei, erlaubten ein Öffnen nicht. Suchtrupps wurden ausgesandt, in jedem Winkel des Museums wurde nachgeforscht, selbst in den Mansarden und den Lagern, denn irgendwo musste doch das Lächeln der Mona Lisa sich befinden.
Dupond wurde, nach ausgiebigem Verhör, mit einem Nervenschock, begeleitet von drei Polizisten, zum Arzt gesandt, der voller beruflichen Interesses von einem Monalisa-Syndrom zu sprechen begann.
Als dann eine Lösegeldforderung über zweihundert Millionen beim Präsidenten der Republik eintraf, wurde Dupond zwar rehabilitiert, doch die Diebe machten ihre Drohung wahr, jeden Tag zweihunderttausend Lächeln bei Bürgern zu entwenden, bis die geforderte Summe am bestimmten Orte hinterlegt.
Ob das Lächeln der Mona Lisa zurückerstattet wurde, das Lösegeld bezahlt, können Sie, liebe Leserin, lieber Leser, selbst erkennen. Sehen Sie sich einfach um. Im Bus. Am Arbeitsplatz, im Fußgängerstrom, und betrachten Sie sich auch einmal selbst im Spiegel, oder einfach während des Tages auf einer reflektierenden, hellen Fläche und empfangen Sie dabei die trauervollen Grüsse von Dupond, der auf das Lächeln seiner Königin, geknickt zu Hause auf dem Sofa sitzend, geduldig wartet. Tagträumend hoffend, sich mit seiner Ikone eines Tages in der Bergwelt, mit ihrem Lächeln dabei verschmelzend, allen Kummer dabei zurücklassend, zu erholen.
 
Twitter Facebook Drucken