Der letzte Feinschliff

Shannon Wardell
03.07.2019
 
Der letzte Feinschliff
Ich bin ungefähr 15 Stunden davon entfernt, die Skulptur vollkommen fertiggestellt zu haben. Ob dann auch die Skulptur selbst als vollkommen bezeichnet werden kann, ist eine vollkommen andere Frage – darüber sollten am besten andere urteilen. Aber sie wird so nahe an der Vollkommenheit sein, wie es mir möglich ist, etwas Vollkommenes zu schaffen. Ich habe sie aus einem einzigen Block Kirschbaumholz mit einem Durchmesser von ca. 45 cm gefertigt. Aus diesem erheben sich nun ein weiblicher Hals und Kopf. Die Oberfläche der Figur – ich bin fast geneigt zu sagen, „ihre Gesichtshaut“ – hat eine intensive Behandlung hinter sich. Zuerst habe ich Schleifpapier mit 60er-Körnung verwendet, dann 80er- und 100er-Papier; jetzt bin ich bei Körnung 120 angelangt – und erlebe einen Pygmalionmoment.
Manche Skulpturen wirken am besten, wenn ihre Oberfläche rau und grob ist. Dieser Block Kirschbaumholz schreit jedoch förmlich nach einem feinkörnigen Schliff, der die herrliche rötlich-braune Maserung in ihrer vollen Pracht zur Geltung bringt. Nun, da alle Schnittspuren verschwunden sind, kommt eine gleichmäßige, makellose Glätte zum Vorschein, die dazu einlädt, immer und immer wieder die Finger über sie streichen zu lassen. Die winzigen Kratzspuren des Schleifpapiers sind viel zu klein, als dass ich sie mit meinen Augen wahrnehmen könnte und dennoch entgehen sie meinen Fingerkuppen nicht. Ich habe herausgefunden, dass es am besten funktioniert, festzustellen, ob ein bestimmtes Stück Schleifpapier abgenutzt ist, indem ich mit meinen Fingern sanft über die Oberfläche streiche, um zu testen, ob es irgendwelche Bereiche gibt, an denen noch gröbere Stellen von den vorher verwendeten Körnungen fühlbar sind. Sämtliche Stellen, die nicht sorgsam genug geglättet wurden, werden nach der Verwendung von noch feinerem Schleifpapier wie eklatante Unebenheiten wirken. Aus diesem Grund lasse ich meine Finger immer und immer wieder sorgsam über das gesamte Gesicht meiner Skulptur gleiten, damit mir auch wirklich keine Unebenenheit, die später zu einem wahrhaftigen Schönheitsfehler werden könnte, entgeht. Würde mir dabei jemand zusehen, entstünde wohl tatsächlich der Eindruck, ich gliche einem Liebhaber, der seine Geliebte liebkoste. Aber darum geht es in meinem Pygmalionmoment gar nicht.
Ich liebe es, mit Schleifpapier sanfte Kurven und Wellen ins Holz zu schmirgeln. Die komplexen und mühevollen Schritte des Beginnens, sich Überwindens, Planens, der Materialbeschaffung, des Kettensägens, Hobelns und Grobschleifens sind dann erledigt. Das Feinschleifen ist eine repetitive, niederenergetische, geistig entspannende und zutiefst meditative Tätigkeit. Während mein Geist mit meinem Werk und dem Arbeitsprozess verschmilzt, verrichtet mein Körper eine relativ leichte Arbeit, die ich ohne weiteres stundenlang ausüben könnte. Meine Gedanken können dabei in unbekannte Sphären abdriften, ohne dass irgendeine Gefahr bestünde, dass ich mich mit spitzem Werkzeug verletzen könnte. Von dort können sie herabblicken auf diese reiche und vollkommen verrückte menschliche Welt, in der Kurzzeit-Besessenheiten sich bis in alle Endlosigkeit aneinanderreihen, in der mythologische Wahrheiten, Katzenvideos und das Dilemma, die Einfachheit in der uns umgebenden Komplexität erkennen zu können, wesentliche Elemente sind.
Die Geschichte von Pygmalion gilt als sinnbildhaft, wenn nicht gar urbildlich. Ein Bildhauer (oder König, wie manche Versionen behaupten) findet seine zeitgenössische Gesellschaft enttäuschend oberflächlich, verschwenderisch materialistisch und auf geistlose Art langweilig. Er zieht sich in die anregende und schöpferische Welt seines Ateliers zurück, um sich ganz dem Entstehungsprozess einer Skulptur zu widmen, die seine Ideale von inspirierender und perfekter Weiblichkeit verkörpert. Ihre äußere Schönheit spiegelt die innere Perfektion jener Besonnenheit wider, die in besonderer Weise als die altertümliche Tugend schlechthin gilt, werden in ihr doch geistige Leistungsfähigkeit, Zurückhaltung, Mäßigung und Demut eins. Im Laufe des beschwerlichen Prozesses des Schaffens verliebt sich Pygmalion hoffnungslos in seine Statue und die Werte und Ideale, für die sie steht. Er beginnt, sie so zu behandeln, als ob sie seine Geliebte wäre. Er zieht ihr hübsche Kleider an, verhätschelt sie, in dem er ihr (ihm?) jeden imaginierten Wunsch von den Augen abliest und bittet Aphrodite sogar darum, dass er eine Frau finden würde, die seiner Statue haargenau gleicht. Welche Motivation auch immer sie gehabt haben möge, Aphrodite erfüllte Pygmalions Bitte: Seine Skulptur verwandelte sich in einen Menschen aus Fleisch und Blut.
Eine wörtliche Interpretation dieser Erzählung wäre wohl eine gute Slapstickkomödie (eine Beta-Version eines Roboters mit göttlicher Software?), die Idee einer solchen Schöpfung diente jedoch unzähligen Gemälden, Romanen, Theaterstücken, Opern, Fernsehshows, Filmen, Podcasts und vielleicht sogar dem gesamten Genre der Animation als Vorlage. Auf einer Metaebene der persönlichen Reflexion, jedoch, kann dieser Mythos jeden einzelnen Menschen erreichen, der je versucht hat, etwas zu kreieren, das in irgendeiner Weise ein Eigenleben entwickelt: Sei es ein Vogelhaus, ein köstliches Abendessen für Gäste oder ein Start-Up-Unternehmen. Unternehmer, Erfinder, Hersteller und Produzenten aller Art, Industrielle, Manager, Köche sowie zeichnende Kinder machen sich dieses uralte Thema öfter zunutze als andere – die grundlegende Erfahrung ist jedoch allen Menschen bekannt. Wir kennen alle das Gefühl, das uns packt, wenn wir in einer Tätigkeit so richtig aufgehen – sei es auch nur für eine kurze Zeit. Wir spüren es im Herzen, wenn eine wunderbare, vielleicht sogar nicht mit Worten beschreibbare Idee sichtbar, greifbar und lebendig wird.
Als ich mich mit dem Schleifpapier in meinen Fingern der linken Wange dieses Gesichts aus Kirschbaumholz nähere, kommt es mir vor, als würde das linke Augenlid ganz leicht zucken. Das ist mein Pygmalionmoment. Natürlich könnte ich mir selbst rasch klarmachen, dass ich mir das bloß eingebildet hatte – es handelt sich ja schließlich um ein Stück Holz – meine stratosphärischen Gedanken lassen diese Erklärung jedoch nicht zu. Ich schleife weiter und lasse mir dabei alle möglichen durchgeknallten Erklärungen für diese Wahrnehmung einfallen, komme jedoch auch auf die durchaus plausible Argumentation, dass das Zucken ganz einfach ein Anstoß meiner Phantasie war, mich genauer damit zu beschäftigen, wie aus einer Idee etwas Reales wird. Jeder Mensch mag in der Lage sein, aus einem Gedanken etwas Konkretes zu machen. Ohne das Interesse eines Publikums wird jedes Werk jedoch bald unbedeutend, vergessen, unbeachtet, verscherbelt, auseinandergenommen und als wiederverwertbares Material für etwas vollkommen anders verwendet werden.
Pygmalions Originalstatue ist in keinem Museum zu finden. Kein Kunsthistoriker vermag zu sagen, wie sie tatsächlich ausgesehen hat und was mit ihr passiert ist. Und dennoch nehmen ihr Sinnbild und ihre Geschichte einen fixen Platz im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt und der internationalen Kultur ein. Das wird ganz besonders dann sichtbar, wenn wir die Entwicklung von menschenähnlichen Robotern als die gegenwärtigen Auswüchse dieser uralten Idee ansehen.
Die Statue in Pygmalions Geschichte kann auch metaphorisch verstanden werden. Dann wird sie zum Symbol für etwas, das in der Umgebungswelt fehlt, ein Werk, das sehr hohen ästhetischen Kriterien gerecht wird, nach denen Kunstschaffende streben und dabei stets die Hoffnung haben, Gleichgesinnte zu treffen, denen eine Verkörperlichung dieser edlen Ideale ein ebenso großes Anliegen ist. Die Umsetzung einer solchen Vision ist ein sehr ambitioniertes Ziel. Ohne die göttliche Hilfe von jemandem so mächtigen, wie Aphrodite es ist, bleibt es nur ganz wenigen Menschen vorenthalten, an die Verwirklichung eines derartigen Traums glauben zu dürfen. Es sei denn, man findet tatsächlich eine ausreichende Zahl gleichgesinnter Menschen.
Wollte Pygmalion tatsächlich bloß eine Partnerin finden, die jenen Schönheitsidealen, die er an der Statue verwirklicht hatte, entsprach? Oder wollte er auch anderen, gleichgesinnten Menschen, die oftmals frustriert über die banausische zeitgenössische Gesellschaft waren, eine Vision aufzeigen, an der sie sich aufrichten konnten? War der Gedanke, eine inspirierende Idee greifbar zu machen, der eigentliche Gedanke, den Aphrodite Wirklichkeit werden ließ?
Ich schneide mir ein Stück Schleifpapier mit 440er-Körnung in die passende Größe und falte es einmal in der Mitte, um den Bereich oberhalb des rechten Auges besser erreichen zu können. Ein paar Stunden Arbeit noch, dann war mein Dienst getan. Abermals ist es, als wäre ein leichtes Lidzucken zu sehen. Innerlich bin ich ziemlich froh, dass meine Skulptur nicht zum Leben erwachen wird. Da sie nur aus einem Hals und einem Kopf auf einem Stumpf Kirschbaumholz besteht, könnte sie mich wohl niemals auf eine Wanderung durch die Lärchenwälder begleiten.

Übersetzung: Philipp Stummer
 
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