Der Salzstreuer

Kathrin Blum
05.11.2009
 
Mal mehr, mal weniger aggressiv prasseln die Regentropfen gegen die Fensterscheiben.

Die antiquarische Tür knarzt jedes Mal, wenn sie geöffnet wird, und wenn man ganz genau hinhört, kann man das sanfte, metallische Klicken hören, das entsteht, sobald die Tür wieder ins Schloss fällt.

Je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher wird sie es hören. Sie sitzt an einem Tisch, hübsch zurechtgemacht und wartet. Auf dem Tisch: zwei Gedecke mit Gläsern (für Wein und für Wasser), eine flackernde Kerze und ein Salzstreuer. Auf wen sie wartet ist nicht bekannt. Noch lächelt sie – ein wenig. Der Mund ist blutrot, ihre Augen schwarz umrandet, allgemein wirkt sie aber recht blass. Allmählich steigt eine leichte Unruhe in ihr auf. Obwohl sie es sich nicht anmerken lassen möchte, kann man es leicht erkennen. An der Art, wie sie an ihrem Kleid herumzupft zum Beispiel, oder daran, wie hektisch ihre Pupillen mal nach rechts und dann wieder nach links blicken. Alles bloß, um nicht die Tür fixieren zu müssen. Schon bald wird es ihr zu anstrengend und es scheint ihr völlig egal zu sein, dass sie von da an nur mehr auf die Tür starrt. Sie sieht die Leute ein- und ausgehen. Die meisten aber kommen, in Regenmäntel gehüllt, mit triefenden Haaren oder ihre Schirme abspannend, nicht allein. Nie kommt jemand allein, größtenteils sind es zwei oder vier. Immer steigt die Nervosität von neuem, es könnte ja die Person sein, auf die sie so wartet. Sie kann es nicht sofort erkennen, da sie weiter hinten sitzt. Doch gleich darauf die Enttäuschung – wieder nichts.

Der Kellner schaut grimmig drein, obwohl der Tisch nun nicht gerade einer der besten ist, aber trotzdem! Nun lächelt sie nicht mehr. Um die Wartezeit erträglich zu machen, beschließt sie eine Zigarette anzuzünden. Ihr kommt es selber reichlich spät vor und sie hat nicht vor, jemals mit dem Rauchen aufzuhören. Wozu auch? Immer ärgerlicher zieht sie nun an ihrer Zigarette. Ein Serviermädchen stellt ihr den Aschenbecher auf den Tisch. Lange dauert’s nicht und das floreale Muster am Boden des Aschenbechers ist vor lauter Asche und Zigarettenstummel nicht mehr auszumachen. Sie kommt sich so lächerlich vor.

Was hatte sie getan, oder war gar etwas passiert? Allmählich machen sich peinigende Gefühle in ihr breit und sie wünscht sich nur mehr, wie aus Zauberhand zu verpuffen. Es wäre ganz einfach, aufzustehen und das Lokal zu verlassen. Doch es geht nicht, es scheint, als würden sie ihr eigenes Schamgefühl, gepaart mit dem letzten Funken Hoffnung, an den Stuhl binden, und sich davon zu erheben käme einem titanischen Kraftakt gleich. Sie bleibt also sitzen, kämpft beinahe schon mit Tränen.

Schon immer hatte sie es gehasst, gedemütigt zu werden. Gut, wem außer Perversen geht das nicht so? Nur ist sie halt ganz besonders empfindlich, das muss man schon sagen.

Hätte sie ein Telefon, könnte sie anrufen, aber das würde sie niemals tun. Anrufen kommt nicht in die Tüte. Und so sitzt sie nun da – angepisst, das Klicken, das entsteht, wenn die Tür ins Schloss fällt, hält sie nicht mehr aus. Auf einmal stellt sie fest, dass um sie herum ein Tisch nach dem anderen frei wird. Der Abend geht zur Neige und wird zur Nacht. Es ist schon spät, zu spät um auf die Uhr zu sehen auf jeden Fall. Nach und nach verschwinden die Gegenstände, die sich auf ihrem Tisch befinden. Zuerst werden die Gedecke abgeräumt, dann der Aschenbecher (die Zigaretten sind ohnehin alle!), auch das Weinglas, in dem sich der Weinstein abgesetzt hat und jetzt als rosenförmiger Fleck am Glasboden, weil mittlerweile eingetrocknet, klebt. Selbst die Kerze ist verloschen. Höflich wird sie aufgefordert zu gehen – Sperrstunde. Fast glücklich darüber, weil sie weiß, dass sie es aus eigener Kraft nicht geschafft hätte, steht sie auf, fasst all ihren Mut zusammen und schreitet erhobenen Hauptes aus dem Lokal. Vorher noch bezahlt sie und entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten, wirft dann ihren Mantel über, greift sich ihren Regenschirm und streift mit einem letzten Blick den Salzstreuer.
 
 
 
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