Der Weiße Hirsch

Autor Anonym
21.05.2008
 
Gleich hinter dem vigilius liegt ein verwunschenes Dorf. Eine Handvoll verlassener Häuser und Scheunen gruppieren sich um einen großen Platz, der höchst selten von einem einsamen Wanderer durchquert wird. Ein alter Klingelknopf neben der Tür des größten Hofes ist eines der letzten Zeugnisse ehemaliger Betriebsamkeit. Zögernd drückt mein Finger … Kein Laut, nur ein kleiner Windhauch streicht sanft über meinen verschwitzten Nacken.

Kaum merklich vernehme ich aus dem Inneren des Hauses das näher kommende Geräusch eines hellen Glöckchens. Die Tür öffnet sich und vor mir steht ein prächtiger weißer Hirsch. „Es freut mich sehr“, sagt er, „dass endlich jemand kommt, um mich aus meiner Einsamkeit zu befreien. Es ist schrecklich langweilig hier oben und ich bin sehr unternehmungslustig. Wollen wir ins Kino gehen?“ „Gibt es denn so etwas hier in der Nähe?“, frage ich wie völlig selbstverständlich, als spräche ich zu einem Freund. „Ja, gleich um die Ecke – komm mit, ich zeige dir etwas, es wird dir gefallen.“

Er schreitet voran, elegant und sicheren Schrittes. Wir passieren kleine Seen, gehen durch dichte, dunkle Wälder, vorbei an Auen, über bunte blumige Wiesen. Die Natur wird immer feenhafter, Farne so weit das Auge reicht – kleine, schmale Pfade führen uns durch Märchenwald und Zaubergarten. Kurz vor einem Abgrund bleibt er plötzlich stehen. „Hier schau, das Knottenkino, einzigartig auf dieser Welt ...“ Fünf Reihen Kinostühle unter freiem Himmel auf einem Felsen über einer gewaltigen Schlucht.

„Setz dich und genieße“, sagt er mit dem Ton eines Wissenden, der schon alles gesehen hat und die meisten Geheimnisse bereits kennt. Zuerst sehe ich gewaltige Bergmassive, höre gigantische Symphonien, Gesichter bekannter Schauspieler tauchen auf, alles bunt durcheinander gewürfelt wie in einem Trailer.

Plötzlich ändert sich die Musik, alles deutet auf den Beginn des Hauptfilmes hin. Doch was ist das? Mein eigenes Leben zieht in Bildern vorbei, eine Episode nach der anderen. Staunend und etwas ungläubig dieser ganzen Inszenierung gegenüber suche ich nach meinem Begleiter, um zu fragen, was das alles zu bedeuten hat, doch der weiße Hirsch ist verschwunden, ohne ein Wort, ohne eine Spur ... Ganz allein, nur mit mir und den Bildern meines Lebens sitze ich da, in einem verwunschenen Kino, gleich hinter dem vigilius …
 
 
 
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