Der Tunnel

Nora Spiegel
17.01.2014
 
Der Tunnel
Als sie den Mann endlich fanden, war er bereits tot. Sie hatten es vermieden, mit ihren Schaufeln direkt nach unten zu graben, um den Verschütteten nicht zu verletzen. Der Kopf des Leichnams war schräg nach oben gedreht, so als ob er sie erwartet hätte. Doch das, worüber die Männer schwiegen, als sie später ins Tal zurückkehrten, war das Lächeln, das auf dem Gesicht des Toten festgefroren schien.

Die plötzliche Stille hatte die Wirkung eines Betäubungsmittels. Das einzige wahrnehmbare Geräusch war der leise Pfeifton, der in seinem Gehörgang widerhallte. Er hatte schon seit langem die Orientierung verloren und hatte nicht die geringste Ahnung, wo genau er sich befand. Oben, unten, links, rechts – im lichtleeren, kalten Raum, der ihn wie ein schweres nasses Tuch umhüllte, hatten all diese Begriffe an Bedeutung verloren. Die absolute Geräuschlosigkeit der Schwärze, die ihn umgab, stand im scharfen Kontrast zum weißen Chaos, das ihn wenige Sekunden zuvor in die Tiefe gerissen hatte. Er fühlte sich wie ein Astronaut, der orientierungslos im All schwebte. Sein gesamtes Universum erstreckte sich bis zu seinen ausgestreckten Armen, mit denen er sich instinktiv das Gesicht bedeckt hatte. Der mit Sauerstoff gefüllte Hohlraum, den er so geschaffen hatte, glich einer Taucherglocke. Er wusste bereits, dass er diesen Schatz an Atemluft in fünfzehn zusätzliche Lebensminuten investieren würde. Mehr, wenn er ruhig blieb. Weniger, wenn er in Panik verfiel.
Einatmen. Der Bass schmerzte in seinen Ohren und er konnte spüren, wie sein ganzer Körper im Takt der Elektromusik vibrierte. Er hatte Tim aus den Augen verloren und stand jetzt allein inmitten der ekstatischen Menge, einen Plastikbecher mit Bier in jeder Hand. Die gigantische Bühne wurde von zwei Bildschirmen flankiert, auf denen er sehen konnte, wie die drei tätowierten Bandmitglieder ihre Instrumente misshandelten. Er sah das Mädchen erst, als sie ihm ohne Vorwarnung von oben auf den Kopf fiel. Offensichtlich hatte ihr kurzes Crowd-Surfing-Abenteuer genau über ihm sein Ende gefunden. Als er sie mit beiden Händen auf die Beine zog, ließ er sich von ihrem verlegenen Lachen anstecken. „Sorry, das wollt‘ ich nicht! Ich bin übrigens die Anna.“
Ausatmen. Er öffnete die Augen und sah Anna, die sich über ihn gebeugt hatte. Aus ihren langen braunen Haaren, die das Salzwasser zu feinen Strähnen verklebt hatte, fielen einzelne Wassertropfen in seine Augen. Er blinzelte und spürte, wie sie sanft seine Oberlippe küsste. Meer und Sonnenmilch vermischten sich mit dem Geschmack nach den süßen Gummischlangen, die sie am Strand gegessen hatten. Er wollte sich aufrichten, um in ihr Gesicht zu blicken und stützte sich auf seine Ellbogen.
Einatmen. Es roch nach Krankheit und Desinfektionsmittel. Das Sofa des Wartezimmers war ungemütlich und mit einer Anzahl von dubiosen Flecken übersät. Er versuchte zum wiederholten Male eine der abgegriffenen Zeitschriften durchzublättern, doch ließ er sie fallen, als der nächste spitze Schrei die Stille zerriss. Die Hebamme hatte ihnen gesagt, dass es nicht einfach werden würde und er hatte sich von einer Zwillingsgeburt auch nichts anderes erwartet. Anna hatte nicht gewollt, dass er im Kreißsaal dabei war, und zuerst war er sogar ein bisschen erleichtert gewesen. Doch ihre gequälten Schreie, die bis ins Wartezimmer drangen, machten ihn hilflos und unruhig. Schon wollte er aufstehen, um jemandem mitzuteilen, dass er seine Meinung geändert habe, als eine lächelnde Krankenschwester den Raum betrat. „Herr Klausner? Glückwunsch, sie haben zwei gesunde Töchter!“
Ausatmen. Als er das Bewusstsein erlangte, hatte er einen metallischen Geschmack im Mund. Sein rechtes Auge war von einem kratzigen Stoffstreifen bedeckt und er hatte nicht die leiseste Ahnung, wo er sich befand. Er versuchte den Kopf nach rechts zu drehen, um sich ein Bild von seiner Umgebung zu machen, doch die Bewegung wurde von einem stechenden Schmerz in seinem Nacken und der Halskrause gestoppt, die sich um sein Genick wand. Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, dass sein linker Arm an eine Vielzahl von bunten Schläuchen angeschlossen war, die ihn an exotische Maden erinnerten, die sich in sein Fleisch zu bohren schienen. Er unterdrückte den Impuls, sich zu übergeben, und schloss die Augen. Was war passiert? Nur wenige Sekunden zuvor waren sie auf der A13, Richtung Brenner, durch die Dunkelheit gefahren. Die Mädchen waren bereits auf der Autobahnauffahrt in Innsbruck eingeschlafen. Anna hatte so erleichtert geseufzt, dass er schmunzeln musste. Er hatte ihr einen schnellen Kuss auf die Wange gedrückt. Als er den Blick wieder der Straße zuwandte, war das Letzte, an das er sich erinnern konnte, eine massive Wand mit zwei leuchtenden Punkten in der Mitte, die er jetzt als die Scheinwerfer eines LKWs erkannte. Trotz der Halskrause schaffte er es, einen Blick auf seine sterile Umgebung zu werfen. Er war allein.
Einatmen. Die blendende Weiße des Schnees schmerzte in seinen Augen. Er hatte nicht daran gedacht, seine Skibrille mitzunehmen. Aber es war egal. In letzter Zeit waren ihm viele Dinge egal. In der Früh hatte er sich seinen Skianzug angezogen und seine Tourenski ins Auto geladen. Seinen ABS-Rucksack, seinen Lawinenpiepser und die zusammensteckbare Schaufel hatte er in der Garage zurückgelassen. Der Aufstieg war schwierig gewesen, doch nach drei Stunden war er nun am Ende seiner Route angelangt. Der Himmel war strahlend blau, unbewölkt, und es war schwer zu glauben, dass nur wenige Tage zuvor ein Schneesturm genau dort gewütet hatte, wo er jetzt stand. Unter seinen Skispitzen breitete sich der steile, blendend weiße Abhang aus. Der Neuschnee hatte alle Spuren ausgelöscht und die Flanke des Berges sah so jungfräulich aus wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Das Einzige, was seine Perfektion störte, war ein langer, gezackter Riss, der sich über die gesamte Breite des Hangs erstreckte. Er blickte nachdenklich nach unten, atmete tief ein und schwang sich über die Kante. Wenige Sekunden später fand er sich in einer weißen Wolke wieder, die ihn unerbittlich nach unten riss.
Ausatmen. Er öffnete die Augen, nur um sich erneut in der Schwärze seines eisigen Gefängnisses wiederzufinden. Langsam machte sich der Sauerstoffmangel bemerkbar, ihm war schwindelig, aber er fühlte sich auch seltsam leicht. Auch ohne Armbanduhr wusste er, dass sich seine fünfzehn Minuten ihrem Ende zuneigten. Er hatte keine Angst, doch das erstaunte ihn nicht im Geringsten. Man sagt, wenn jemand stirbt, sieht er sein ganzes Leben wie einen Film an seinem inneren Auge vorbeiziehen. Aber das war gar nicht notwendig, ihm genügte ein einziges Bild, Nahaufnahme, in Farbe. Anna und die Mädchen. Langsam, Atemzug für Atemzug verlor die Aufnahme an Schärfe. Das Letzte, was er sah, war ein weißer Tunnel, der plötzlich die Schwärze durchbrach. Er wandte das Gesicht dem Ausgang aus seiner Hölle zu und lächelte.
 
Twitter Facebook Drucken