Der Duft von wildem Thymian

Guergana Radeva
16.02.2017
 
Der Duft von wildem Thymian
Sie stand ganz oben, dachte sie sich, während der Blick über die verschneiten Gipfel der Dolomiten schweifte, höher hinauf ging es nicht. In ihrem Inneren wusste sie aber, dass der Aufstieg gerade erst begonnen hatte. Von außen betrachtet, mit ihrem modernen Winteranzug und den Skiern an den Füßen, strahlte sie Unbeschwertheit aus, doch das war nur ein Bluff für die Urlauber.

Die Geschäftsreise nach Italien war anstrengender als erwartet, die Besprechungen zogen sich bis spätabends hin, danach war sie erschöpft. Natürlich ließ sie es sich nicht anmerken. Sie stolzierte in ihren Stöckelschuhen und ihr Englisch war makellos, niemals hätte sie sich auf die Übersetzungen anderer verlassen. Auf einem so hohen Niveau kam Vertrauen Naivität gleich, ständig lauerten die Schakale.

Der Aufenthalt in Bozen hatte länger gedauert als geplant, aber auch diesmal hatte sie es geschafft. Das Abkommen mit der italienischen Firma war unter Dach und Fach, es fehlten nur noch die Unterschriften unter dem Vertrag und in der Zwischenzeit, in Erwartung des schicksalhaften Montags, ein verdientes Wochenende in den Bergen. Schluss mit den Rivalitäten, das Vergnügen machte alle zu Freunden. Sie lachte über den abgedroschenen Witz eines Kollegen, aber nur mit dem Mund, die Augen hinter den Spiegelgläsern blieben auf der Hut, wachsam.

Sie nahm die Abfahrt als Letzte in Angriff, um sich an den Gesichtern der anderen beim Überholen voll amüsieren zu können. Sie schlug die Männer auch auf der Piste, das machte sie aber nicht glücklich, nur wehrhafter. Sie hatte den Kampfgeist im Blut und als die Gruppe beschloss, dass es Zeit war für die Heimfahrt, verkündete sie, dass sie noch einmal die Piste abfahren wollte. Sie war nicht müde, wie immer war sie in Topform! Sie ließen sie kommentarlos gewähren, sie waren nur dem Anschein nach ein geschlossenes Team und hatten die Kindheitserinnerungen verdrängt, als sie „Die drei Musketiere“ spielten, nun agierte jeder ausschließlich für sich selbst.

Bis Sonnenuntergang war es noch eine gute Stunde und sie genehmigte sich eine Tafel Schokolade, in der Überzeugung, dass sie sich Zeit lassen konnte. Doch sie hatte die Rechnung ohne den Nebel gemacht. Innerhalb weniger Minuten verdichteten sich die harmlosen Fetzen zu einer grauen Wand, die alles verschluckte. Als sie merkte, dass die Skier vom Neuschnee schwer wurden, war ihr klar, dass sie von der Piste abgekommen war. Vergeblich suchte sie die präparierte Strecke, brach ein und fiel mit dem Gesicht voraus in den Neuschnee. Nass und benommen richtete sie sich auf, putzte die Brille, setzte sie auf und nahm sie mit einer nervösen Handbewegung wieder ab. Sie hatte Mühe, sich zu orientieren. Sie rief mit lauter Stimme, bekam jedoch keine Antwort. Der Wald schwieg unter der schweren Decke, richtete sich auf die Nacht ein. Sie musste sich beeilen, der Dunkelheit um jeden Preis zuvorkommen. Sie fuhr weiter ab durch die Bäume, die im letzten Augenblick aus dem Nebel auftauchten, ihr den Weg versperrten, mit den langen, feindseligen Ästen peitschten. Sie brach ein, rappelte sich wieder auf, versuchte es wieder und wieder, bis die Finsternis sie blockierte und unter eine mächtige Tanne verbannte. Entkräftet. Allein.

Sie checkte das Mobiltelefon. Kein Empfang. Sie versuchte trotzdem zu telefonieren, doch es war, als ob jenseits des Waldes die Welt aufgehört hätte zu existieren. Sie dachte an die Kollegen hinter den beleuchteten Hotelfenstern. Im warmen Schaum der Badewanne. Sie würden sich zum Abendessen treffen, das Warten als Ausrede, um sich einen zweiten Aperitif zu gönnen, danach würden sie ohne sie beginnen. Würde sich jemand Sorgen machen? Würde man sie suchen? Sie war jemand, der sich nicht auf Vertraulichkeiten einließ, für sie war das kontraproduktiv, Zeitverschwendung. Während sie auf die Erfolge anstießen, dachte sie bereits an den nächsten Auftrag. Sie nahmen sie als anders wahr, und das war sie auch, nicht nur weil sie eine „aus dem Osten“ war.

Aufgewachsen im kommunistischen Bulgarien, keinen eklatanten sozialen Ungleichheiten ausgesetzt, fand sie sich nach dem Fall des Regimes im entgegengesetzten System wieder, das allein von der Macht des Geldes gesteuert wurde. Und sie hatte sich perfekt daran angepasst, das bezeugten ihr Berufsprestige und ihr Bankkonto.

Doch was tat sie denn da, eine starke und rationale Frau wie sie, verloren im Schnee? Den Waldräubern ausgeliefert. Der düstere Ruf einer Eule machte die Nacht noch schrecklicher. Sie schauderte, verkroch sich in ihre Markenjacke und schluchzte.

Verzweifelt.

Man fand sie einige Stunden später. Bärtige Bergbewohner mit tiefen Stimmen. Sie hüllten sie in eine Decke, packten sie auf den Motorschlitten und brachten sie zur Schutzhütte. Ihren kehligen Dialekt verstand sie nicht und das Englisch war ihr im Hals stecken geblieben, das machte aber nichts. Sie verstanden sich trotzdem bestens, denn sie war nicht mehr die erfolgreiche Managerin, sondern nur ein kleines Mädchen, das dankbar war für die menschliche Wärme, für die gelbe Flamme im Ofen und für den Tee aus den Blüten von wildem Thymian, dessen Duft sie sofort erkannte: es war der gleiche, den sie mit ihrem Vater getrunken hatte, wenn sie müde, aber zufrieden die hija auf dem Gipfel des Witoschagebirges erreichten. Vier Stunden Fußmarsch, ohne der Verlockung der Seilbahn zu erliegen. Sie stiegen hinauf unter den Buchen, die kerzengerade im zarten Licht der durchbrechenden Sonnenstrahlen dastanden, danach überquerten sie die Weiden, wo sie Johanniskrautblüten, Walderdbeeren und, im Herbst, Hagebutten sammelten. Der Steig verlief weiter im dichten Schatten der Tannen und führte schließlich steil zwischen verkrüppelten Wacholdersträuchern empor.

Und während sie dahinwanderten, lehrte der Berg und das Mädchen lernte. Rücksicht auf die Mitwanderer. Auf die Natur. Schönheit. Liebe. Ablagerungen längst vergangener Lektionen, die die Strömungen des Lebens fortgespült hatten und die nun wieder auftauchten, um ihr Herz in glasklare Gewässer zu schleppen. Hochgebirgsquellen.

Wehmütig sog sie das Teearoma ein und lächelte ihren bärtigen Schutzengeln zu, glücklich, in die große Bergfamilie aufgenommen worden zu sein. Dankbar dafür, sich selbst wiedergefunden zu haben.
 
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