Das Verlassen des Konjunktivs

Beatrice Günther
20.02.2018
 
Das Verlassen des Konjunktivs
Vom reichhaltigen Frühstücksbufett im minimalistischen, lichtdurchfluteten Restaurant kommend, sie hatte sich bei der Auswahl ihrer Speisen selbst Grenzen gesetzt, sich ein leckeres Nussnougatbrötchen verboten und stattdessen einen gesunden Obstsalat mit Haferflocken verordnet, schaut sie in ihrem geräumigen Zimmer durch die großen bodentiefen, mit den zurückgezogenen tiefroten Vorhängen gerahmten Fenster, an die große Regentropfen klopfen und vor denen sich die knorrigen Lärchen elastisch im Wind verbiegen, kleine Äste und Blätter vorbeifliegen.
Die Berge tragen einen Nebelschleier, dunkle Wolken verhindern den gestrigen grenzenlosen Blick, als die sonnenbeschienen Berge noch klar am Horizont erkennbar waren. Heute sind sie scheinbar verschwunden und sie überlegt, wie sie den Tag verbringen wollte und wie sie ihn verbringen könnte. Das stellt für sie einen Unterschied dar. Die Wettervorhersage und der Ort scheinen nicht mehr identisch, statt strahlender Sonne hängen finstere, regenschwangere Wolken herum, der Plan der großen Bergwanderung scheint sich im Nebel aufzulösen. Das gefällt ihr gar nicht, wenn sie selbst gesetzte Ziele, wie die geplante Gipfelbesteigung des Hochwart nicht verwirklichen kann, das ist eine Niederlage für sie.
Da bleibt ihr, angesichts der Wetterlage enttäuschter Blick, bei einem Buch hängen.
Das kleine feine Buch mit rotem Leineneinband trägt die Aufschrift Mountain Stories „Fernsicht“, ja, die hätte sie jetzt gern. Gelangweilt beginnt sie zu blättern, dann zu lesen. “Ein Blick erfüllt sich die Sehnsucht nach der Ferne“, dieser Blick erweckt ihre Neugier. Interessante, kurzweilige kleine Geschichten; wer und was verbirgt sich wohl hinter ihnen; ah, ein Literaturwettbewerb und in diesem Jahr zum Thema Grenzen.
Das Thema passt zum Tag und zu ihr, interessiert sie schon seit geraumer Zeit. Sie könnte auch etwas dazu schreiben, aber Schreiben ist doch nichts für sie, für sie als Architektin ist die Zeichnung die Sprache. Nun ja, im Zeitalter der Digitalisierung leider immer weniger, ach, seufzt sie, was waren das noch für Zeiten, in denen sie mit Bleistift gezeichnete Entwürfe gebaute Realität werden lassen konnte. Anderseits existierte zu der damaligen Zeit noch die mächtige und für sie unüberwindbare Grenzmauer.
Sie beginnt zu philosophieren, sind Grenzen nur etwas Schlechtes, Verhinderndes oder haben sie auch gute Seiten? Ihr fällt der Spruch ein, „Hebt sich der Nebel, sieht man keine Grenzen mehr.“, oder war es der Blick, sie erinnert sich nicht mehr so genau, auch nicht daran, von wem der Spruch ist.
Welch leichter, schöner Gedanke, der sich Raum nehmen möchte, aber die nebelgrauen Wolken lassen sich nicht so einfach wegpusten.
Den Gedanken so einfach weiter nachhängen, geht gar nicht. Sie beschließt, etwas Sinnvolles zu tun, zieht sich ihren blau gepunkteten Badeanzug an und geht schwimmen. Schwimmen bereitet ihr Freude, die Klarheit des Wassers gegenüber dem Verschwommenen, der Nebelsuppe da draußen. Die Schwimmhalle ist leer, sie hat Glück, nur sie und das Wasser sind da. Sie liebt es, in der ungestörten spiegelglatten Wasseroberfläche zu versinken und nur die eigenen Wellen zu spüren, die verlorengegangene Leichtigkeit, das Getragen sein im Wasser, einfach nur so dahinzugleiten. Die Zeiten des Leistungssportes sind lange vorbei, der innere Wettkampf bleibt.
Das Thema Grenzen hat sich auch im glasklaren Wasser in ihrem Kopf verankert.
Durch ihre Schwimmbrille blickt sie auf den funkelnden Silberquarzitstein am Beckengrund und am Beckenrand. Hier scheint das Wasser überzugehen in die Natur vor der großzügigen Panoramafensterfront. Die fehlende Begrenzung verkörpert ein gelungenes Architekturdetail.
Sie taucht ein ins türkisfarbene Wasser und in Geschichten, denkt nach über Architektur, sie mag die fließenden Übergänge von Architektur und Natur, das stimmige Verschmelzen von Materialien, Farbe und Form. Hier im Mountain Ressort verschwimmen die Grenzen von innen und außen durch die harmonisch abgestimmte, natürliche Materialwahl, die unaufdringliche, aber gezielt eingesetzte Beleuchtung, die ein munteres Spiel von Licht und Schatten erzeugt. Funktion, Konstruktion und Gestaltung bilden eine wohltuende ästhetische Einheit.
Sie denkt an gestern Nacht, als sie sich beide im Bademantel auf die Terrasse im Paradiesgarten schlichen, um die Sterne zu beobachten, die grenzenlose, sehnsuchtsvolle, atemberaubende Weite des Firmaments, hier auf 1500 m Höhe ohne die gewohnte störende Lichtverschmutzung der Stadt.
Sie krault, nimmt das kalte und kristallklare Wasser war, wechselt in ihre Lieblingsschwimmart, den Schmetterlingsstil und bemerkt kurz, dass sie sich dabei leicht fühlt, wie ein farbenfroher Schmetterling in der Luft. So kommen einzelne, zusammenhanglose Gedanken und sie lässt sie vorüberziehen.
Manchmal gelingt es ihr also doch, im vielbeschworenen einzigartigen Augenblick zu leben, im Hier und Jetzt. Genau hier empfindet sie Orte des Glückes, Ruhepunkte, wo sie sie selbst sein darf, wo es keine Aufgaben gibt, wo Raum und Zeit zusammenfließen, wo für einen kurzen Augenblick keine Grenzen existieren. Sie kennt das Gefühl von Freiheit aus ihrer Jugend.
Sie steigt aus dem Wasser, setzt die orangefarbene Schwimmbrille ab. Draußen ist es nicht mehr ganz so dunkel, einzelne Sonnenstrahlen versuchen zart die nebelgrauen Wolken zu durchbrechen, sie sind noch schwach, aber sie sind anwesend.
Während sie so eingekuschelt in ihrem weißen Bademantel umherschaut, meldet sich die Frage, sollte sie sich trauen, das Erlebte zu notieren? Es bleiben Zweifel.
Eine halbe Tafel Bitterschokolade mit Nüssen später, beginnt sie doch, die Geschichte aufzuschreiben, erst einmal nur für sich, damit sie den Urlaub und das kleine Glück achtsamer Momente für sich in Erinnerung für kommende stressige Zeiten behält.
Und dann überwindet sie ihre Zweifel und die selbst gesetzte Grenze der Angst im Kopf und sie hat ihre erste Geschichte geschrieben, die sie noch mit einigen Fotos ergänzen und dann versenden wird.
 
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