Die Frau mit dem Koffer

Elisabetta Bortolotti
12.04.2015
 
Die Frau mit dem Koffer
DREI AKTE


Überbewerten

Freitagabend, es regnet bis in die Merrion Street.
Look right, look left. Ich schau nach rechts, folge den Anweisungen und schau nach links, kurz bevor ich meinen Fuß auf die Straße setze. Sie fahren in die entgegengesetzte Richtung.
Aus dem Banjo ertönt ein altes Volkslied. Schlechte Töne zerreißen die Luft, die voller Blicke und laut herausgeschriener Worte ist. Die Saiten sind hart, der Klang zerfällt schon in mir. Ich bewege mich in der Menge und zwischen den mit Alkohol gefüllten Bäuchen auf den Ausgang zu, es ist ein wirres Gefühl. Bei O’Donoghue’s ist es klaustrophobisch, die Luft ist dickflüssig und dicht wie das Bier, das durchgehend gezapft wird. Unverzichtbares Guinness.
Überbewertete Erinnerungen.
Es regnete bis Sonntagnacht, bis du zu mir auf die Straße kamst und meine Hand ergriffst. Du kanntest mich nicht. Eine unvermutete Geste, ein innerer Kurzschluss, der die herrschende Ordnung auf den Kopf stellte. In meinem Kopf herrschte ein sprachliches Durcheinander, das ich nicht deuten konnte.
Die Wahrheit war ein Fehler und ich war mit der einzigen Irin, die nur vorgab, eine Katholikin zu sein, aber keine war, deretwegen ich die Wahrheit inzwischen hasste.
Sich dagegen zu stemmen war unmöglich. Ich stürzte ab in eine tiefe Ekstase, in einen dumpfen Fall. Dort unten gab kein Geräusch, keinerlei Licht. Nur der Hauch eines leichten, unangenehmen Schimmelgeruchs. Von der Wand aus, an der sie hing, aus einer klareren Perspektive, beobachtete mich mahnend Judith, die stolz das abgetrennte Haupt des Holofernes in der Hand hielt.
Später im Laufe jener Nacht und über die nächsten Tage hindurch hätte ich den plumpen Klang des Banjos nicht mehr zu hören bekommen.


Überleben

Sie spuckten. Sie spuckten alle mit höchster Genauigkeit. Eine entschiedene Geste, ein blutiger Fleck auf dem Asphalt. Rachel war einen Tag lang von Dublin nach Doha geflogen, dann nach Indien. Sie war neben einem alten Mann aus Kaschmir eingeschlafen. Er hatte sie mit seinem ungeschickten, doch klaren Akzent gefragt, warum in der Bibel vom Koran nicht die Rede sei. Sie hatte geschlafen und hatte keine Antwort parat, als sie wach wurde.
Sie war in der dunkelsten Nacht angekommen. Warme Luft, es roch stark nach Luftverschmutzung.
„Auch hier gibt es Geisterfahrer.“ Die tausend Farben der Frauen mit ihren Saris hatten ihre ersten Tage lebendig gemacht, es war ein Ozean verschiedener Eindrücke.
Der Kaffe war scharf und würzig, wie die Luft.
Rachel hatte im Büro eine Ecke gefunden, wo sie schlafen konnte. Einfach, schlecht beleuchtet, ein Ventilator hing lustlos von der Decke, ein kleines, verstopftes Bad, in dem die Luft stickig war.
Streunende Hunde, die den ganzen Tag über schliefen, wie tot. Nachts, wenn sie in Rudeln wieder aufwachten, hörte man sie heulen, stundenlang, sie ließen sie nicht schlafen. Sie fand sie erschöpft auf dem Gehsteig wieder, als es schon dämmerte.
Vier Monate in der Menschenmenge in Mumbai, um ihren Kopf völlig zu leeren.
Die letzten Tage hatte sie kein Auge zumachen können. Die Nacht war eine Zeit, die nie verging. Nicht mal durch die Müdigkeit kam der Schlaf. Sie ballte die Fäuste unter dem Kopfkissen, stahl Bilder aus ihrem Gedächtnis.
Ihr Visum lief aus, noch zehn Tage.
Sie hatte überlebt.
Bruno. Rachel dachte, sie würde ihn wiedersehen.
Sie hatten sich im Leopold verabredet, ein Anhaltspunkt, ein Ort für Touristen. Sie kannten sich kaum und liefen sich schon hinterher.
„Bist du drinnen?” hatte er sie gefragt.
„Nein, ich bin draußen“, hatte Rachel geantwortet.
Bruno war groß und dünn. Freche Tätowierungen unmittelbar unterhalb der Ärmel des T-Shirts.
Bruno war schön. Ein wilder Lockenkopf.
Bruno und Rachel hatten ein paar Stunden lang pausenlos gesprochen, sie eher schüchtern. Vom Zauber Mumbais, den Problemen bei der Arbeit, der Familie, von Reisen und Leidenschaften. Wie schwer es war, zu bleiben, wie schwer, zurückzukehren.
Sie hatten sich zum Abschied hastig geküsst. In Indien würden sie sich nicht wiedersehen, trotz des Versprechens.
Rachel hatte das Zimmer 34 im Hotel Bentley's nicht abgesagt.
Nach jener Begegnung war sie vier Tage lang herumgewandert, hatte das alte schwarzgelbe Taxi genommen, um nur von der Wäscherei bis zum Regal Circle zu kommen und nach ihm Ausschau gehalten, der er weiß war, unter den Farben und Nuancen der Marine Drive zum Sonnenuntergang. Auf der ganzen Strandpromenade und am Strand, wo unzählige Mädchen und Jungs einander die Hand hielten.
Sie war zu sehr von Indien eingenommen, um sich davon abzuschotten.
Mumbai war eine unerwartete Liebe gewesen, nach der sie ihr Leben lang gesucht hatte, eine Liebe, die ihre Wunden geleckt hatte.
Sie hatte ihre wunden Füße auf die maroden Gehsteige geschleppt. Sie war gegen die nackten Füße jener gestoßen, die auf dem Boden schliefen. Sie war durch wirre Stadtteile gekommen, in denen alle möglichen Völkergruppen und Düfte aufeinander trafen und hatte plötzlich ihre Kamera weggelegt. Sie hatte sich zu den Leuten in der Menge am Victoria Terminal gesetzt, um auf einen Zug zu warten, der nie angekommen sollte. Sie hatte gelächelt und mit jedermann geplaudert, in einem Sturm von Empfindungen. Der allzu geläufige Anblick der Wäscherei von Dhobi Ghat war atemberaubend gewesen, auf der Bahnüberführung hätte sie am liebsten ihre Beklemmung herausgeschrien. Nicht einmal Shiva auf jenem friedvollen Bild hatte sie beruhigen können.

Der Geruch des Slums lag schon im Magen, bevor er an die Nase gelangte. Es hieß, man gewöhnte sich daran.
Sie erinnerte sich nicht mehr an den Klang seiner Stimme, nach all dem Schweigen.
Sein Flug war nicht angekündigt worden und es fehlte eine Viertelstunde bis zum Abflug.
Rachel dachte 'Es gibt eine Zeit, die sinnlos, unerwartet ist – das Warten.'
Warten, dass der Schlaf kommt.
Warten, dass Bruno anruft.
Warten, dass der Flug startet.
Zum Schluss war ihr jene auf der Abfahrtstafel nicht dargestellte Zeit unerträglich erschienen.
Und dieses Warten stellte ihre Gedanken auf null.
„Auch diesmal zurückkehren. Auf den Kopf gestellt.“
Ein Hauch Wind hatte ihre Gedanken verweht, sie war stehen geblieben, um sie lose aufzuheben.
Zu einer anderen Zeit hätte sie sie in Ordnung gebracht.
Das war das Leben, das sie gewollt hatte, ein Leben zwischen einem Flug und dem nächsten.
Bruno traf sie dann später, in Italien, unerwartet.


Einsetzen

Jeden Abend suchte ich neue Musik aus. Wir zerrten unsere verschwitzten Körper zum Tanz, im kleinen Zimmer, wir hatten einen Rausch erfunden.
Jeden Tag löste ich die Knoten des Schmerzes mit dir.
Abends ist Mailand schöner. Der Verkehr lässt nach, die Luft wird feiner, der Lärm bricht weg. Nur aus der Kunstakademie strömen die Menschen heraus. Aperitifs und Tarotkarten an den Tischen im Freien.
Ich habe Rachel gebeten, mir die Hausschlüssel wiederzugeben.
Wir haben Zerstreuung zwischen uns gelegt. Der Anfang vom Ende hat eingesetzt, wir haben es ausgefüllt, bis wir darin untergegangen sind.
Rachel ist mit einem zarten Lächeln weggegangen, mit dem Koffer ihrer Unwahrheiten und meinen Illusionen.
Rachel hatte mir gesagt, dass es die Zeit gar nicht gibt.


Aus dem Italienischen von Lorenzo Bonosi

 
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