Der Apfel

Anita Hetzenauer
20.02.2018
 
Der Apfel
Der Brenner war die Grenze zwischen meinen beiden Leben. Die Grenze zwischen der einen Resi und der anderen, die beide ich waren und so verschieden, dass es schmerzte. Die Resi südlich des Brenners lebte fleißig, gottesfürchtig und kinderlos ein stilles Leben als ledige Frau. Die andere Resi gab es nur einmal im Jahr, im Oktober, wenn der Pfarrer in den Urlaub und ich in den Norden fuhr. Nach Tirol, zu meiner Tochter, die bei Fremden lebte, weil niemand wissen durfte, dass es sie gab. Manchmal kroch das Geheimnis fast bei meinem Mund heraus. Weil ich mein Versprechen gegeben hatte, biss ich jedes Mal fest die Zähne zusammen, egal wie weh es tat. Nur einmal im Jahr durfte ich Mutter sein, zumindest ein bisschen, bis der Zweite Weltkrieg auch dem ein Ende setzte. Jahre vergingen, in denen ich meine Kathi nicht besuchen konnte. Ich litt. Die Ziehmutter musste das aus meinen Briefen herausgelesen haben, denn sie schlug ein Treffen auf dem Brenner vor, damit wir uns über die Grenze hinweg zumindest sehen konnten.
Absichtlich nahm ich einen Zug, der mich viel zu früh zum Brenner brachte. Pünktlich war die Eisenbahn noch nie gewesen, doch seit Kriegsbeginn ließen sich Ankunftszeiten gar nicht mehr einschätzen. Ich wurde vom Strom der Mitreisenden aus dem Bahnhofsgelände geschoben. Mich fröstelte, als ich auf den Vorplatz trat. Die Oktobersonne wärmte kaum noch. Eine rostige Kette war zwischen fensterlosen Häusern als Grenzmarkierung gespannt. Niemand hätte sie ernst genommen, wäre da nicht der Soldat gewesen, der mit geschultertem Gewehr an der Kette entlangschritt. Es schien, als würden seine Schritte die Strecke in lauter identische Stücke teilen. Keines einen Zentimeter länger, keines einen Zentimeter kürzer. Wie er so auf und ab schritt, musterte er die Menschen, die sich auf beiden Seiten der Grenze eingefunden hatten, um miteinander ein paar Worte zu wechseln, vielleicht sogar ein Geheimnis auszutauschen. Ich fragte mich, wie Kathi inzwischen aussah, ob ich sie wiedererkennen würde. Konnte eine Mutter ihr Kind nicht wiedererkennen? Kalte Angst ließ mich von innen frieren, obwohl die Sonne von Minute zu Minute an Kraft gewann. Ganz genau musterte ich die Menschen auf der anderen Seite der Grenze, doch ich war sicher: Kathi war noch nicht da. Ich wartete. Fest hielt ich dabei die geblümte Stofftasche in der Hand, in der sich die Kastanien befanden und die Äpfel, die ich mitgenommen hatte.
Endlich sah ich Kathi kommen. Ich erkannte sie sofort, obwohl sie inzwischen mit ihren zwölf Jahren fast so groß war wie ihre Ziehmutter. Kathis Blick streifte über die Menschen, blieb einen Augenblick an mir hängen und glitt ohne eine Spur des Erkennens weiter. Schnell musste ich mich wegdrehen um die Tränen wegzuwischen, die plötzlich aus meinen Augen sprangen. Als ich wieder zu Kathi hinüber sah, ließ ich vor Schreck beinahe meine Tasche fallen. Was tat sie da? Hinter dem Rücken des Soldaten rannte sie zur Absperrung, schlüpfte darunter durch und nach drei, vier langen Sätzen stand sie vor mir.
„Jetzt hätte ich dich fast nicht erkannt, Mama!“, sagte sie atemlos. Sie lächelte und in ihren Augen spiegelte sich meine Freude, obwohl ich sie eigentlich tadeln wollte. Man konnte doch nicht einfach hinter dem Rücken eines bewaffneten Soldaten eine Grenze überqueren. Doch bevor ich ein Wort hervorbrachte, schlossen sich ganz automatisch meine Arme um sie. Dabei streifte die Tasche in meiner Hand ihren Rücken. Ich erschrak darüber und ließ Kathi wieder los.
„Die Ziehmama musste mir helfen, aber dann habe ich dich sofort erkannt“, sprudelte Kathi hervor. Sie sprach mit mir so unbekümmert, als hätten wir uns nur ein paar Tage nicht gesehen und nicht vier Jahre. Wieder musste ich Tränen zurückblinzeln, doch bald schon gelang es auch mir, die Jahre wegzuscheuchen, die zwischen uns standen, und wir redeten.
Sie erzählte von der Schule, ihrem Leben am Bauernhof der Zieheltern und von der großen Ziehschwester, die ein Kind erwartete. „Wir freuen uns schon alle auf das Baby“, sagte sie und während ich in ihr Gesicht sah, wechselte ich schnell das Thema und sprach von meiner Arbeit. Trotzdem heftete sich die Erinnerung an eine andere Schwangerschaft, ein anderes Baby, an meine Gedanken. Nie sollte meine Tochter erfahren müssen, wie karg die Vorfreude auf ihre Ankunft damals gewesen war. Wie sollte sich eine Mutter auf ihr Baby freuen, ohne dass ihr das Herz zerbrach, wenn sie wusste, sie würde ihr Kind nach ein paar Tagen schon bei Fremden zurücklassen müssen für immer.
Ich erzählte von der Apfelernte, sie von den Kartoffeln, die der vielen Mäuse wegen heuer mager ausgefallen war. Mir fiel der Inhalt meiner Tasche wieder ein. Schnell fischte ich eine Hand voll Kastanien heraus und fragte sie, ob sie die schon einmal gegessen habe. Sie kannte Edelkastanien nicht und es freute mich, ihr etwas Besonderes mitgebracht zu haben.
Sorgsam wickelte Kathi die Henkel der Stofftasche um ihre Hand, als es für sie Zeit wurde, wieder auf die andere Grenzseite zu wechseln. Die Zieheltern hatten schon auf eine imaginäre Uhr gedeutet und darum warteten Kathi und ich nun, bis uns der wachhabende Soldat wieder den Rücken zudrehte. Als er ein Stück entfernt war, umarmten wir uns ein letztes Mal, dann rannte Kathi zur anderen Seite. Wahrscheinlich streifte sie mit der Tasche an der Kette oder sie bückte sich nicht tief genug, jedenfalls gab die Kette ein grässliches metallenes Stöhnen von sich und begann unheilvoll zu schwingen. Kathi ließ die Tasche fallen, ein rotbackiger Apfel rollte heraus, bevor Kathi die Tasche wieder an sich reißen konnte. Wie eine Marionette, an deren Fäden abrupt gezogen wurde, vollzog der Soldat eine Wendung um 180 Grad. Ich erschrak, als ich sein Gewehr von seinem Rücken in seine Hände gleiten sah. „Lauf!“, brüllte ich Kathi zu und sie lief. Nach drei schnellen Schritten erreichte sie die Zieheltern, die sich sogleich schützend vor sie stellten. Der Soldat sah ihr nach, das Gewehr immer noch im Anschlag. Beiderseits der Grenze war es still geworden. Alle hielten den Atem an. Endlich ließ der Soldat die Waffe sinken. Als sei nichts gewesen, nahm er den immer gleichen Rhythmus seiner Schritte wieder auf. Nur als er in die Nähe des weggerollten Apfels kam, tat er einen kleinen Schritt zur Seite um mit seinem Stiefel unbarmherzig auf die Frucht zu treten. Hörbar knackte es und nichts als zermatschter Apfelbrei blieb auf dem Boden zurück.
Der zertretene Apfel war ein unerträglicher Anblick. Kathi und ihren Zieheltern blieb er erspart. Sie hatten sich schon weggeschlichen. Ich wandte mich ab und machte mich auf den Weg zurück ins Bahnhofsgebäude und zurück zum Zug, der mich wieder zurückbrachte in mein anderes Leben.
 
Twitter Facebook Drucken