Der Jochergeist erzählt

Autor Anonym
01.09.2012
 
Der Jochergeist erzählt
Vigiljoch, das sind Erinnerungen an vergangene Zeiten – damals, als die Uhren noch langsamer gingen, im Hotel Vigiljoch sich neben den normalen Bürgern auch noch illustre Gestalten aufhielten, ganz normal, ganz ohne jeglichen Lärm, ohne Bodyguards, der deutsche Bundeskanzler Willi Brandt für jedermann bei einem Glas Wein zugänglich war und mit jedem, der es wollte, auch sprach, nicht abgeschirmt – undenkbar für heute. Auch die Bedienung und die Küche im Hotel waren einfacher als die heute im vigilius. Der Wein war heller, einfacher, vielleicht auch saurer, und die Menschen waren mit viel weniger zufrieden und trotzdem glücklich.
Damals, vor langer Zeit, waren die Sommerfrischler eine eingefleischte Truppe, man kannte sich, man respektierte sich, und dies hat uns von den „Haflingern“ unterschieden. Man gewährte dem anderen auch seinen Freiraum, man musste nicht zusammenkommen, man konnte! Ach ja, die Haflinger, die uns spöttisch als Einsiedler ansahen, im Wald versteckt, und wir, die dies mit einem Lächeln übersahen und glücklich auf das „Anderssein“ waren. War es in Hafling der Kuhleiten, der für sie im Winter zum Skifahren das Maximum war, so war es für uns das Bärenbad, das zum Teil nicht präpariert wurde, da es zu steil und zu schmal war. Von den anderen belächelt, haben wir das Tiefschneefahren genossen.
Damals, als noch nicht das Fernsehen und der Computer den Alltag bestimmten, waren da Menschen, die die anderen mit ihren Possen unterhielten und sich mit leichtem Witz über die kleinen Unzulänglichkeiten der anderen lustig machten.
Von einem möchte ich erzählen, der für Ulk und Schalk am Vigiljoch berühmt war, nie böse oder anzüglich, der aber immer jedem den Spiegel vorhielt, wie ein Till Eulenspiegel oder ein Karl Valentin. Eine kleine Begebenheit, an die ich mich erinnere ist die, als er am Kirchweg die Kuhfladen mit Farben anstrich und dabei hörte, wie eine vorbeigehende Frau ihrem Mann zuflüsterte, dass sie es sehr eigenartig fände, wie der Vigiljocher die „Kuhscheiße“ bemalte, worauf der Mann seiner Frau zurückflüsterte, sie solle sich nicht die Blöße geben, da dies ja moderne Kunst wäre. Niemand stieß sich daran, niemand zeigte ihn an und wir hatten einen Kirchweg mit vielen bunten Farbklecksen.
Wenn ihn die Wirtin vom Bärenbad fragte, wie ihm das Essen geschmeckt hatte, antwortete er ihr, er könne dies nicht sagen, da er sein Reservegebiss vergessen hatte.
Am Vigiljoch hat sich sehr viel getan. Wenn wir „alten“ Vigiljocher uns treffen, dann sprechen wir viel von diesem Mann, der das Vigiljoch so liebte und so prägte. Keiner, den er als Opfer auserkoren hatte, ist seinem Schabernack entkommen. Vor Jahren ist er gestorben, aber tot ist er immer noch nicht, er lebt durch seine Geschichten weiter, jeder erinnert sich an eine Kleinigkeit. Geschichte wird von vielen Kleinigkeiten geschrieben: Die großen Taten sind etwas für die Geschichtsbücher, die Taten der „kleinen“ Menschen sind lebendige Geschichte, Erinnerung an damals:
Damals, als noch der „Gröbner Luis“ aus Pawigl die Häuser der Sommerfrischler im Winter überwachte – und manchmal auch im Sommer durchs Fenster schaute, um zu sehen, ob ja alles katholisch zuginge, was ihm den Übernamen Vigiljocher CIA einbrachte –, als der Klotz Peter den Stall unter dem Hotel besaß und alle mit Milch und Eiern versorgte. Der Peter, der mit seinen Tieren sprach, als ob sie alles verstehen würden, was er sagte. Klara, seine Frau, die im Geschäft den Leuten nichts mehr zu trinken gab, wenn sie nicht zuerst ein Brot aßen, um den Rausch nicht zu sehr zu spüren. Auch ohne Frühstück am eigenen Küchentisch bekamen die Kunden am Morgen keinen „Weißen“. Damals, als der Pircher Luis bei der Seilbahn war und auch einmal nach 20 Uhr ein Auge zudrückte und jemanden noch schnell nach Lana führte. Die Frau Pircher, die betrunkene Frauen und Männer am Kirchtag mit Schwung aus ihren Sesseln beim Sessellift manövrierte. Der Ciccolini, der ungesichert von der Seilbahn auf die Ständer kletterte, um nachzusehen, ob ja alles in Ordnung war, oder der Stanzel Friedl, der zum Leidwesen der Jägerschaft überall seine Futterkrippen für die Rehe baute. Und eben dieser Mann, der für Heiterkeit sorgte und uns alle für eine kurze Zeit die Härte des Lebens vergessen ließ. Und dafür möchte ich ihm heute danken, für ein Stückchen großer kleiner Geschichte vom Vigiljoch.


 
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