Der Brutkasten

Shannon Wardell
20.04.2018
 
Der Brutkasten
Jay schrie mich an:
„Wie konntest du das nur tun? Ich habe dir ausdrücklich gesagt, Nichts anzufassen. Du weißt doch, wie besorgt und nervös Lena und Dr. Chris sind. Sie werden außer sich sein, wenn ich ihnen sage, dass die Abdeckung des Brutkastens nicht mehr schließt. Und warum nicht – weil du sie verdammt noch mal kaputt gemacht hast. Warum hast du das getan? Sie vertrauten mir und nun muss ich meiner besten Freundin und ihrem Partner sagen, dass ihre Babys, Jodie und Julie, in Gefahr sind. Warum konntest du meiner ausdrücklichen Bitte nicht einfach nachkommen? Es geht hier um komplizierte Temperatur-Regulations-Mechanismen, von denen ich keinen Schimmer habe, die aber superwichtig für Jodie und Julie sind, um die Parasitenerkrankung, an der sie laborieren, zu überleben – ich folge nur den Anweisungen von Dr. Chris, während die beiden übers Wochenende nicht in der Stadt sind. Ich weiß nicht, wie das zu reparieren ist und du weißt noch weniger über diesen Brutkasten als ich. Ich sagte dir doch, du solltest nichts berühren. Wie kann ich dir jemals wieder vertrauen? Du hast eine Grenze überschritten, der du dich niemals auch nur nähern hättest dürfen. Nein, denk gar nicht einmal daran, zu versuchen, das zu reparieren oder auch nur irgendetwas anzufassen, mich mit einbezogen. Verschwinde. Du bist ein Monster.“
Mein Gehirn versuchte, all diese Informationen zu verarbeiten, während Jay krampfhaft probierte, Lena zu erreichen. Ja, ich hatte die Hebevorrichtung, die den Deckel des Brutkastens steuert und an die eine Reihe von Sensoren, Kabel und Zeitschaltuhren angeschlossen waren, berührt. Unter einigen Scharnieren mit Widerstandstandsfedern ragte ein 25 cm langer schwarzer Zylinder mit metallener Oberfläche und etwa einem Zentimeter Durchmesser hervor, an dessen Ende ein Metallkolben herausstand, der offenbar steuerte, wie weit die Abdeckung des Brutkastens geöffnet war.
Als Jay die beiden unteren Schalen gereinigt hatte, hatte ich bemerkt, dass die Blende, an der die metallene Hebevorrichtung mit der vorderen Plastikwand des Brutkastens verbunden war, verbogen war, als ob jemand Gewalt angewendet hatte. Zu diesem Zeitpunkt war mir das völlig harmlos und nicht einmal erwähnenswert vorgekommen. Neugierig wie ich war, hatte ich die Trägerplatte und den Hebel vorsichtig etwas genauer inspiziert. Mir wäre in keinster Weise aufgefallen, dass ich irgendwelche Einstellungen verändert hätte, dennoch schloss der Brutkastendeckel nun nicht mehr vollständig, was er vor fünf Minuten noch getan hatte. Es war unbestreitbar, dass nun eine deutlich sichtbare 4 cm breite Lücke zwischen Abdeckung und Wand klaffte, die direkt mit der Position genau jenes Hebels zusammenhing, von dem Jay tatsächlich gesagt hatte, ich sollte ihn nur ja nicht berühren.
Die Temperatur hatte sich im Laufe der vergangenen halben Stunde oder gar der letzten fünf Minuten nicht dramatisch verändert. Das digitale Thermometer an der Wand zeigte 20,8° C, was derzeit gut passte. Doch bei Anbruch des Abends würde es abkühlen und die Temperatur würde deutlich unter die Toleranzschwelle sinken, was das Überleben der Babys Jodie und Julie akut gefährden würde. Ich fühlte mich elend, murmelte Entschuldigungen vor mich hin, während ich angestrengt versuchte, mein Gehirn auf Hochtouren zu bringen, um festzustellen, was geschehen war und welchen Ausweg es aus dieser heiklen Lage geben könnte.
Lena und Dr. Chris meldeten sich nicht, sie waren wohl zu sehr in ihre Forschung vertieft. Ich war nicht im Stande, Antworten zu finden und begann mich in Gedanken selbst zu geißeln. Warum hatte ich diesen Mechanismus nur untersucht, ohne vorher Jay Bescheid zu sagen? Meine Neugierde hatte mich – wieder einmal – genötigt, von der verbotenen Frucht zu naschen. Warum nur? War meine Neugierde schuld oder war ich einfach unfähig, Anweisungen zu befolgen? Ich war in der Lage, direkten Befehlen Folge zu leisten, wer auch immer die Vorgesetzten waren, von denen sie kamen, aber ich fragte stets nach den Gründen für die Befehle. Ich muss zugeben, dass mich das zu einem mehr als fragwürdigen Soldaten machte. Aber es machte mich auch zu jemandem, den man nur schwer in die Irre führen konnte. Diese Eigenschaft hatte mir schon ein paar Mal die Haut gerettet, als die Person, deren Anweisungen ich befolgen sollte, sich als Lügner herausgestellt hatte – Macht kann korrupt machen, man stelle sich das vor! Aber dieses Mal ging’s nicht um meine Haut, dieses Mal stand das Leben von zwei unschuldigen Babys am Spiel. Und uns lief langsam aber sicher die Zeit davon.
Jay war überzeugt, dass ich etwas beschädigt oder verstellt hatte. Die Tatsachen legten in aller Deutlichkeit nahe, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich war schuldig, ohne dass erwiesen werden konnte, dass mein Handeln tatsächlich das Problem mit dem Brutkastendeckel ausgelöst hatte. Trotzdem hatte ich eine Linie überschritten, eine Grenze der Entscheidungsfreiheit ausgereizt.
Wenn es irgendwo heißt, „Zutritt verboten”, dann ist damit nicht gemeint, „Zutritt verboten – es sei denn, Sie wollen unbedingt“, nicht wahr? Dass ich bemerkt hatte, dass etwas offenkundig nicht in Ordnung war – was soll’s? Wenn das Dach des Hauses meines Nachbarn in Flammen steht, aber ein „Zutritt verboten“-Schild an seinem Zaun prangt – sollte ich am Zaun stehen bleiben, mir die Seele aus dem Leib brüllen und im Falle, dass seine Familie in den Flammen umkommt, einfach behaupten, es wäre seine Verantwortung gewesen? Oder sollte ich seine durch das Schild kommunizierten Anweisungen missachten und damit möglicherweise zum Lebensretter werden?
Drehen wir dieses Beispiel doch um: Wenn mein eigenes Haus niederbrennt und ich entscheiden muss, ob ich seinen Befehl missachte oder sterbe, kann es mir irgendjemand übel nehmen, mein Leben gerettet zu haben? Offenbar war mein Verstand gerade dabei, die von mir vorhin begangene Übertretung zu rechtfertigen. Dennoch ist die Menschheitsgeschichte gespickt mit unzähligen Beispielen von Menschen, die blind Befehle ausgeführt haben, welche im Widerspruch zu allen moralischen und ethischen Werten gestanden sind.
Aber warum beschäftigte ich mich überhaupt mit so abstrakten Dingen, wenn es doch eigentlich nur darum ging, was mit den Babys passieren würde, wenn die Sonne untergegangen war? Diese zwanghafte übertrieben genaue Auseinandersetzung mit meiner eigenen Schuld wurzelte natürlich in meiner eigenen Hilflosigkeit, irgendetwas Nützliches tun zu können.
Genau dann (und nicht bereits früher!) kam mir ein Hoffnungsschimmer in den Sinn. Jay und ich waren auf dem Rückweg zum Brutkasten nachdem wir unsere Kontrollrunden absolviert hatten. Sie war noch immer aufgebracht und ignorierte mich völlig. Wie süß hatten Jodie und Julie heute Morgen ausgesehen, als wir die Abdeckung zum ersten Mal geöffnet hatten und die Sonne den gesamten Innenraum in goldene und bernsteinfarbene Farbtöne getaucht hatte. Jay und ich hatten keine Temperaturveränderung wahrgenommen, aber jetzt vermutete ich, dass die Sonnenstrahlen tatsächlich stark genug gewesen sein könnten, um den automatischen Temperaturregler im Brutkasten auszulösen. Wir würden es bald herausfinden, da der dämmrige Himmel bereits für Abkühlung sorgte.
Nachdem wir um die letzte Ecke gehetzt waren, atmeten wir beide laut nach Luft japsend auf – der Regler hatte den Deckel des Brutkastens bereits gänzlich verschlossen. Als wir den Brutkasten genauer unter die Lupe nahmen, stellte sich heraus, dass alles in bester Ordnung war und es Jodie und Julie, die von all unseren Sorgen nicht die geringste Ahnung hatten, gut ging. Jay probierte es noch einmal bei Lena. Diesmal erreichte sie sie und entkräftete deren schlimme Sorgen und Befürchtungen.
Später in jener Nacht, als Jay in meinen Armen schlief, ließ ich diese bittersüße Empfindung während der Abenddämmerung, als ich bemerkt hatte, dass alles in Ordnung war, noch einmal Revue passieren: Unser Schreiduell war wegen eines grundlosen Hirngespinsts aus Angst und Verzweiflung zustande gekommen. Nichtsdestotrotz hatte ich tatsächlich einen Vertrauensbruch begangen, hatte ich doch absichtlich eine Grenze missachtet, deren Überschreitung mir ausdrücklich untersagt worden war. Hätte ich mich an Jays Anweisung gehalten, wenn Jodie und Julie nicht die beiden süßesten Schildkrötenbabys, die ich je gesehen hatte, gewesen wären?

Übersetzung: Philipp Stummer
 
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