Die Identitätsfrage

Stephan Gräfe
16.02.2017
 
Die Identitätsfrage
Die Zeit versickerte in einem Irish Pub; es war noch eine gute Stunde bevor der Barkeeper Feierabend machen konnte. Unter der Woche, gerade an den Donnerstagen, lief der Betrieb schleppend. Und so lungerten auch in dieser Nacht lediglich zwei Stammkunden im rauchigen Dunst der hintersten Ecke, vertieft in ihr Kartenspiel. Über der hauptsächlich mit Whiskey bestückten Getränkeablage blickte ein taxidermierter Keilerkopf mit seinen starren, nichts fixierenden Augen, in den Raum. Trotz der herrschenden Sauberkeit hatten Gäste immer den Eindruck, auf Allem stände der Staub. Dieser Umstand ergab sich wohl aus dem gekonnten Zusammenspiel der klassischen Einrichtung, die sich seit 1970 jedweder optischen Weiterentwicklung konsequent verweigerte, als auch dem Besitzer, welcher sehr auf einen generellen Anstand beharrte, Unhöflichkeit war ihm zuwider.
Schließlich betrat doch noch ein weiterer Gast die Bar: Ein hagerer Mann mit einem Gesicht, scharfkantig wie ein Holzschnitt. Er setzte sich dem Barkeeper direkt gegenüber an den Tresen, wartete einen Moment und bestellte ein dunkles, englisches Bier. Die Stimme und sein weicher Blick standen dabei im Kontrast zu seinem verbitterten Äußeren. Eine Weile waren beide in Gedanken versunken. Hin und wieder strich sich der Barkeeper durch sein weißes, aber noch volles Haar; er ließ sich von der hintergründig laufenden Trompetenmusik tragen. Es klang nach Jazz, aber einer sehr ruhigen und gesetzten Art, wodurch sie nebenher laufen konnte, ohne dass sie sonderlich anstrengend oder penetrant gewesen wäre. Dann unterbrach der Mann mit dem harten Äußeren die einvernehmliche Stille. Er kniff die Augen ein wenig zusammen und deutete zur hinteren, linken Seite des Bartresens.

>>Ist das da eine Figur von Charlie Chaplin?<<

>>Ja.<<

>>Dann kennen Sie sicher die Doppelgänger-Geschichte, die, als er sich selbst zu einem Doppelgänger-Wettbewerb zu seiner eigenen Person anmeldete und nur Dritter wurde?<<

>>Klar,… die kenne ich<<, antwortete ihm der Barkeeper.

>>Schon verrückt, wie real die Identität werden kann, die einem Andere diktieren … so real, dass man in ihren Augen nicht einmal mehr der ist, der man ist.<<

Von da an unterhielten sie sich über die generelle Identitätsfrage, tatsächliche, gespielte Rollen und Max Frisch. Sie debattierten über den Verlust der Menschlichkeit, dass der aktuell herrschende Drang nach Individualisierung doch letztlich zur Entfremdung unserer eigenen Art führte. Wir wären mittlerweile alle soziale Einzelkämpfer. Der fremde Mann schien dabei genau der richtige Gesprächspartner zu sein. Denn wie sich in ihrer Unterhaltung herausstellte, war er Schauspieler. Sehr angeregt erzählte er von einem Casting, zu dem er am nächsten Tag geladen wäre. Ihm sei eine sehr vielversprechende Rolle angeboten worden, es wäre ein Krimi für das Fernsehen und er könnte darin einen Verbrecher spielen. Der Barkeeper war äußerst interessiert, lockerte dieses anregende Gespräch doch den bisher sehr tristen Tag erheblich auf. Bei einem zweiten Bier erklärte der Fremde, dass er aber so seine Probleme bei einer Schlüsselszene habe. Sein Gesicht verlor fast die gesamte ihm innewohnende Härte, während er das erzählte. Er sollte eine Tankstelle bei Nacht überfallen und dabei richtig aus der Haut fahren, aggressiv sein. Das läge dem hageren Mann nicht sonderlich, bisher hätte er immer ruhige Charaktere gespielt. Und eben diese Szene sei im Casting gefragt.
Einen Moment überlegte der Barkeeper und bot ihm schließlich an, das ganze Procedere hier zu üben, es sei schließlich sowieso fast kein Betrieb. Nach kurzer Unsicherheit willigte der Fremde ein. Der Barkeeper war nun Feuer und Flamme, er kramte angestrengt in einer Schublade und drückte dem Mann mit dem markanten Gesicht einen Flaschenöffner in die Hand, an dessen Ende ein Stück gebogenes Hirschgeweih verarbeitet war.

>>Hier, das benutzen sie als Waffe! Sie haben doch da eine …<<

Der Fremde nickte.

>>… gut, gut. Wir machen das richtig authentisch. Dann fällt es Ihnen sicherlich leichter.<<

Grob wies der Fremde den Barkeeper ein, was er zu tun hatte, dann ging er vor die Tür. Einige Sekunden darauf stürmte er herein mit dem Flaschenöffner voraus in der Hand. Seine eingeschnitzten Gesichtszüge wirkten in diesem Rahmen äußerst bedrohlich. Die erst so sanfte Stimme wurde rauer, er schrie fast in seinem Monolog. Seine anfängliche Unsicherheit konnte der Barkeeper nicht nachvollziehen, er spielte die Rolle brillant. Der Barkeeper hatte Mühe, bei aller Faszination seine Einsätze nicht zu verpassen. Gegen Ende befahl der Fremde ihm, die Kasse zu öffnen und das Geld auszuhändigen. Das blasse, gelbe Licht, welches der Kronleuchter mit seinen Glühlampen von oben herab strahlte, warf tiefe Schatten in seine Augen. Der Barkeeper händigte dem mit dem Flaschenöffner auf ihn Zielenden das Geld aus. Natürlich nicht alles, Münzen und die versteckte Einlage wären zu viel des Guten gewesen, aber ein großes Bündel Scheine. Nach seiner gelungenen Darbietung konnte sich der Fremde seine Freude kaum verkneifen, lächelnd rannte er der schweren Eingangstür entgegen. Der Barkeeper und sogar die beiden aus ihrem komatösen Kartenspiel erwachten Stammgäste applaudierten. Sie hätten ihn wohl zu seiner Leistung beglückwünscht, wäre er jemals wieder aufgetaucht.

 
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