Der Schlüssel

Shannon Wardell
05.04.2016
 
Der Schlüssel
Schon im März hatten wir begonnen über den Sommer zu sinnieren. Nur wir drei dieses Mal. Mein Sohn und meine Tochter zeigten schnell ihre Vorliebe für etwas Entspanntes. Ich hatte in Wahrheit eher das Verlangen, etwas Ausgefallenes zu machen, etwa eine Graffiti-Spray-Tour durch verschiedene europäische Städte. Doch das wäre wohl etwas zu – wie sagt man – illegal.
Sie schauten sich über die Reste des Sonntagsfrühstücks hinweg an und brachen in Gelächter aus. „Wie wär’s, wenn wir einfach zur kroatischen Küste fahren und dort ein wenig chillen, einverstanden Paps?”
So packten wir rechtzeitig zu den Hundstagen des Lughnasadh die Campingausrüstung in den Kombi und nahmen Kurs auf die Gegend, für die wir uns entschieden hatten. Fünf Stunden später fanden wir die kleine, nur rund 300 Meter von der Küste entfernte Nebenstraße, die uns noch vom letzten Jahr in Erinnerung gewesen war. Rasch hatten wir ein idyllisches Plätzchen gefunden: 15 Meter vom Wasser entfernt, unter schützenden Olivenbäumen gelegen und mit einem natürlichen Schlafplatz ausgestattet, welchen frühere Besucher um eine niedrige Steinwand und dicke Bänke aus Holzscheiten erweitert hatten. Wir zerrten das notwendigste Gepäck dorthin, bevor wir uns auf den Steinen niederließen, um zu lesen und uns für eine angenehme Erfrischung im kühlen Nass aufheizen zu lassen. Als ich so mit meinen Kindern in der Sonne lag und das nahe Plätschern der Wellen zu mir drang, wurde mir klar, wie umwerfend schön es hier war – ja, ich würde das hier genauso genießen können wie jede Art von „abenteuerlichem“ Trip, den ich mir vorher ausgemalt hatte.
Eine Stunde später steckte ich meine Sonnenbrille in meinen Schuh und den Autoschlüssel an die Masche an der Innenseite meines Rucksacks und sprang ins Meer, um es meinen Kindern gleich zu tun, die sich bereits genussvoll Wasser und Wellen hingaben. Abgekühlt und bereit, mich von der Sonne wieder trocknen zu lassen, holte ich meine Sonnenbrille heraus und schaute nach dem Autoschlüssel. Zu meiner Überraschung war der Autoschlüssel nicht an der Innenmasche meines Rucksacks. Verdutzt begann ich, erst den ganzen Rucksack und dann den umliegenden Boden zu durchsuchen. Ihr, liebe Leser, werdet euch jetzt schon ausmalen können, wie meine Suche weiterging.
Nach einer halben Stunde kam meine Tochter zu mir und fragte mich neugierig, was ich denn machte. Lachend und ohne dass ich unser Schicksal dabei so wirklich wahrhaben wollte, erzählte ich es ihr. Gemeinsam durchforsteten wir die Umgebung aufs gründlichste. Nichts. Mittlerweile war es kurz nach sechs Uhr abends. Zeit, unsere Lage zu beurteilen. Wir waren irgendwo nördlich von Fazana in einer Gegend, die klar und deutlich mit einem Campingverbot belegt war. Zum Glück hatten wir etwas zu essen, fast drei Liter Trinkwasser, Schlafsäcke, den Gaskocher samt Topf, mein Handy, welches über fast vollen Akku und ausreichend Empfang verfügte, und meine Brieftasche. Bedauerlicherweise waren unsere Landkarten, Pässe, Extrawasser, Extranahrung und alles andere noch immer im Auto eingesperrt. Es war Zeit, an Hilfe von außen zu denken.
„Möglichkeiten?“, sagte die nette Dame in Wien. „Wir können ihr Auto abschleppen und zu einem Mechaniker in der Nähe bringen und dann einen Ersatzschlüssel anfordern, der – wenn alles gut geht – in fünf bis sechs Tagen geliefert werden kann.“ Meine Hoffnung vom Gelben Engel, der aus dem Nichts auftaucht, um uns zu retten, zerplatzte wie eine Seifenblase. „Aber haben Sie einen Ersatzschlüssel?“
Natürlich, Mike hat meinen Ersatzschlüssel! Wir haben ein informelles Car-Sharing-Abkommen: Ich zahle seine Strafen fürs Schnellfahren und er kauft die Vignette und bezahlt den Sprit. Es funktioniert irgendwie. Erst nach ein paar erfolglosen Anrufversuchen – als ob es galt, die Spannung weiter zu erhöhen – erreichte ich ihn schließlich. Nachdem ich ihm alles erzählt hatte, fiel ihm ein, dass ein Kollege von ihm am nächsten Tag mit seiner Familie nach Kroatien fahren wollte und vielleicht … Er würde mich zurückrufen.
Wir genossen einen herrlichen Sonnenuntergang. Es war wirklich traumhaft hier, die Wellen brachen sich sanft an den Felsen, als die Sonne langsam sank und bedächtig ins funkelnde Mittelmeer eintauchte. Es hätte perfekt sein können – wäre da nicht dieser nervige verschwundene Autoschlüssel gewesen. Mein Handy läutete: Ja, Mikes Freund Ingo würde morgen in meine Richtung fahren. Wenn ich um zwei Uhr nachmittags in Opatija sein könnte, könnte ich den Ersatzschlüssel von ihm bekommen – prima, nicht?
Ich bedankte mich bei Mike und fragte mich, wie ich es überhaupt nach Opatija schaffen sollte. Wir waren fernab von allem. Opatija war zwei Autostunden entfernt und ich hatte keinen blassen Schimmer, wie lange ich zu Fuß nach Fazana brauchen würde. Aber ich durfte mich nicht beklagen. Seine Arbeitszeiten ermöglichten es ihm nicht herzufahren. Es war klar, dass ich mich auf den Weg machen musste.
Die Nacht brachte weitere Spannung. Einmal patrouillierte ein Schiff mit Küstenwachnummer die Küste mit einem starken Suchscheinwerfer. Später schien im Norden eine Gruppe von Leuten mit einer hellen Taschenlampe etwas im Wald zu suchen. Sie kamen jedoch nicht weiter südlich in unsere Richtung.
Als die Morgendämmerung hereinbrach, kochte ich ein herzhaftes Haferbreifrühstück und wir gingen unsere Möglichkeiten durch. Vielleicht konnte Ingo uns den Schlüssel von Opatija zum Postamt in Fazana schicken. Das wollte ich herausfinden. Und sonst? Autostoppen?
Was ich mit Sicherheit wusste, war, dass ich mich zu Fuß der Küste entlang nach Fazana durchschlagen musste und meine Kinder inzwischen auf sich alleine gestellt sein würden. Mit 20 und 17 Jahren sollte das kein Problem sein, oder? Sie hatten Wasser, zu essen, Geld und im Notfall würden sie in etwa 20 Minuten Richtung Süden zu einem Restaurant kommen. Ihre Handys hatten keinen Empfang, also würden wir uns ganz einfach darauf verlassen müssen, dass ich bald wieder zurück sei.
Nach einem einstündigen Fußmarsch nach Fazana fand ich in einem Fremdenverkehrsbüro folgendes heraus: Es war ein staatlicher Feiertag, alle Postämter waren geschlossen, der öffentliche Verkehr eingeschränkt. Aber wenn ich mich beeilte, würde ich den lokalen Bus nach Pula noch erwischen und von dort dann möglicherweise einen weiteren Bus nach Opatija finden können. Um die Sache noch ein wenig spannender zu machen, waren die Bushaltestellen wie bei einer Schnitzeljagd verstreut.
Erst in den Bergen auf halbem Wege nach Opatija löste sich meine Verkrampfung. Der Albtraum des verlorenen Schlüssels verwandelte sich in ein ungeplantes Abenteuer, welches ich nun für mich zu entdecken begann. Ich fühlte, wie sich die Schwere der Ungewissheit von meiner Seele hob, obwohl das, was vor mir lag, nicht weniger ungewiss war als zuvor. Während ich durchs Fenster die vorbeiziehenden Berge beobachtete, den Namen Tito entdeckte, der sich in weißen Steinen wie Graffiti über eine der Spitzen zog, und dabei den unterschiedlichen Sprachen der anderen Fahrgäste lauschte, begriff ich, dass das Abenteuer, das ich gewollt hatte, mich umgab und ich bereits mitten drinnen war, wenn ich es nur zuließ und meiner Besessenheit mit meinem Ego und seinen vergleichsweise trivialen Sorgen und Problemchen entkommen konnte. Meine Seele wurde von einer bestimmten Art von Leichtigkeit und Ungezwungenheit erfüllt, die mich schließlich über meine eigene missliche Lage lachen ließ und die es mir ermöglichte, Interesse für die Welt um mich und die Leute in ihr, mit all ihren eigenen Herausforderungen, zu entwickeln. Und da begann alles, Freude zu machen.
Nach dem Stundenmarsch von Fazana zurück zu unserem Platz war ich in der Abenddämmerung, kurz nach Sonnenuntergang mit Essen und Wasser aus Pula zurück. Den Kindern ging es gut, sie hatten gegessen und waren entspannt, obwohl sie sich schon Gedanken gemacht hatten, was sie getan hätten, wenn ich nicht bald aufgetaucht wäre. Wir genossen das letzte Tageslicht und das Plätschern der nahen Wellen und ich erzählte von ein paar Begegnungen, die ich während und nach der Busfahrt nach Opatija gemacht hatte: All die schrulligen, außergewöhnlichen Leute, die ich getroffen hatte, unter ihnen der Weihnachtsmann im Park, die sitzende Taubenschar, die ihren Dreck über einer Parkbank fallenließ, die Gruppe von Beleuchtern und Schauspielerinnen, die am Meer eine Pause machte, und die Erkenntnis, dass ich einen kleinen und dennoch sehr wichtigen Schlüssel verloren hatte, dessen Wiedererlangung mich eine weitere Lektion darin gelehrt hat, wie man dem Leben mit Leichtigkeit begegnen kann.

Aus dem Englischen von Philipp Stummer
 
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