Das Leben abseits der Berge

Giacomo Sartori
16.02.2017
 
Das Leben abseits der Berge
Wenn man erwachsen ist, muss man sich wie ein Erwachsener benehmen, ja, genau das wird zur Hauptbeschäftigung: Bei jeder Gelegenheit und in jeder Situation muss man sich als Erwachsener geben, mit allen Mitteln und um jeden Preis. Mehr noch: Je besser man den Erwachsenen spielt, desto mehr gilt man als wirklich erwachsen und sieht man sich selbst so. Der eigentliche Gesprächspartner jedes Erwachsenen ist der Spiegel: Erwachsen zeigen muss man sich in erster Linie gegenüber sich selbst, wenn man auch die anderen überzeugen will. Man macht Fortschritte, man spezialisiert und perfektioniert sich und eignet sich manchmal ein statuenhaftes Lächeln an, das an die ironische, aber auch fröhliche Maske von Ben Gazzarra erinnert. Wenn man es dann wirklich erlernt hat und langsam mit sich selbst zufrieden ist, stellt man fest, dass man bereits alt ist.

Man zieht es so lange wie möglich hinaus, trödelt und latscht dahin, am Ende aber ist man erwachsen. Und man kapiert sofort, dass man einen Haufen Scherereien hat, wenn man erwachsen ist: gesundheitliche, wirtschaftliche, rechtliche, moralische, familiäre, intime, berufliche Sorgen. Vor dem Erwachsenwerden hätte man sich nie vorgestellt, eine derartige Menge solch vielfältiger und aggressiver, solch surreal realer Unannehmlichkeiten anhäufen zu können. Und es ist überhaupt kein Zufall, dessen wird man sich bewusst: Man wäre wirklich nicht erwachsen, wenn man nicht in diesen ganzen übel riechenden Widrigkeiten schwimmen würde, wenn man nicht mit dieser in der Gleichförmigkeit eines lehrhaften – wenn auch künstlichen – Stoizismus versumpften Entschiedenheit an sie herangehen würde.

Wenn man erwachsen ist, hat man nie Zeit, weil man Tag und Nacht damit beschäftigt ist, als Erwachsener aufzutreten, und auch wenn man sie finden würde, würde sie den anderen Erwachsenen fehlen, die man besuchen möchte. Man möchte sich gern mit einem Freund zum Abendessen treffen, in einem Lokal, das vielleicht voller Leute ist, die nichts zu tun haben, und man möchte vielleicht etwas mehr trinken als sonst, um dann ziellos den ganzen Abend zu bummeln, dabei vielleicht nach und nach die Pläne ändern, um dann in einer noch geöffneten Kneipe zu landen, wo man vielleicht auf andere Nachtschwärmer trifft, dunkelhäutige Musiker vielleicht, alles wohlgemerkt ohne auf die Uhr zu schauen. Vergiss es: Man trifft sich mittags auf einen Happen auf die Schnelle, den Blick starr auf die jeweiligen Probleme gerichtet, den Atem hochgezogen bis in die Lungenspitzen wegen des Drucks auf dem Brustkorb, und dann grüßt man sich und jeder rennt seines Weges, der voller Löcher und Fallen ist. Kein Alkohol, denn danach müssen die Probleme angegangen werden, gibt es viel zu tun: Schläfrigkeit sollte besser vermieden werden. Manchmal schnorrt man vor dem Auseinandergehen von jemandem eine Zigarette, das ist dann eine klitzekleine und im Grunde enttäuschende Verfehlung, eine unmögliche Hommage an die vergangene Zeit.

Wenn man erwachsen ist, darf man niemandem etwas sagen, ich meine die etwas vertraulicheren Dinge, denn mittlerweile hat die Erfahrung gelehrt, dass die Menschen, denen man Geheimnisse anvertraut, diese ihren Ehepartnern erzählen, und die erzählen sie dann anderen Leuten, die wiederum andere Schnüffelnasen vorwarnen werden; kurz und gut, daraus ergeben sich nur unzählige Probleme. Einer der Nachteile des Erwachsenseins ist genau der, dass man zum Schweigen verurteilt ist. Viele Erwachsene bezahlen einen Therapeuten, das ist eine Person, die ein Honorar erhält, damit sie schweigt, damit sie selbst die schlimmsten Schandtaten nicht an Dritte weitererzählt.

Wenn man erwachsen ist, hat man Erfahrung. Die Erfahrung ist ein Unheil bringender Zauber, der die Glasur von den verführerischsten Oberflächen kratzt, der das Skelett und die Vorboten der Verwesung zeigt, der jedes überraschende Finale an sich reißt. Man betrachtet ein anmutiges Mädchen und sieht die schwerfällige und sklavische Matrone vor sich, die sie einmal sein wird, man gewahrt ein Lächeln mit einem leichten Sprung auf einer Seite, dringt in die dazugehörigen Risse ein, in das tragische Schicksal, das sie umhüllt. Jeder Erwachsene würde alles tun, um wieder ungeschoren und jungfräulich zu sein, doch die Erfahrung folgt ihm überallhin, wie ein Schatten, der den Rücken kühlt.

Wenn man erwachsen ist, trifft man sich zum Abendessen. Bei den Abendessen unter Erwachsenen sind auch die unausstehlichen Ehefrauen der Freunde dabei, oder die unausstehlichen Ehemänner der Freundinnen, oder sie sind auch nur nichtssagend, oder schrecklich, und man muss sie ertragen. Die Abendessen werden rechtzeitig geplant, ebenso der Raketenabschuss und die Weltausstellungen, weil alle sehr beschäftigt sind, und gewöhnlich hat man, wenn es so weit ist, keine große Lust mehr auf diese Art von Abendessen, mit diesen Ehefrauen oder Ehemännern, man möchte lieber ausgehen und mit dem Erstbesten ein belegtes Brötchen essen. Bei den Abendessen unter Erwachsenen tut man so, als ob man nicht erwachsen wäre, das ist die beste Art, um wirklich erwachsen zu sein. Man hebt die Stimme, man lacht Tränen, man trinkt mehr, als man sollte, man ist etwas lasziv: alles eine Parodie, im Grunde ist man unumstößlich erwachsen. Daran erinnert uns dann die aufzuräumende Küche, die Zurschaustellung der an den Kalender gehefteten Gasrechnung.

Wenn man erwachsen ist, geht man einer Arbeit nach, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und häufig sind auch noch weitere Münder zu stopfen, denn als Erwachsener pflanzt man sich fort. Man pflanzt sich fort, um das Gefühl zu haben, etwas getan zu haben im Leben, denn man beginnt sich bewusst zu werden, dass dieses ohne Sinn ist; aus Sentimentalität; weil man kulturell bedingt ist; um ein Imitat zu haben; um sich die krankenpflegerische Versorgung im Alter zu sichern; oder auch nur wegen des ethologischen Lockrufs der Hormone. Die Kinder können nicht begreifen, dass man alt sein kann, sie sehen es als gegebenen, bedauerlichen Tatbestand, sie können sich nicht vorstellen, dass eines Tages sie selbst in diesem rührseligen Zustand sein werden.
Wenn man erwachsen ist, muss man stoisch dem Verfall des eigenen Körpers zusehen, so wie ein Kapitän, der ohnmächtig den Untergang seines Schiffes mit ansieht. Das Fleisch erschlafft, das Haar lichtet sich und wird weiß, das Gesicht wird runzelig: das ist wirklich höchst unerfreulich. Dann kommen schwere Krankheiten, die fast immer tödlich sind.
Wenn man als alter oder auch sehr alter Mensch auf die Welt kommen könnte, dann hätte man die Genugtuung, nach und nach agiler zu werden, zu sehen, wie sich die Haut strafft, zu spüren, wie die Energie zunimmt, optimistischer zu sein: gegen Ende würde uns ein Urlaub mit Spiel und Spaß und bester Betreuung erwarten, und als krönender Abschluss der ersehnte Wiedereintritt in den behaglichen Mutterleib. Stattdessen muss man sich klaglos in den eigenen Zerfall fügen und so tun, als ob nichts wäre.

Wenn man erwachsen ist, trauert man den großartigen Bergen nach, wo man aufgewachsen ist, und man hat Angst vor dem Altwerden und Sterben. Und um gegen die Sehnsucht und die Angst anzukämpfen, arbeitet man, läuft man, schwimmt man, radelt man, reist man, plant man, trainiert man, hantiert man, theoretisiert man, betet man, leistet man Freiwilligenarbeit, entdeckt man neue wissenschaftliche Gesetze, versucht man sich abzuheben, auch mit Winzigkeiten, auch auf groteske Art und Weise. Mit Wehmut erinnert man sich an Ort und Zeit, als man noch nicht erwachsen war, ohne zu bedenken, dass man zu jener Zeit noch nicht um den Reichtum wusste, den man verlieren würde, und somit war man auch damals nicht restlos glücklich.

 
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