Die Hella redet mit den Toten

Michael Wenzel
16.02.2017
 
Die Hella redet mit den Toten
Die Hella hat man im Dorf als besonders aufmüpfig und kratzbürstig angeschaut ‒ was ungefähr das Schlimmste ist, um einen Mann abzukriegen.
Denn wenn e Frauenzimmer scho alls besser weiß und ständig dreinred, was braucht die noch e Mannsbild? Eine Frage, die sich selbst Antwort ist und unter derlei Umständen ehelichem Beieinander wenig Glück verheißt.
Und so war das auch nichts mit den Männern und der Hella.

Als sie gut dreißig war, die Brust flach und hart wie eine Eichendiele, die Lippen dünn wie Draht, legte sie die Aussteuer ‒ fein gewirktes Bettzeug und Handtücher mit dem eingestickten Monogramm ‒ in die unterste Kommodenschublade, schloss die und einiges mehr ab und widmete sich fürderhin den Toten. Weil die waren beständiger.
Bei denen lag ihre Zukunft.
Hatte doch die Tante mütterlicherseits, die Hanna Kratzer, eine achtzigjährige Jungfer, ihr eine wunderbare und wundersame Erbschaft hinterlassen: das winklige Haus in der Goldgießergasse und die Gabe, mit den Verstorbenen reden zu dürfen.

Folgendes weiß man im Dorf: Es gebe überhaupt keine selig Heimgegangenen oder für immer Entschlafenen, denn die Toten geistern überall herum. In den guten Stuben, im Stall, auf dem Abtritt, im Dorfkrug. Da besonders. Sitzen oder stehen umeinander, drücken sich lautlos vorbei. Ein Gedränge, ohne nur einen Hauch zu erspüren. Zahllose Schatten jenseits der Zeit, fern von dem, was Blut und Wärme trägt und Atem schöpft.
Die Toten sind neben dir beim Nachtessen, stehen aufgereiht an der Kirchhofsmauer, im Hausflur, selbst beim Kinderzeugen hocken die auf der Bettkante ‒ und schauen. Lassen die Jahre und Jahre dahingehen und warten. Auf das jüngste Gericht und auf das Urteil vielleicht, wo ausgerufen wird, ob man frohlocken darf oder ewig greinen und hadern muss.
Bis dahin müssen sie die Zeit füllen, die eine einzige Leere ist.
Manche meinen auch, die armen Toten würden auf gar nichts warten. Aber die hat der Pfarrer Waibler von der Kanzel herab mit harschen Worten in den Höllenpfuhl geschleudert.
Solches und Ähnliches erzählt man im Dorf, und viele Geschichten machen die Runde, wo die Toten versuchen, den Lebenden nahe zu sein, um ihnen einiges ans Herz zu legen. Was sie berührt, was sie losbekommen müssen, weil es sie bitter beschwert. Nur können die Lebenden sie nicht verstehen, nie und nimmer, denn die beiden Welten sind niemals eins.
Allenfalls die Totenbeschwörerin kann über den Abgrund ein paar gestammelte Worte tragen, einiges Geflüster hinüberreichen.

Wenn nun einer mit den Toten reden wollte, ging er geradewegs zur Hella. Er ersuchte höflich um einen Termin, wie bei dem Herrn Doktor. Die Hella blätterte in dem dicken, schwarzen Buch, stellte dabei die eine oder andre Frage, murmelte dies und jenes.
Sie musste doch in ihrer Seele, wie sie sagte, die Lichtbrücke zu dem Hingeschiedenen finden. Man plauderte dabei einiges über den ehrsamen Toten, was die Hella mit spitzem Bleistift im dicken Buch vermerkte. Dann zog man davon mit Termin und viel guter Hoffnung.
Und ein Bild von dem Lieben solle man noch mitbringen, rief die Hella hinterher. Sollte es nicht vergessen.

Das Photo stellte die Hella später auf den Kirschholztisch in der guten Stube, zündete die schwarze Totenkerze an. Brannte die Flamme senkrecht und starr wie ein Bleistift, hieß das: der Tote irre noch im Dorf umher und müsse gerufen werden.
Ganz merkwürdig war es überhaupt in der Stube. Die schweren Vorhänge waren zugezogen, als wäre der Tag ausgesperrt, ein Geruch wie in der Kirche beim Hochamt schwebte daher, nur drückender auf der Brust. An den Wänden flatterten Schatten, sonderbare Klänge füllten den Raum.
Man hatte nun in die Himmelsrichtungen den Namen des Toten zu rufen, laut und deutlich; nichts als den Namen. Flackerte das gelbe Flämmchen, bedeutete das: er habe ihn gehört und käme hurtig. Glaubte man doch, die Verblichenen könnten pfeilschnell durch die Luft reisen.

Und bald knisterte und schwankte die Flamme: der Tote war eingetreten. Er schwebte heran, setzte sich auf den Totenstuhl, auf dem nie ein Lebender sitzen darf, sonst geht er sogleich in das graue Reich über. Ein wenig ächzte das Holz, die Finger der Hella vibrierten auf der Tischplatte, die Augäpfel kippten nach hinten, bis das Weiße sichtbar war.
Ja, ja, tönte es dumpf aus ihrem Munde, so dumpf wie die dicke Glocke vom Kirchturm.
Jetzt durfte man eine Frage stellen, eine einzige, wohlbedachte Frage, denn nur sie konnte über die schmale, mühsam gezimmerte Brücke gehen, um als Antwort zurückzuwehen. Und dann starrte die Hella in das winzige Licht, als sähe sie in unbekannte Tiefen, würde dahinter Lichter um Lichter erschauen.
Sie summte eine Melodie, in ganz schrägen Tönen, wiegte den Oberkörper vor und zurück. Selbst trug sie die Antwort über den schmalen Steg, der uns von denen trennt, die nicht lachen noch weinen. Sie zerrte zugleich an den pechschwarzen Kleidern, senkte die spitze Nase bis auf die Tischplatte, um sich zuletzt aufzubäumen, kalkweiß im Gesicht, geradeso wie das Nachtgespenst.

Die Lippen öffneten sich, ein dünner, goldener Strich im Kerzenschein, und die ersehnte Antwort ertönte:

Ja, mir geht’s gut. I wart auf dich, meine Liebste, mein Herz.
Mutter, sollst dich nicht grämen, is besser so, dass mi der Husten derpackt hat, hätt mich sonst auf ewig gequält.
Naa, naa, verkauf nit den Hof an den Trenkler, der haut di übers Ohr, der Saukerl, der dreckerte.
Ja, nur der Suff wars, der Suff hat mi vom Wagen abgeschmissen, und nun ist‘s vorbei mit Hupferei und Singerei.
Nein, hab di nie betrogen, schwörs auf mein Stein. Aber nehm nit den Burger, der will nur s Geld von dir, der Hundsfott.
Ah, Bertel, bitte, gib doch unsre Tochter dem Josef, is doch en herzensguter Kerl, der.


Solche und andere liebe Worte übergaben die Toten, nahmen den Lebenden Herzeleid und tiefsten Zweifel. Senkten Zuversicht in die atemlose Brust. Das war gewiss.
Gewiss war auch, dass der Besucher recht versteckt einen grünen Schein unters Licht schob. Wollte man vor dem lieben Toten doch nicht knausrig dastehen. Ein Lebewohl, ein Wiederschauen wurden in die Flamme geflüstert, die hernach wieder stand, wie ein Bleistift.
Die Welten waren auseinander geglitten. Die Hella erhob sich, schwarz und schauerlich wie eine Göttin der Unterwelt.
Der Besucher bekam Joppe und Hut, Mantel und Tuch, vielleicht ein klitzekleines Versprechen, wenn es ihm allzu heftig die Augen überschwemmte.
Ja, man könne wieder mit dem Toni, der Burga, dem Willi ... aber, die Toten bräuchten erst einmal ihre Ruh.
Und die Hella machte mit einem Seufzer die Türe auf und wieder zu.
Darüber hing, in schöner Schrift und in einem feinen Rahmen:
Magst jammern, magst beten, die Toten wern nit reden.
So richtig gelesen hat das kaum einer.
 
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