Die Auflösung

Maria Matheusch
05.04.2016
 
Die Auflösung
Seit fünf Minuten ließ er sein Gesicht so tief in den dampfenden Teller hinein hängen, dass es für die Gaffer im Supermarktrestaurant den Anschein hatte, er wolle die Suppe inhalieren, statt sie zu auszulöffeln. Ein glasig schimmernder Tropfen hatte sich während dieser Minuten an seiner Nasenspitze gesammelt und dehnte sich jetzt träge zur Hühnerbrühe hinab.
Er beachtete es nicht. Seine Frau beachtete es nicht.
Die Frau hatte den Mann im Krankenkassenrollstuhl an einen der quadratischen Tische geschoben, links und rechts die Bremshebel einrasten lassen und, weil sie von all diesen Handgriffen, unzählige Male ausgeführt, todmüde geworden war, den Abstand zur Tischkante zu eng gesetzt, sodass der Bauch des Mannes, fest gegen die Platte gepresst, zu einem unbehaglich sichtbaren Drüberhalb und einem wohl ebenso unbehaglich verdeckten Drunterhalb gedrückt wurde.
Seine Frau beachtete es nicht. Er beachtete es nicht. Niemand beachtete es.
Der Mann bestarrte die gedunsene Hand, welche ihm die Frau parallel zum Tellerrand hin eingerichtet hatte. Dieser grauhaarige, sehr sorgfältig gekleidete Herr, zu dem die Hand gehörte, war einmal, er wusste nicht mehr, wann, Dirigent gewesen. In dieser Damalszeit waren seine Arme federleicht durch die Luft geflogen und hatten Takt und Notenschrift zu wunderschönen Melodien verwoben. Dann hatte über Nacht ein Hirnschlag die linke Körperhälfte weggerissen. Seit dem hauste er nur mehr in der rechten. Die andere trug zwar immer noch seinen Namen, aber sie hörte nicht mehr auf ihn und er schleppte sie wie einen lästigen Tierkadaver mit sich herum. Der Kopf des Dirigenten war immer noch über den Teller mit heißer Suppe gebeugt und jetzt fixierte sein Blick die golden glänzenden Fettaugen darin.

Auch seine Frau betrachtete die zahlreichen Fettaugen in ihrem Teller und erkannte in ihnen die Geschwisterbilder der geometrischen Kreise ihrer Schulzeit. Als Kind freute sie sich über die fein gezirkelten Kringel ihrer Hausübungen, die ihr immer so gut und ohne jedes Holpern gelangen. Die Auflösung der dazugehörigen Rechensätze war ihr nebensächlich, sie fabulierte lieber bunte Phantasiegeschichten zu den sich unterschiedlich überschneidenden Kreisgestalten und betrachtete diese als Freunde, die sich genau in dem Maße vertraut unterhakten, wie es ihnen ihre gemeinsame Schnittmenge vorgab. Wenn aber bei einer Aufgabe ein Kreis ohne jeden Berührungspunkt verblieb, dann wurde sie davon ganz nachdenklich und kontrollierte ungläubig dreimal nach und suchte nach ihrem Rechenfehler.
Es war der 8. November 2010 und die Frau noch nicht alt, wenngleich ihr Gesicht – heute aus lauter Eile in ungeschminkter Offenheit – dem Betrachter viele dünne Linien um Augen- und Mundpartie zeigte. Wie vollgekritzelte Zeilen eines fremdartigen Alphabets bekundeten diese Striche durchwachte Nächte und bedrückende Stunden. Zu allen übrigen Zeiten aber, an denen die Frau aus dem gemeinsamen Haus getreten war, hatte sie stets so geschickt die Spuren ihres Alltags übertüncht, dass ihre Mitmenschen die vom Rouge leuchtenden Wangen und den beschwingten Schritt für ihre wirkliche Wahrheit hielten und darum ihr Geschick ungetrübt und heiter nannten. In den ersten Jahren nach der jähen Erkrankung ihres Mannes gelang es der Frau auch wirklich ganz ohne Mühe, die eigene Kraft zu vervielfachen und mit ihrem liebenden Willen Schwäche und Gebrechlichkeit des Partners auszugleichen. Damals scherzte sie mit heller Stimme und ihre Worte über die guten gemeinsamen Zeiten nähten ihnen farbenfrohe Fallschirme, an denen beide sicher über den Hoffnungswiesen des Genesens dahin schwebten. Aber irgendwann hatte sich die Krankheit bei ihnen eingenistet und zerzauste Jahr um Jahr ihre Zuversicht. Wie ein ungebetener Gast gierte sie pausenlos nach beider Aufmerksamkeit.
Sie beide beachteten es anfangs nicht. Und die anderen Menschen? Nein, die auch nicht. Niemand beachtete es.
Die Frau hatte es in den vielen Jahren der nach außen hin gezeigten Mühelosigkeit so zur Meisterschaft der Verstellung gebracht, dass sie jetzt selbst in ihrem eigenen Urteil schwankte, ob ihr Los leicht oder schwer zu tragen sei. Und es beunruhigte sie immer stärker, dass ihr die eigene Antwort darauf nicht eindeutig ausfiel, sondern von Tag zu Tag ganz verschieden lautete. Konnte es im Weltenplan ein ungenannt mächtiges Gesetz geben, welches bewirkte, dass ein beharrlich in Leichtigkeit gelebtes Außenbild im Verlaufe der Zeit der inneren Last ihr Gewicht zu nehmen vermochte? Oder spielte sich die Frau selbst – so wie den Menschen um sie her – einen vollendeten Trug vor, aber irgendwann würde ihr jemand nicht zu Täuschender entgegentreten und die schützende Maskerade zerstören? Der etwas zu skeptische Blick des Tischnachbarn hatte sie kurz stutzig gemacht, und sie erschrak über die Brüchigkeit ihrer Stärke. „Ich sehe bestimmt einer Frau ähnlich, die der fremde Herr einmal gekannt hat.“ Mit diesem Gedanken zerschlug sie jäh ihre frisch geborene Unruhe. Sie wollte den Fremden nicht weiter beachten und erst recht nicht ihre Zweifel.

Die Frau saß über der Suppe und dachte eine kleine Ewigkeit zurück an die Kreisaufgaben ihrer Schulzeit und entschlüsselte in den verfließenden Fettaugen und deren Wechselspiel von Vereinigung und Trennung nur für sie allein bestimmte Botschaften. Sie fand darin die vergangenen Ereignisse aus Kindheit und Ehe und suchte nach den Omen ihrer Zukunft.
Viele Fettaugen schwammen einzeln nebeneinander und blieben sich für immer fremd. Andere überschnitten sich in einer winzig schmalen Mondsichel oder näherten sich nur an ihren Rändern. Sie mochte besonders diejenigen, die sich fast zur Gänze überdeckten und ineinander aufzugehen schienen. Die Frau stupste, gleichsam als lenkende Macht, mit ihrem Löffel nach den vereinzelt treibenden Fettaugen und zwang diese zusammen. Wie leicht es ihr doch gelang, Getrenntes zu vereinen.

Der kranke Mann hatte bedächtig seinen Kopf in Richtung der Frau gedreht, seine Augen verfolgten ihr unablässiges Ordnen. Dann fuhr er mit dem Löffel in seine Brühe und begann die großen Fettaugen in zwei exakt gleiche Hälften zu zerteilen.
Nun verfolgte die Frau sein Tun und als ob er ihren Blick gespürt hätte, hielt er inne und griff mit der gesunden rechten Hand nach der ihren. Er berührte sanft den goldenen Ehering an ihrem Finger und seine stille Geste deutete ihr, den Ring abzulegen. Und weil sie in all den Jahren gelernt hatten, auch ohne Worte miteinander zu sprechen, nahm sie den Ring und ließ ihn in seiner erkaltenden Suppe versinken und dann schickte sie den seinen hinterher.
Die am Tisch vorüber eilenden Menschen beachteten es nicht. Aber der Mann beachtete von Neuem seine Frau und die Frau wieder ihren Mann. Und es war ihnen beiden auf einmal so leicht ums Herz geworden.
 
Twitter Facebook Drucken  Mountain Story weiterempfehlen