Das Meisterwerk

Lucy Bauer
03.07.2019
 
Das Meisterwerk
Jake würde über die Geschmäcker seiner Kundschaften nie ein schlechtes Wort verlieren. Er wusste nur allzu gut, dass er sich wohl als Straßenkünstler durchschlagen müsste, gäbe es nicht so viele Menschen, deren Auffassung von Liebe zur Kunst es war, sich eine fachmännische Kopie eines großen Meisterwerks an die eigene Wand zu hängen. Er war also unendlich dankbar für Aufträge wie Van Goghs Sonnenblumen („Aber bitte etwas kleiner als das Original, denn wir wohnen in einem Reihenhaus“), da er im Replizieren von Meisterwerken selbst schon Meisterklasse war. Wurde ihm jedoch Kreativität oder Originalität abverlangt, war er gefordert, etwas Einzigartiges zu schaffen – dann scheiterte Jake kläglich. Seine wenigen Versuche, zum Pinsel zu greifen, um die persönliche Bedeutung, die er im Gegenstand seiner Inspiration sah, festzuhalten, endeten alle gleich: Das Resultat war alltäglich, banal und ausdruckslos. Die meisten Handyfotos hatten wohl einen höheren künstlerischen Wert als Jakes eigene Malereien. Jake war sich darüber im Klaren - und er hasste diesen Umstand.

Eines Morgens saß er vor seiner Staffelei, um eine Renaissance-Madonna mit Kind in ein abstraktes Bild zu verwandeln. Die Bestellung des Bellinis war storniert worden, als die Freundin des Auftraggebers, die eine spirituelle Wandlung durchgemacht hatte, sich plötzlich entschloss, fortan ohne ihren Partner durchs Leben gehen zu wollen. Zu Jakes Bedauern wollte sie von dem religiösen Gemälde genauso wenig wissen wie von ihrem nunmehr einstigen Liebhaber. Da Jake es tunlichst vermied, eine Leinwand wegzuwerfen, wenn sie sich auch nur irgendwie wiederverwerten ließ, hatte er seinem Entwurf eine gründliche Überarbeitung verpasst. Mit den letzten Pinselstrichen war aus fernen Hügelketten ein neuer Hintergrund aus einem wirren Durcheinander geometrischer Formen geworden. Das Klingeln der Türglocke unterbrach Jakes Arbeit und ließ ihn hastig ein Tuch über das unfertige Gemälde werfen. Jake verschwieg niemandem, womit er sein Geld verdiente. Die oft sonderbaren Entstehungsgeschichten seiner Bilder gingen jedoch keinen zukünftigen Kunden etwas an, fand er.

Den Mann an der Tür schätzte er als wohlhabender als einen typischen Mittvierziger aus der Mittelschicht ein. Er stellte sich als Gyle vor und gab an, dass Jake ihm empfohlen worden war. Er sei auf der Suche nach etwas Besonderem für seine Frau. Jake legte seinen Kopf schief, lächelte sein Gegenüber freundlich an und folgerte für sich selbst, dass dieser Kundenbesuch wohl eher von kurzer Dauer sein würde. Nachdem er seinen potenziellen Kunden ins Atelier geführt hatte, schritt dieser flugs an ihm vorbei und steuerte schnurstracks auf die Staffelei zu. Jake eilte ihm hinterher und hielt inne, als er merkte, was Gyles Aufmerksamkeit erregt hatte: Das Tuch, das er über das unfertig überarbeitete Bild geworfen hatte, war verrutscht und verdeckte es nur mehr zur Hälfte.

„Einfach toll!”, rief Gyle. „Genau an so etwas habe ich gedacht! Diese Kleckse und Schnörkel im Hintergrund verkörpern das Chaos des modernen Lebens perfekt. Die Eintracht und Natürlichkeit von Mutter und Baby im Vordergrund lindern und überstrahlen dieses Chaos jedoch. Von wem ist das Original? Und das Tuch, das die Hälfte des Bildes verdeckt – hier wird etwas verschleiert und enthüllt zugleich. Faszinierend! Sagen Sie mir, was genau stellt das Tuch dar?“
„Och, das ist aus reiner Vorsicht …“, stammelte Jake.
„Reiner wer?”, unterbrach in Gyle. „Ich könnte nicht behaupten, dass ich je von einem zeitgenössischen Künstler mit dem Vornamen Reiner gehört hätte. Ich muss jedoch zugeben, dass ich von Kunst nicht allzu viel Ahnung habe. Ich weiß allerdings genau, was mir gefällt.“
Es erstaunte Jake jedes Mal von neuem, wie oft seine Kunden diese Binsenweisheit von sich gaben, aber Gyle schien dieses „Ich weiß, was mir gefällt“ auf die Spitze zu treiben.
„Wer ist dieser Reiner?“, wiederholte er.
Jake musterte Gyle, der seinen Blick nicht von der Staffelei wenden konnte, etwas intensiver. Mit leichtem Unbehagen begann er zu verstehen, dass dieser es offenbar völlig ernst meinte. Er war wohl wirklich davon überzeugt, vor der Kopie eines Meisterwerks der Modernen Malerei zu stehen, für dessen Verständnis das Tuch von zentraler Bedeutung war. Da kam ihm eine Idee.
„Och, Reiner … Vorsichka“, antwortete er bedächtig. „Sie haben vermutlich noch nie von ihm gehört. Er hatte seinen ganz eigenen Stil. Ein genialer Geist, wenn Sie mich fragen. Aber kaum bekannt. Lebte ein sehr abgeschiedenes Leben irgendwo in … Tibet, glaube ich. Ist erst kürzlich verstorben – viel zu früh. Sehr tragisch!”
„Faszinierend“, murmelte Gyle. „Wie heißt das Bild?“
Jake räusperte sich, um etwas Zeit zu gewinnen und antwortete dann angesichts der Umstände sehr treffend: „Alles neugestaltet.“

„Einfach wunderbar!”, entfuhr es Gyle mit beinahe schon übertrieben wirkender Entzückung. „Verstehen Sie, es passt so gut zu meiner Situation: Meine neue Rolle als Vater und unser gemeinsames Familienglück haben in meinem Leben einfach alles neugestaltet. Ich bin nicht mehr so jung, wie Sie denken. (Jake hatte bisher noch keine Sekunde den Eindruck gehabt, dass Gyle besonders jung oder gar jugendlich wirken würde.) Bis ich meine Maria getroffen habe, hat es in meinem Leben nur eines gegeben: Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit. Geld, Geld und noch mehr Geld. (So langsam begann Jake, Gyle sympathisch zu finden.) Aber dann, eines Tages im letzten Jahr, kam meine zauberhafte Maria in mein Leben – und wurde meine Frau. Nur Gott weiß, warum. (‚Auf die Frage nach dem Warum konnte es nur eine Antwort geben‘, dachte Jake). Und jetzt hat Gott uns noch einen wunderbaren Sohn geschenkt. Glauben Sie mir, das ist ganz einfach die wundervollste Sache, die mir in meinem ganzen Leben widerfahren ist: Es hat für mich einfach alles neugestaltet. (‚Das war jetzt für den Fall, dass ich diese Anspielung beim ersten Mal nicht verstanden hatte‘, dachte Jake). Und Sie werden es mir nicht glauben, aber die junge Mutter auf diesem Bild sieht meiner Maria außerdem wirklich sehr ähnlich. Ach, ich kann es eigentlich selbst kaum fassen – es ist fantastisch! Sie wird begeistert sein. Könnten Sie ihr vielleicht noch ein paar blonde Strähnen malen, so wie meine Maria sie hat? Und sie ein klein wenig schlanker machen? Glauben Sie, dass Sie das bis zum Muttertag hinkriegen? Ich werde dafür sorgen, dass sich der Aufwand für Sie lohnt.“ Gyle hatte seine Geldtasche bereits geöffnet.

Ob Gyle je dahinterkam, dass nie ein Maler namens Reiner Vorsichka gelebt hatte? Jake erfuhr es nie. Es spielte auch keine Rolle. Gyle bekam ein Gemälde, das die Welt für ihn bedeutete und Jake hoffte von ganzem Herzen, dass Gyle für seine Frau und seinen Sohn genauso wichtig war, wie die beiden es offensichtlich für ihn waren. Und was Jake betraf: Er hatte endlich etwas Eigenes geschaffen – nun, zumindest teilweise – und es war ganz und gar nicht schwer gewesen.

Übersetzung: Philipp Stummer
 
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