Der Traumhändler

Lucia Munaro
05.04.2016
 
Der Traumhändler

Er saß an einer Straßenecke auf einem Strohstuhl, der an einer Hausmauer lehnte. An dieser Stelle breitete sich schon morgens ein zunächst kümmerlicher, irgendwie schüchterner Flecken Sonne auf dem Grau des Gehsteigs aus, der ihm dann wenig später die Beine wärmte. Man hätte kaum sagen können, wie alt dieser Mann war, der jeden Morgen wieder kam und sich dort hinsetzte. Trotz seines robusten Körperbaus schien er sehr beweglich zu sein. Sein Gesicht war von schwarz-glühenden Augen unter starken Augenbrauen gezeichnet, darunter von einer schmalen Nase und vollen, leicht rosigen Backen. Er hatte schmale und weiche, fast weibliche Lippen, die ihm beim Sprechen eine wohlwollende Miene verliehen.
Er sah aus wie ein guter Satyr. Aber nur wenige sahen ihn an und nahmen ihn wahr. Die Passanten hatten es immer eilig und hingen ihren Gedanken nach, gleich, welche Jahreszeit es war. Wer weiß, warum das immer so ist in den Städten. Die Leute bewegen sich scheinbar wie freie Elemente, die aber trotzdem einem amorphen und einheitlichen Ganzen angehören. Manchmal schreien sie auf, laufen und scheinen lebendig zu sein, eigentlich sehen sie aber eher aus wie Roboterpuppen, die sich unter der Last ihrer Gedanken krümmen. Scheinbar jeder für sich, in Wirklichkeit aber alle gleich in ihren Mühen.
Sie gingen an ihm vorbei ohne ihn wahrzunehmen. Nicht, dass er sich allzu sehr darum kümmerte oder es ihnen gar übel nahm, er sah sie an, auch sehr aufmerksam, aber stets mit Distanz. Er war ja immerhin nur aus dem einen Grund dort. Er hätte ein beliebiger Verkäufer sein können wie die Bauern, die am Markttag aus den Tälern kamen und ein paar Körbe mit ihren Sachen anboten, z.B. Gewürze und Obst der Saison. Die Leute hielten dann auch an dem einen oder anderen dieser improvisierten Stände und kauften etwas. Und im Grunde ging es ihnen nur um den Duft des Waldes, um die Erinnerung an einen Geschmack aus alten Zeiten, um den anmaßenden Glauben, selbst ein Bewohner der Berge zu sein, wo die Wiesen wie Gärten sind und wo man eine Sprache spricht, die vielen in der Stadt immer noch weitgehend unverständlich ist.
So saß auch unser Mann auf einem Stuhl, vor den er einen Korb gestellt hatte. Es war aber kein richtiger Korb, und was er verkaufte, das konnte man weder anfassen noch sehen. Seine Ware war leicht, noch leichter als der Stoff, aus dem die ewig wandelnden Wolken am Himmel sind. Aber sagt ihr es mir doch, was wiegen Träume? Dieser Mann, der dort an der Straßenecke saß, war nämlich ein Traumhändler.
Er wartete geduldig bis die Sonne kam, um ihm die Beine zu streicheln, bis einer der Passanten ein wenig seinen Schritt verlangsamte und ihn ganz beiläufig eines Blickes würdigte. Manchmal geschah das auch und unter diesen Leuten gab es dann immer jemanden, dem er am Ende einen seiner, im Korb zu seinen Füßen sauber und eng aneinandergereihten, Träume verkaufte. Er musste vorsichtig mit seinen Träumen umgehen, damit sie nicht davonflogen, bevor er jemanden gefunden hatte, dem er sie verkaufen konnte.
Träume zu verkaufen ist kein leichter Beruf, das sei hier klargestellt. Die Träume könnten etwa, zumal sie ja aus Nichts bestehen, einfach wegfliegen oder sich ohne weiteres auflösen. Es geschah etwa, dass sie sich verhedderten, wie es manchmal mit Knäuel aus verschiedenem Garn passiert, die ungeordnet in eine Schachtel gegeben und dort eine Zeit lang liegen gelassen worden waren. So vermischte sich der eine Traum mit dem daneben und es entstand daraus eine Geschichte ohne Hand und Fuß, die sich nicht verkaufen ließ. So geht das nämlich, Träume muss man erst sorgfältig verstauen und dann kombinieren können. Kurz, es geht darum, den richtigen Traum für den einen Menschen zu finden, und umgekehrt.
Man möchte meinen, dass die Stadtmenschen inzwischen weder Zeit noch Lust zum Träumen haben. Es stand dem Traumverkäufer also zu, wenn einer der Passanten zufällig vor dem Korb stehen blieb, den richtigen Traum für den jeweiligen Käufer zu finden. Das erforderte zweifelsohne viel Geschick und viel Geistesgegenwart, mehr noch als für ein normales Gespräch nötig ist, in dem man ja blitzschnell die Worte fallen lassen, geschickt die unerwarteten Antworten des Gesprächspartners parieren und schließlich haargenaue Degenhiebe versetzen können muss, um Punkte zu machen und, manchmal, um ins Rampenlicht zu kommen. Hier aber gab es ja keinen anregenden Gesprächspartner und er konnte allein seinem eigenen Talent vertrauen, um die Apathie der Passanten zu überwinden, sie für einen Augenblick von dem unglücklichen Zauber zu befreien, der sie umgab und der ihnen sogar die Fähigkeit zu träumen geraubt hatte. Er musste schnell handeln, um die Person, die gerade anhielt, mit Blick und Stimme für sich zu gewinnen, sie gerade so lang aufzuhalten, um verstehen zu können, welch tollen Traum sie verloren hatte, um wer weiß was nachzugehen.
Er war davon überzeugt, dass die Sachen, die er dort in seinem Korb zusammengetragen hatte, nichts anderes waren, als die verlorenen Träume jener unglücklichen Passanten, die er jeden Morgen beobachtete. So hielt er etwa ein Detail in einem Gesicht fest, eine Körperhaltung, ein noch so kleines Wort, das von seinem Gegenüber kam, um dessen Traum zu finden. Er kramte ihn darauf aus dem Korb heraus und verkaufte ihn zu einem lächerlichen Preis: Seine Belohnung war, vielmehr als das verdiente Geld, zu sehen, dass die Passanten am folgenden Tag wieder vorbeikamen, auf dem ewig gleichen Weg, doch diesmal mit einem ausdrucksvolleren Gesicht, mit der Spur einer Leidenschaft, die es aufhellte.
Einem Mädchen, dessen blondes Haar von einer Spange in Strähnen zusammengehalten war, das ermattet wirkte, bevor es überhaupt angefangen hatte zu leben, hatte er, wie er sich erinnerte, einmal den Traum eines Pferdes verkauft. Damals hatte er nicht länger darüber nachgedacht, er holte ihn einfach aus dem Korb heraus und gab ihn ihr, weil er wusste, dass es ihr Traum war. Er sah sie nie wieder, doch er war sich sicher, auch wenn inzwischen viel Zeit vergangen war. Ein anderes Mal verkaufte er einer alten Dame, deren Gesicht finster und deren Gang schwer von Reue war, den Traum des Meeres, und als sie wieder dort vorbeikam, sah er, dass sie sich bewegte, als folgte sie dem Rhythmus der Wellen wie sie sich ewig jagen, und dass sie den Kopf hob, als röche sie bei jedem Schritt den Duft des Meeres. Einem Mann, dessen Blick zugleich nervös und verdutzt wirkte, verkaufte er nichts weniger als den Traum eines Kindes. Da der Mann gleich mehrmals wieder bei ihm vorbei kam, hatte er Gelegenheit festzustellen, wie er nach und nach wieder auflebte, als wäre er von seiner Apathie genesen.
Wer weiß, ob es unter den Träumen, die übrig geblieben waren, auch einen für ihn gab. Kein Mensch fragte sich, was der Traumhändler nach der Arbeit machte. Oder wo er die kostbaren Träume einsammelte, die er tagsüber so billig verkaufte. Ich selbst könnte es nicht sagen, doch ich weiß mit Sicherheit, dass dieser Mann eine Anzahl von Büchern, Liedern und Geschichten kannte, und Gedichte, die er auswendig wusste. Das ist unser einziges Indiz.

Aus dem Italienischen von Lorenzo Bonosi
 
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