Der gefiederte Oberkellner

Autor Anonym
01.09.2012
 
Der gefiederte Oberkellner
Als Heini Winterholer eines Abends von seinem Ausflug zu einem italienischen Landgut zurückkehrte und eine große Kartonschachtel auf den Tisch stellte, schaute ihn seine Frau argwöhnisch an. „Sag nicht, dass da ein Viech drin ist!“ Denn wer Heini Winterholer kannte, wusste, dass seine Passion für alles, was kreucht und fleucht, mindestens so groß war wie sein Talent, die Gäste des Berghotels Vigiljoch abends an der Bar mit viel Spaß und Freude zu bewirten. In der Tat befand sich in der mit Löchern versehenen Schachtel ein Tier, und was für eines!

Nebelkrähen nehmen in der Rangordnung der beliebtesten Haustiere nun nicht gerade die vordersten Plätze ein. Dennoch kann man ihnen eine gewisse Intelligenz und Lernfähigkeit nicht absprechen, und Schönheit ist letztlich auch nur eine Frage des Geschmacks. Somit hatte das Hotel bzw. dessen Besitzer von diesem Tag an „einen Vogel“, wie man hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand munkelte. Gecko, so hieß der Vogel, fand sein neues Leben in der Hotellerie jedenfalls äußerst reizvoll und schön. Wo sonst findet man eine so reiche Auswahl an rot lackierten Zehennägeln zum genüsslich Hineinpicken oder eine so große Anzahl an Bergschuhen mit verführerisch bunten Schnürsenkeln.

Kurz gesagt genoss alles, was hervorstach, glänzte oder Bändchen besaß, Geckos ungeteilte Aufmerksamkeit. So mancher hätte dem guten Vogel deshalb gerne den Kragen umgedreht, wie beispielsweise eine Dame mit Glitzertäschchen, die sich gerade ahnungslos spazierend zur Bergstation der Seilbahn aufmachte, als Gecko im Sturzflug auf sie hinabdüste und ihr das Täschchen entriss, woraufhin sich all ihre Habseligkeiten bunt in der Landschaft verstreuten. Wenig amüsiert zeigte sich auch ein Arbeiter, der seinen Rucksack beim Hotel abstellte. Die Krähe kam, sah, rupfte an den Bändchen und schubste den Rucksack so lange, bis er umfiel und der Inhalt herauskullerte. Am schmerzlichsten traf den fleißigen Mann, dass sie als Draufgabe auch noch den Korken aus seiner mitgebrachten Weinflasche herausgezupft hatte und die edle Flüssigkeit in der Vigiljocher Erde versickert war.

Trotz alledem war Gecko Herrn Winterholers Ein und Alles. Die beiden verband eine innige Freundschaft, die auf Gegenseitigkeit beruhte und die, wer wollte, beim allmorgendlichen gemeinsamen Frühstück von Herrn und Vogel auf der Terrasse beobachten konnte. Gecko hatte so seine Sympathien und damit naturgemäß auch gewisse Abneigungen, ob das nun Menschen oder Gegenstände betraf. Eines Tages kauften die Wirtsleute neue Tischdecken für die Terrasse und deckten, stolz auf ihre wunderbare neue Errungenschaft, damit auch gleich die Tische im Freien. Gecko, der dies im Stillen beobachtete, befand wohl, dass man die großen weißen Punkte auf den teuren Tischdecken nicht einfach so stehen lassen konnte, und mit viel Akribie machte er sich an die Arbeit, in jeden einzelnen der Punkte Löcher zu picken. Da hörte sich auch für Herrn Winterholer der Spaß auf, er packte den Vogel gehörig „beim Krawattl“, auf dass ihm Hören und Sehen verginge. Das war dann auch das Ende der Freundschaft zwischen Mensch und Vogel. Fortan sah man Gecko nur mehr hie und da aus den umliegenden Bäumen zum Hotel herüberäugen.

Einige Zeit später vertraute sich eine Dame aus Brasilien etwas zerknirscht Frau Winterholer an, sie hätte die eingehenden Ermahnungen seitens der Hoteldirektion missachtet und jeden Morgen eine Nebelkrähe auf deren Klopfen hin in ihr Zimmer gelassen und mit Weintrauben gefüttert. Gecko begann sich also wieder mit dem Hotel zu versöhnen, was die Dame, die das Zimmer der Brasilianerin nach deren Abreise bezog, höchst gewöhnungsbedürftig fand. In aller Herrgotts Früh, erzählte sie einigermaßen aufgebracht nach ihrer ersten Nacht im Hotel, sei ein Vogel durch das geöffnete Fenster hereingeflogen, habe es sich auf ihrem Bett gemütlich gemacht und versucht, die Perlmuttknöpfe von ihrem Pyjama zu zupfen.

Da auch Nebelkrähen nicht ewig nachtragend sind und überwundene Krisen eine Beziehung sogar bereichern können, sah man Herrn Winterholer bald wieder mit Gecko in alter Freundschaft auf der Terrasse frühstücken. Was der Wirt des Berghotels auch unternahm, der Vogel war ihm stets ein treuer Begleiter und wich nicht von seiner Seite. Wenn er nach Lana hinuntermusste, begleitete ihn der Vogel zu Fuß, im Oberkellner-Watschelgang, hinunter zur Bergstation der Seilbahn. Und dort verharrte er dann geduldig, Stunden über Stunden, bis sein Herr wieder nach Hause kam.
 
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