Die dunkle Seite des Mondes

Peter Oberdörfer
01.12.2009
 
Josef Haselrieder war der dritte Sohn des Hinterzillhofs. Zu erben gab es für ihn nichts, aber er wollte hoch hinaus. Also verließ er mit zwanzig Jahren das Dorf. Dreizehn Jahre später kehrte er zurück, als reicher Mann. Jedenfalls fuhr er einen neuen, teuren Wagen und trug auffallend elegante Kleidung. Sieben Tage nach seiner Rückkehr war er tot. Ertrunken im Fluss. Der Leichnam wurde in die Gerichtsmedizin in der Provinzhauptstadt gebracht. Am nächsten Morgen war die Leiche verschwunden. Das ist jetzt einen Monat her.

Mich interessierte die Geschichte sofort, aber ich fuhr nicht gleich am Tag danach ins Dorf, wie die anderen Journalisten. Der Hinterzillhof wurde von Fernsehteams belagert, in die Gasthäuser fielen sie ein, kein Stammtisch blieb verschont, selbst den Schulkindern lauerte man auf, in diesem Ausnahmezustand arbeite ich nicht gern. Ich blieb in der Hauptstadt und verfolgte das Geschehen aus der Ferne. Die Ermittlungen der Polizei schienen sich in alle Richtungen zu bewegen, ohne auf eine zwingende Spur zu führen. Wo Haselrieder während der dreizehn Jahre fern der Heimat war, ließ sich nur lückenhaft rekonstruieren.

Zunächst war er in der Hauptstadt, dann verschwand er ins Ausland und seine Spur verliert sich. Er scheint seine Spur bewusst verwischt zu haben, was entschieden dafür spricht, dass er dunklen Geschäften nachgegangen ist. Falls Haselrieder wirklich reich geworden ist, stellt sich die Frage, wie. Und wo er das Geld versteckt hat, weder ein Bankkonto wurde gefunden, noch ein Schließfach, auch kein Haufen Bargeld, keine Aktien oder Wertpapiere, keine Hinweise auf Liegenschaften oder Wertsachen in seinem Besitz. Nach und nach zogen die Journalisten wieder ab, die Geschichte war nicht mehr neu genug. Ich kam danach. Auch ich bin Journalist, aber ein freier. Ich habe mit dem Chefredakteur des Magazins einen Vorschuss ausgehandelt, das erlaubt mir, einige Zeit im Ort zu bleiben. Man muss geduldig sein, warten können. Diese Geschichte ist gut, vielleicht wird daraus sogar ein Buch.

Ich liege im Bett. Tag ist. Irgendetwas hat mich geweckt. Nachts war ich in einer Hütte außerhalb des Dorfs. Wir haben getrunken, mein Schädel schmerzt. Ich liege im Bett in meinem Hotelzimmer, ich weiß nicht mehr, wie ich hierher gekommen bin, Filmriss, Blackout, das ist nicht gut, gar nicht gut. Seit zwölf Tagen bin ich im Dorf. Ich habe mich in die Gasthäuser gesetzt, wie beiläufig bin ich mit den Menschen ins Gespräch gekommen. Die Leute sind vorsichtig geworden, sie trauen Journalisten nicht mehr recht, aber ich lasse mir Zeit, bleibe dran, ohne dass ich aufdringlich wirke. Ich höre mir alles an, mache meine Notizen erst nachher aus dem Gedächtnis, manchmal lasse ich heimlich ein Diktiergerät mitlaufen. Mag sein, Haselrieder wurde von einem Killer der Unterwelt in den Fluss gestoßen, aber das glaube ich nicht. Mich interessiert Haselrieders Jugend. Ich habe den Eindruck, es gab mehr als einen Grund, vor dreizehn Jahren das Dorf zu verlassen. Josef Haselrieder war der Anführer einer Motorradgang. Ich habe ein Bild des Neunzehnjährigen gesehen, in schwarzer Lederjacke, mit Elvistolle, Zigarette im Mundwinkel. Er war ein gutaussehender Bursche, keine Frage. Ich sprach mehrmals, immer wieder sprach ich mit den damaligen Gangmitgliedern in den letzten Tagen. Karl Unterhauser, genannt Charlie, ist ein kräftiger Kerl mit Walrossschnauzbart, damals trug auch er eine Tolle, inzwischen ist er kahl. Johann Pertinger, genannt Johnny, war ein dünner Mann, inzwischen hat er einen Bierbauch, als wäre er schwanger. Kuno Passler ist ein kleiner Mann mit flinken Augen, sein Haar beginnt schon zu ergrauen. Auf alten Fotos sah ich die Gang zu fünft. Und ich sah sie mit Mädchen, alle gestylt wie in den fünfziger Jahren, die Burschen in Lederjacken, die Mädchen mit Pferdeschwanz und im Petticoat.

Wir haben gesoffen, ja, ich wollte sie herausfordern. Ich war mir sicher, dass ich endlich soweit war, letzte Nacht, dass ich vorstoßen würde zu ihnen. Die Mauer des Schweigens durchdringen, sozusagen. Laute Musik, Rauch, Schnaps. Mein Mund ist trockener als die Wüste Gobi. Das fünfte Gangmitglied hieß Stefan Wunderer. Steve Wunderer verunglückte tödlich mit seinem Motorrad, wenige Tage bevor Joe Haselrieder das Dorf verließ. Das kann auch ein Zufall sein. Aber ich hörte das Gerücht, Joe Haselrieder habe Steve Wunderer gefürchtet. Steve hätte ihm die Führerschaft in der Gang streitig gemacht. Er sei bei einem Rennen gegen Joe gestorben, und der Haselrieder habe Fahrerflucht begangen. Ach was, widersprach Charlie, als ich ihn damit konfrontierte. Auch Johnny und Kuno widersprachen, Steve und Joe seien die besten Freunde gewesen, Joe habe nichts mit Steves Tod zu tun gehabt. Ich habe auch einige der Mädchen kennengelernt, Monika Schneider zum Beispiel, Moni war damals Steves Freundin. Und ich habe Rita Grünfelder kennengelernt, sie war damals Joe Haselrieders Freundin. Und sie hat einen dreizehnjährigen Sohn. Ja, gab sie unumwunden zu, als ich sie fragte, Joe Haselrieder sei der Vater, er habe sie hochschwanger sitzenlassen. Und ich lernte Margareth Nemeth kennen, irgendwer munkelt, auch Maggie habe etwas mit dem Joe gehabt, aber sie bestreitet das vehement.

Ein Geräusch hat mich geweckt, jetzt erst wird mir das klar. Ich höre es deutlich. Das Rauschen von Wasser. Da duscht jemand. In meinem Bad. Gestern Nachmittag kamen sie hierher, alle drei, Charlie, Johnny und Kuno. Sie luden mich für den Abend in eine Hütte außerhalb des Dorfes ein. Kleines Fest, sagten sie. Fest? Gebe es denn etwas zu feiern, fragte ich. Das Leben, sagte Charlie, und alle drei grinsten. Ich wunderte mich, aber ich nahm die Einladung an. Ich hatte gar keine andere Wahl, wenn ich weiterkommen wollte. Falls ich ein bisschen was zum Trinken mitbringen würde, wäre man sehr verbunden, sagten sie, bevor sie gingen, gestern Nachmittag. Ich habe eine Kiste Bier, einen Karton Wein und einiges Hochprozentiges mitgebracht. Noch ein Kerl war dort, den ich nicht kannte. Und einige Frauen. Unter ihnen auch Rita und Moni. Acht oder neun Leute. Man hat angestoßen, sich zugeprostet: Auf die alten Zeiten! Auf Joe! Auf Steve! Ich hatte eigentlich nicht vor, mich zu betrinken, aber sie hätten es gemerkt, wenn ich mich gedrückt hätte. Ich habe dennoch aufzupassen versucht, ob mir irgendetwas Entscheidendes mitgeteilt wird, vielleicht nicht direkt, aber in Andeutungen, Charlie, Johnny und Kuno lieben Andeutungen. Musik, laute Musik, Elvis. Sie haben getanzt, Charlie und Moni, auch Johnny hat getanzt, Schnapsflasche in der Hand. Das Rauschen des Wassers in meinem Bad ist nicht mehr zu hören. Wir haben getanzt, auf einmal ist die Erinnerung sehr klar. Zu „Love me tender“. Eng umschlungen habe ich mit ihr getanzt. Ich höre die Tür zum Bad, Rita Grünfelder kommt, in meinem Bademantel, ein Tuch um den Kopf geschlungen, ins Zimmer.


 
 
 
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