Der letzte Gang

Daniela Jarosz
10.02.2014
 
Der letzte Gang
Der Alte liegt im Bett. Faltige, gelbliche Haut hebt sich von schneeweißen Leinen ab und bietet trotz aller Einfachheit ein kontrastreiches Farbenspiel. Sein Atem ist flach, unterbrochen von Abschnitten, in denen er kurzzeitig aussetzt. Rund um ihn herrscht Stille. Eine Stille angenehmer Art, die nicht danach verlangt gefüllt zu werden, sondern in sich stimmig wirkt. Die Frühlingssonne erwärmt das Holz des Hauses und dieses gibt die Wärme nach innen ab. Es ist dasselbe Holz, dem die mittlerweile mit Altersflecken übersäten Hände vor nunmehr fünfzig Jahren in monatelanger Arbeit die heutige Form gegeben hatten. Ein Fenster steht offen. Der Wald, der das Haus umgibt, erfüllt den Raum mit dem Duft von Harz und feuchter Erde. Der Geruch ist dem alten Mann vertraut. Sein fabelhafter Geruchssinn straft sein Alter Lügen und schafft ein realitätsgetreues Bild, wie es seine Augen seit Jahren schon nicht mehr vermögen.
Der Alte ist erfüllt von grenzenloser Sehnsucht. Sehnsucht danach, das Geheimnis der Menschheit zu lüften, seinen letzten Gang anzutreten. Er spürt instinktiv, dass das Ende naht und verspürt dennoch keine Eile. Erstmalig in seinem Leben empfindet er, als hätte er alle Zeit der Welt. Vor vielen Jahren hat er gelesen, dass es bei Naturvölkern üblich ist, diesen letzten Abschnitt für sich alleine zu begehen und dass Greise oftmals von Wanderungen nicht mehr zurückkehren. Daran muss er nun denken. Schon damals hat diese Vorstellung etwas in ihm ausgelöst. Allein sein und dennoch nicht einsam. In vollkommenem Einklang mit sich selbst und seiner Umwelt. Das Ende nicht als etwas Unbekanntes fürchten zu müssen, sondern als logische Konsequenz eines erfüllten
Lebens begrüßen zu dürfen. Es war der Krieg, der ihm diese romantische Vorstellung des Todes verleidet hat. Und es war das Altern, das sein Weltbild gerade gerückt, seinen Blick auf den Lauf der Dinge wieder korrigiert hat.
Ächzend öffnet er die Augen. Diese unscheinbare Geste verlangt ihm körperliche Kraft ab, über die er kaum mehr verfügt. Der Graue Star hat seine Augen bereits so stark getrübt, dass er die Umgebung nur noch schemenhaft wahrnehmen kann. Das ist jedoch nicht mehr relevant. Trotz fehlender Sehkraft ist sein Gehirn im Stande Bilder heraufzubeschwören die sich zu farb- und facettenreichen Szenen zusammensetzen. Dies erweckt den Anschein als wäre er mittendrin und würde sie dennoch von außen betrachten.
Der Alte sieht sich als Kind. Mehrfach aufgenähter Hosensaum schlackert um knochige Knie. Arme und Beine sind erdverkrustet vom Abenteuerspiel im Wald. Es umgibt ihn eine Aura von Grenzenlosigkeit und Unbeschwertheit. Die Tage währen ewig, reihen sich aneinander wie goldener, zähflüssiger Honig. Und dennoch ist diese Sehnsucht in ihm deutlich zu spüren. Ein Streben danach, größer zu sein und stärker. Alles Kindliche zu verlieren und dazuzugehören zu den älteren Burschen. Jenen, die bereits dunkle Stimmen haben, lange Hosen tragen, rauchen und hinter Scheunen Mädchen küssen. Jenen, die furchtlos scheinen, vor nichts und niemandem Angst zeigen.
Das Streben danach, anders zu sein, weiter zu sein, gibt seiner Sehnsucht eine bittere Note.
Diese Unruhe beherrscht ihn noch lange. Er will vieles und alles auf einmal. Älter sein, wachsen, wahrgenommen werden und vor allem den ersten Superman Comic. Den ganz besonders. Stundenlanges Aushelfen im Dorfladen. Er fegt, schlichtet und wiegt ab. Dann wechselt der Comic seinen Besitzer. Der Stolz, mit eigener Hände Arbeit etwas erreicht zu haben, ist übermächtig, bremst die Sehnsucht ein. Kurzzeitig scheint er in seinem Streben angekommen zu sein, eine Lektion gelernt zu haben.
Dann kommt der Krieg. Sehnsucht nach Abenteuer, Streben nach Männlichkeit und Heldentum. Stolze Gesichter blicken aus Zugfenstern, winken den
Menschenmengen sorglos zu. Im Laufe der folgenden Jahre wird der Stolz aus den Gesichtern gewischt. Sehnsucht nach Abenteuer und Streben nach Heldentum weichen der Sehnsucht nach Heimat und dem Streben nach nacktem Überleben. Für Träume bleibt wenig Spielraum.
Der Alte betrachtet sich als Kriegsheimkehrer. Jung an Jahren und doch ist alle Unschuld dahin. Wenn auch körperlich unversehrt, innerlich wird er sich für lange Zeit verkümmert fühlen. Das Verarbeiten seiner Erfahrungen lässt wenig Raum für Wünsche und Vorstellungen der Zukunft.
Dann die Wende: Sehnsucht schlägt wieder durch, wird übermäßig stark, füllt die innere Leere neu. Eine Frau. Die große Liebe. Das große Glück. Streben danach, sesshaft zu werden, eine Familie zu gründen. Der Alte sieht sich nun vor dem Traualtar stehen. Betrachtet sich mit seinem neugeborenen Sohn im Arm. Er beobachtet sich selbst, wie er im Schweiße seines Angesichts das Holzhaus baut. Eingebettet im Wald in dem er schon als Kind gespielt hat. Flankiert von Bergen, die eine atemberaubende Aussicht bieten. Die Sehnsucht danach, höher, schneller und weiter zu sein, lässt langsam nach. Erstmalig fühlt er sich als wäre er angekommen in seinem Leben. Sein Sohn wächst inmitten unberührter Natur auf. Er selbst findet im Wald Ausgleich zum körperlich anstrengenden Broterwerb im Sägewerk. Jahre plätschern dahin wie der Bach unweit des Hauses. Der Alte sieht sich nun mit seiner Frau auf der Veranda des Hauses sitzen. Die wettergekerbte Haut ist längst nicht mehr die eines jungen Mannes. Der Sohn ist aus dem Haus und langsam drängt sich ihm wieder eine Sehnsucht auf. Unbestimmt zuerst, mehr eine innere Unruhe. Das Bewusstsein über die Vergänglichkeit aller Dinge setzt sich in ihm fest, nimmt ihn in Beschlag. Sein eigenes irdisches Gastspiel wird ihm deutlicher. Die nächsten Jahre sind geprägt vom Streben nach Jugend, dem Verneinen des eigenen Alters. Er sieht sich zu viel Alkohol trinken und ruhelos im Wald umherirren. Er betrachtet sich in den Armen anderer Frauen. Doch statt dem Gefühl von Jugend und Begehrtheit bleibt nur ein schaler Nachgeschmack und die Gewissheit, dass sich Zeit nicht aufhalten lässt. Er fügt sich seinem Schicksal und erkennt die Vorzüge des Alters. Er muss sich und seiner Umgebung nichts beweisen. Er lebt im Einklang mit der Natur und weiß was er seinem Körper zumuten kann und was nicht mehr. Eine friedvolle Zeit bricht an. Der Alte sieht sich mit seiner Enkeltochter im Arm am Kamin sitzen. Er beobachtet sich dabei, wie er ihr aus Robinson Crusoe vorliest und wie sie gemeinsam den Wald durchstreifen. Sehnsucht und Streben nach mehr bündeln sich in einer Gewissheit um das eigene Sein. Ruhelosigkeit wird zu Gelassenheit, Unwissenheit zu Weisheit.
Der Alte beobachtet sich nun dabei, wie er am Sterbebett seiner Frau sitzt. Er hält ihre Hand, gibt ihr in den letzten Stunden Kraft. Nur wenige Tage nach ihrer Beerdigung öffnet er morgens das Fenster und atmet bewusst ein.
Beinahe über Nacht ist es Frühling geworden. Der Alte inhaliert den Geruch von Harz und feuchter Erde. Es ist derselbe Geruch, den er schon als Kind eingeatmet hat. Dieser Gedanke wirkt beruhigend auf ihn.
Schwerfällig lässt er sich wieder ins Bett zurücksinken. Faltige, gelbliche Haut hebt sich von schneeweißen Leinen ab und bietet trotz aller Einfachheit ein kontrastreiches Farbenspiel. Sein Atem ist flach, unterbrochen von Abschnitten, in denen er kurzzeitig aussetzt. Rund um ihn herrscht Stille. Eine Stille angenehmer Art, die nicht danach verlangt gefüllt zu werden, sondern in sich stimmig wirkt.
 
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