Der Schrankenwärter

Jörg Michael König
27.02.2019
 
Der Schrankenwärter
Um 5.58 Uhr streckt Hartmut Peter einen flachen schwarzen Kasten in Richtung
Garage. Sein Daumen rutscht in die Kuhle, die er selbst im Lauf der Jahre in die
Taste geschliffen hat, das Garagentor öffnet sich. Nässe klebt an den roten
Klinkersteinen. Hinter dem Zaun bellt der Dackel der Nachbarn. Als Hartmut Peter
auf seinem Fahrrad davonfährt, ist es exakt 6.00 Uhr.
Nach fünf Minuten kommt Hartmut Peter an die Stelle, an der die Schienen seinen
Weg zum ersten Mal kreuzen. Er biegt von der Straße in einen Feldweg, der an den
Gleisen entlangführt.
Nach exakt zwölf Minuten biegt Hartmut Peter nach rechts, fährt über die Gleise und
schwenkt gleich hinter ihnen nach links, um gemeinsam mit den Schienen die
kreuzende Landstraße zu überqueren. Nun befindet er sich auf dem Försterweg, der
für einige hundert Meter rechts der Gleise verläuft, sich dann nach links wendet, über
die Schienen hüpft, einen wundervoll geschwungenen Bogen nach rechts nimmt und
schließlich auf der linken Seite neben der Bahnstrecke verläuft. Alles
selbstverständlich aus der morgendlichen Fahrtrichtung von Hartmut Peter gesehen,
käme ihm jemand entgegen, würde der das Ganze anders betrachten. Doch es
kommt ihm niemand entgegen. Hier draußen wohnt kein Mensch.
Um 6.15 Uhr stellt Hartmut Peter, gestrecktes Gesicht, hohe Stirn, die kurzen Haare
auf dem Weg von Blond zu Grau, sein olivgrünes Herrenrad vor einem Häuschen ab.
In dem Häuschen, dessen Seiten vier Schritte lang sind und auf dessen Dach graue
Teerpappe schief lungert, befindet sich Hartmut Peters Arbeitsplatz. Denn hier, wo
der Försterweg einen eleganten Schwung über die Bahnstrecke macht, gibt es
Schranken wie die Stummel halbgerauchter Zigaretten, die die Radfahrer vor den
Zügen schützen, und ein Häuschen für den Schrankenwärter.
Wenn sich Hartmut Peter an den Schreibtisch setzt, ist es 6.30 Uhr. Er weiß es, ohne
auf die funkgesteuerte Digitaluhr zu sehen, denn es ist jeden Morgen 6.30 Uhr, wenn
er sich an den Schreibtisch setzt. Er braucht eine Viertelstunde, um einen Rundgang
zu machen und sich zu überzeugen, dass alles in Ordnung ist.
Zwei Minuten, nachdem er sich an den Schreibtisch gesetzt hat, dreht Hartmut Peter
zum ersten Mal an der Kurbel, mit der er die Schranken schließt. Neunzig Sekunden
später fährt der Regionalexpress durch, der um 6.40 Uhr am Hauptbahnhof
ankommen wird.
Es ist ein sehr einfaches Leben, das Hartmut Peter führt. Seine Arbeitsabläufe sind
eindeutig, die Tätigkeiten, die er auszuführen hat, präzise festgelegt. Hartmut Peter
mag das, er schätzt die überraschungslose Regelmäßigkeit, die sich auf den Pulten
vor ihm ausbreitet.
Gegen 11.00 Uhr hat die Sonne das Ringen mit dem Nebel für sich entschieden, es
ist ein wunderschöner warmer Spätsommertag, bald werden die ersten Radfahrer an
Hartmut Peters Häuschen vorbeifahren. Sie kommen den Försterweg entlang, den
Weg nehmend, den Hartmut Peter am Morgen gefahren ist, sie biegen nach links, an
Schranken und Häuschen vorbei über die Gleise hinweg, dann nehmen sie den
Schwung nach rechts und verschwinden zwischen den Büschen und Bäumen
auf dem Feldweg, der links der Schienen zu einem See führt.
Doch heute kommt auch ein junger, hochgewachsener Fußgänger, der eine
Aktentasche bei sich trägt. An seinem Revers steckt ein Pin mit dem Logo der
Bahngesellschaft. Er begrüßt Hartmut Peter mit der unverbindlichen Freundlichkeit,
mit der man Menschen begrüßt, über deren Schicksal entschieden ist. Hartmut Peter
bleibt vor den Pulten und Konsolen sitzen, er prüft gerade die Funktion einer Anzeige
und lässt sich von dem jungen Mann nicht stören. Er kennt ihn und weiß, was er von
ihm zu halten hat.
„Ich habe keine Ahnung, was wir mit Ihnen machen sollen, Herr Peter!“, seufzt der
junge Mann.
Hartmut Peter antwortet nicht.
„Herr Peter“, wiederholt der Mann und sagt, was er schon so oft gesagt hat, „Sie
arbeiten hier nicht. Die Schranken werden von einem Computer in unserer Zentrale
gesteuert“.
Der junge Mann sieht sich um in dem kleinen Raum. Er sieht das Fahrtenbuch und
die Tabellen mit den Schließzeiten, er blickt auf die Knöpfe und Anzeigen, die hier
nicht hingehören, er belächelt das Logo, das an Hartmut Peters Jacke steckt, es
stammt aus einer Zeit, als es keine privaten Bahngesellschaften gab, nur die
Bundesbahn. Er tritt an Hartmut Peter heran, steht nun neben ihm.
„Der 11.53 Uhr kommt gleich!“, brummt Hartmut Peter und tritt an die Handkurbel.
Natürlich weiß er, dass er nicht wirklich einem Dienst nachgeht. Teile der Konsolen
sind Überreste von Modelleisenbahnen, er hat sie auf Flohmärkten gekauft und im
Häuschen installiert. Gesteuert wird alles in irgendeinem Gebäude in der Stadt, wo
junge Männer herumlaufen und Abzeichen am Revers tragen. Hartmut Peter weiß,
dass sie das Recht haben, ihn fortzuschicken und dass es sein Glück und ihre
Gnade ist, dass sie ihm nicht die Schlüssel wegnehmen. Der junge Mann hat seine
Aktentasche noch nie geöffnet.
Die Schranken senken sich, die beiden Männer sehen ihnen zu. Der junge Mann
bewundert, wie exakt die zeitliche Koordination von Hartmut Peter ist. Wenn man es
nicht besser wüsste, müsste man denken, er würde die Schranken tatsächlich
ablassen. Der Zug rumpelt vorüber, es ist ein Güterzug, der auf dem Weg ist, Autos
vom Werk zu holen, leere Sperren scheppern an leeren Ladeflächen. Der junge
Mann wartet, bis das Grollen verklungen ist, dann verabschiedet er sich.
„Und vergessen Sie nicht, im Zuge der Gleisarbeiten müssen wir das Häuschen
abreißen lassen.“
Hartmut Peter stößt sich mit den Füßen ab und rollt mit dem Stuhl im Rückwärtsgang
zu einem Werkzeugschränkchen. Die Anzeige, die er vor dem Besuch des jungen
Mannes geprüft hat, funktioniert nicht richtig, er will den Kasten aufschrauben und
nachsehen.
Gegen Mittag setzt sich Hartmut Peter auf die Bank vor seinem Häuschen. Es ist
angenehm warm, die Zahl der Radfahrer, die vor seinen Augen den Schwung nach
links über die Gleise und dann gleich wieder nach rechts auf den Feldweg nehmen,
wird größer. Sie haben Badematten dabei, die aus Rucksäcken ragen, es riecht nach
Sonnencreme. Eine Frau steigt vom Rad und setzt sich zu ihm. Er kennt sie seit
Jahren, jeden Sommer schwimmt sie im See. Hartmut Peter bietet ihr eine Tasse
Kaffee an, sie holt zwei Stück Kuchen aus einer Tasche, die auf ihrem Handtuch
liegt. Sie hat den Kuchen extra gekauft, um ihn mit Hartmut Peter zu essen.
Hartmut Peter ist glücklich. Um 13.32 Uhr lässt er die Schranken herunter. Kurz
darauf fährt der IC vorbei, der um 13.40 Uhr in den Hauptbahnhof einfahren wird. Er
wird voller Menschen sein, die ihn nicht verstehen. Es ist ihm egal. Er wird lächeln
und ihnen winken. Und er wird glücklich sein.
 
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