Der Mann, der sein Haus mit einem Stück Papier verwechselte

Jeannine Meighörner
17.01.2014
 
Der Mann, der sein Haus mit einem Stück Papier verwechselte
Dies ist die Geschichte eines Mannes, der längst tot ist, aber noch immer unter den Lebenden weilt. Sie flattert als Anekdote von Mund zu Mund, meist hinter vorgehaltener Hand, denn ein Fremder würde sie kaum verstehen.
Im Tiroler Oberland, wo Flachländer sich im Himmel wähnen - auch Schweizer gerne in Scharen einfallen, da diese Höhengrate billiger als ihre Heidiberge sind, dort im Oberen Gericht wird die Geschichte von Isidor Pale erzählt.
Vielleicht hat diese Region ihren Namen erhalten, da sie Geschöpfe wie Isidor hervorbringt? Außenseiter, Quertreiber, Gottesaff, Dorfkasper, geistig Abnormer, Schwachsinniger, Künstler, Dadaist, Visionär: Jede Zeit hat eigene Namen für Isidor gehabt.
Isidor war ein Prüfstein für alle, die ihn kannten. Er könnte ein Prüfstein derer sein, die heute im Gebirge suchen, was sie daheim nicht finden, obwohl sie so vieles besitzen.
Isidor hat nichts besessen und er hat nichts gesucht. Gab man ihm ein frisches Hemd, da er sprichwörtlich zum Himmel stank, rieb er sich damit an einer Kuh, bis er wieder wie der arme Isidor roch.

Dabei war Isidor ein Hoffnungskind. Am 8. Juli 1887 wurde er in Fiss in eine bessere Familie hineingeboren. Die Pales, die waren wer! Keine verhärmten Steilwandbauern. Mitten im Dorf bewirtschafteten sie einen Hof, dessen Rundbogentor wie ein riesiges Maul die Familie, Vieh, ja ganze Fuhrwerke verschluckte.
Dieser Hof war ein eigenes Dörflein unter einem großen Dach. Die Realteilung im Oberland, die Besitz unter den Erben zu gleichen Teilen aufsplittert, hatte bewirkt, dass zwei Familien das „S´ Paules und S´ Seppls Haus“ bewohnten. Die Pales stand für S´ Paules und die Familie Pregenzer für S´ Seppls Anteil.
Zwei Familienclans mit gut zwanzig Personen trafen in dem dunklen und kühlen Refugium aufeinander. Nicht zu reden von über zwanzig Stück Tiroler Grauvieh, Schweinen, Haflingern, Ziegen, Hühnern und anderem Getier, die diesen Mikrokosmos nährten und notdürftig wärmten. Der Keller, alle Stuben und Viehställe säuberlich getrennt, wie auch zweierlei Scheunen und Heuböden, sonnenseitig gebaut.

Alles gab es im „S´ Paules und S´ Seppls Haus“ doppelt - bis auf das Scheißhäusle und die Küche. Selbst realgeteilte Höfe durften nur eine Feuerstelle samt Kamin besitzen.
Zu Isidors Kinderzeit teilte ein Kohlestrich auf dem gestampften Boden die Küche. Dieser Strich glich einer Wand aus Stein, so gab es auch in dieser Bauernküche alles doppelt. Kein Unbefugter wagte es, das Revier der anderen Hausfrau zu betreten.
Und doch köchelte hinter dieser unsichtbaren Wand nicht nur der Brei in zweierlei Muspfannen und brutzelten zweierlei Sonntagsbraten, es gärten auch Zwietracht und Futterneid.
„Die Pales haben fettes Gesottenes, wo wir vor Brennsuppe darben“, mögen jene gedacht haben, denen das Maul nach Fleisch wässrig war.
Der verhasste Strich wurde durch eine Lattenwand ersetzt. Nur ein Rauchloch schluckte fortan den Küchendunst der Pales, aber lieber im Rauch husten, als den „Jenseitigen“ weiterhin beim Fressen zuschauen zu müssen.

Isidor war noch ein Bub, als der Kohlestrich verschwand. Trotz all der hungrigen Mäuler waren er und sein Zwillingsbruder „willkommene Brut“. Sein Vater betrieb eine große Wagnerei im S´ Paules Keller des Hofes und Buben und Muskelkraft waren bei diesem Handwerk ein Segen.
Doch Isidor drohte ein „Verreckling“ zu werden, seit sein Zwilling im Winter beim Holzsammeln erfroren war. Seitdem wollte auch er nicht mehr wachsen. Und lernen wollte er nichts Rechtes, schon gar kein Handwerk, obwohl er in der Schule nicht dumm war.
Er verdingte sich als Nachtwächter und Totengräber. Letzteres gefiel ihm so gut, dass er in den frischen Gruben mit seinem Körper Maß nahm und oft so lange darin verblieb, bis er Friedhofsgeherinnen erschreckte. Bei Nacht huschte er mit Bettlaken zwischen den Gräbern herum.
Dann wurde Isidor zum „Knochenleser“. Stahl die Schädel derer, die zu Lebzeiten Charakterköpfe gewesen waren, ertastete ihre Geheimnisse mit den Fingerkuppen. War er zornig, brachte er den Schädel des einstigen Dorfgrantlers in seine bescheidene Kammer und schalt in aus.
Als er verliebt war und die Eli aus Serfaus ihn abwies, da er „deppert sei“, trug er den Schädel einer einstigen Dorfschönen in seinem Rucksack herum. Damit erschreckte er Schulkinder, die wiederum gerne zu Isidor gingen, da er schaurige Geschichten kannte und alles wusste im Dorf.

So hatte er in Heften notiert, wer in der Christmette mit neuen Schuhen saß, denn neues Schuhwerk brachte der Nikolaus. Als man Isidor neue Schuhe schenkte, zog er sie nicht an. Er weigerte sich auch, im „S´ Paules und S´ Seppls Haus“ in der Stube zu essen. Die Küche sei gut für einen wie ihn, meinte er und schaufelte auch freiwillig die stinkende Sickergrube des Plumpsklos frei. „Scheißdreck hält dieses Haus zusammen“, schrieb er in ein Heft.

Im ersten großen Krieg des 20. Jahrhunderts wurde Isidor Soldat, kehrte dann aber bald wegen „attestierter Schwachsinnigkeit“ heim. Im zweiten großen Krieg erging es ihm zunächst genauso, wobei nur die Reputation seiner Familie ihn davor bewahrte, abgeholt zu werden in ein „Irrenhaus“. „Dorthin, wo sie aus Sonderlingen Papier machen“, hatte er dazu gesagt.

Fortan schrieb Isidor nicht mehr auf Papier: „Es lügt und ist aus den Lumpen der Toten gekocht“. Doch schreiben musste er. So beschrieb er zunächst die Holzwände und Möbel seiner Kammer, beschrieb sogar das Kruzifix. Danach beschrieb er fast alle Besitztümer der Pales im Haus.
„Nichts Versprechen, wäre eine Tugend, aber Versprechen und Halten - das ist eines zuviel“, notierte er mit Bleistift in den Herrgottswinkel der guten Stube. Mit einer Schrift so klein und fein, dass er eine Briefmarke hätte beschriften können.
Isidor weitete seine „Bleistift-Attentate“ aus. Beschrieb alles, was er sah und wegtragen konnte. Fensterläden, Balken oder auch die barocke Schranktür der Sakristei in der Kirche von Fiss, die er in seine Kammer mitnahm, als sei sie ein Notizzettel.
Nachdem der Pfarrer ihn ausgescholten hatte, wurde die gekalkte Fassade vom „S´ Paules und S´ Seppls Haus“ zu Isidors Papier. Bald kletterte er auf dem Brennholz bis in den zweiten Stock hinauf, um noch unberührte Flächen zu finden für seine Schreibwut. Isidors gespitzte „Bleistiftarmee“ ritzte Gedichte und Denkwürdiges in den schneeweißen Kalk wie:
„Ich hab keinen Plunder, ich hab keine Maschin, ich hab nicht mal mehr ein Sonntagsgewand. Ich bin ein freier Mann“. Kein moderner Sinnsucher erklimmt derart wackelige Höhen. So kennen nur Eingeschworene Isidors Vermächtnis und der Wind, der im Oberen Gericht tüchtig um die Häuser streift.

 
Twitter Facebook Drucken  Mountain Story weiterempfehlen