Das Vogelhäuschen am Arganier

Nadia Rungger
05.04.2016
 
Das Vogelhäuschen am Arganier
Der Herr schaut aus dem Zugfenster, ein Jackett auf dem Schoß und eine schwarze Tasche zwischen den Füßen. Er lässt Dörfer, Kirchtürme und Apfelplantagen an sich vorbeiziehen. Er weiß, woher er kommt, und er weiß, wohin er geht und wie man das Leben genießt. Ich sitze ihm gegenüber und starre mein verschwommenes Spiegelbild in der schmutzigen Fensterscheibe an. Dahinter eine Welt, die mich nicht kennt. Salut, sage ich. Nichts. Keine Antwort. Kein Zeichen, dass es die richtige Entscheidung war. Ich spiele mit einer Schlaufe an meinem Rucksack. Egal. Die Leute hier haben nichts gegen Fremde, solange sie nicht bleiben, hat man mir gesagt. Ich will gar nicht hier bleiben. Oder? Ich weiß nicht. Jedenfalls sagt man, je weiter nach oben man geht, desto schöner wird das Leben sein. Vielleicht ist das gelogen. Ich frage mich manchmal, ob es je wieder so schön sein wird wie früher. Nicht, dass es in Maroc so schön war. Sonst wäre ich nicht hier. Aber die Heimat hinter sich zu lassen ist immer schwierig. Vor unserem Haus wächst ein Arganbaum, ein Arganier, und daran hing, seit ich mich erinnern kann, ein Vogelhäuschen. Und wenn ich nachmittags von der Schule heimkam, begleitete mich Gezwitscher zur Haustür. Meine Mutter sagte immer: Wie können so kleine Vögel einen so großen Lärm machen. Aber in Wirklichkeit störte es sie nicht. Die Vögel waren unsere Wachhunde. Sie zwitscherten, wenn sich jemand dem Haus näherte. Die Vögel gehörten zu dem Baum. Und der Baum zu uns. Und wir sind verbunden, hat mein Vater gesagt, an dem Tag, nach dem Abendessen, zu mir und meiner Schwester, und im Hintergrund klapperte Mutter mit dem Geschirr. Wir bleiben zusammen, das steht fest, hat er gesagt, wir hängen aneinander wie das Vogelhäuschen am Baum. Das wiederholte er so oft, bis das Wort zusammen, ensemble, nur noch aus einzelnen wahllos aneinandergereihten Buchstaben bestand. Als meine Mutter ein Glas fallen ließ, bückte er sich und kehrte die Scherben zusammen. Das steht fest, sagte er. Tous ensemble. Ha! Im Geiste vielleicht. Ich lachte verzweifelt. Wieso ich? Habe ich gefragt. Wieso ich und nicht wir alle? Meine Schwester blickte auf und es war mir egal, wenn sie jetzt sagte, dass Jungs nicht weinen sollten. Sagte sie nicht. Nur: Weißt doch selber, so viel Geld haben wir nicht. Nein, sagte ich mir und ihr und meinen Eltern, ich gehe nicht. Es geht um so viel Geld. Ich kann nicht.
Irgendwie bin ich aber wohl doch gegangen. Sonst wäre ich nicht – ja, wo bin ich denn überhaupt? Hier. So ein weitläufiger Begriff. Hier ist überall und nirgendwo und für mich heute einfach mal das siebte Abteil im Zug von Verona zum Brenner. Zumindest hoffe ich, dass ich die Schilder richtig gedeutet habe. Ein mit blauem Stoff überzogener Sitzplatz. Ein Quadratmeter. Der Zug ist voll beladen mit Flüchtlingen und ich kann froh sein, dass ich einen Sitzplatz ergattert habe und dass ich ihn keiner schwangeren Frau anbieten musste. Die Luft ist stickig und voller fremder Gerüche. Allesamt sind diese Leute Fremde, für den Herrn mit dem Jackett auf dem Schoß und für mich auch. Auf den ersten Blick sind es immer Fremde. Aber das macht mir nichts aus. Ein Junge mit einem großen Rucksack hat mir vorhin ein Bein gestellt und mich nach hinten geschubst, um vor mir in den Zug zu steigen. Ein anderer hat mir etwas von seinem Brot angeboten. Aber dann hat es ihm ein muskelbepackter Mann aus der Hand gerissen. Wir haben nichts gesagt. Besser so. Ich habe später mit dem Jungen meine Jause geteilt. Er ist schmächtig, hat schwarzes Haar und so dunkle Augen, dass man die Pupille nicht ausmachen kann. Er hat mir kein Wort gesagt. Ich weiß nicht, wer er ist. Ob er noch eine Familie hat. Ob er eine Zugfahrkarte besitzt, so wie ich. Ob er weiß, wohin er gehen will. Ich weiß nicht einmal, wie er heißt. Aber ich weiß, was es heißt, dass er jetzt hier ist. Einige meiner besten Freunde sind jetzt Fremde.
Wie der Herr mir gegenüber frage ich mich, wohin das alles führen soll. Und drücke die Schlaufe, die an meinem Rucksack hängt, fest in meiner Hand. Ich frage mich, wer auf meine Familie aufpassen wird, wenn es die Vögel nicht mehr tun.
Damit du nicht vergisst, dass wir zusammengehören. Meine Mutter befestigte die Schlaufe, die den Vogelkäfig an einen Ast band, an meinen Rucksack. Ich habe die Vögel erschrocken davonfliegen sehen, als mein Vater das Holzhäuschen abmontierte. Ihre Heimat. Meine Heimat. Ein, zwei, drei Flügelschläge. Mit einer neuen Leichtigkeit sprang ich über den Zaun. Mit einem Rucksack und einem Herz voller Angst. Und Neugierde. Und nicht zuletzt Hoffnung. Meine Mutter hat mich davongehen sehen. Au revoir, Arganier.
Der Baum wirkte verlassen, als ich ging. Der Wind pfiff durch einsame Äste. Die Vögel müssen jetzt alleine zurechtkommen.
Aber das muss ich auch.
 
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