Die kleine Ballerina

Lucy Bauer
05.04.2016
 
Die kleine Ballerina
Alf schob die Spitzengardinen zur Seite und spähte auf die regennasse Straße hinaus. Cathy Brown von Nummer 12 kam, unter ihren Regenschirm geduckt, herangeeilt. Sie zögerte kurz, als sie auf gleicher Höhe mit Alfs Fenster war, und er hob seine Hand um sie zu grüßen. Aber Cathy war so konzentriert darauf, der großen Pfütze, die sich jedes Mal bei starkem Regen vor Alfs Tür bildete, auszuweichen, dass sie seine Gegenwart nicht bemerkte. Alf seufzte und schüttelte den Kopf. Wie lange hatte die Gemeinde schon versprochen den Asphalt auszubessern? Cathy wich der dunklen Wasserlache aus und ging weiter, ohne einmal kurz zur Seite zu blicken. Alf sah zu, wie sie um die Ecke verschwand. Janet und Cathy waren gute Freundinnen gewesen.
Der Regen prasselte auf die Straße und rann die Rinnsteine entlang. Heute würde kein Ausflug in die Stadt möglich sein. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ihn ein bisschen schlechtes Wetter nicht vom Hinausgehen abgehalten hätte. Ob Regen oder Sonnenschein, der Spaziergang zum Hauptplatz, um eine Briefmarke im Postamt oder ein Glas Milch bei MacKay zu kaufen, war eine willkommene Gelegenheit gewesen, um die alten Knochen ein wenig zu bewegen. Wenn er Glück gehabt hatte, hatte er einen Bekannten getroffen und ein paar Worte gewechselt. Heute jedoch waren die Stadtausflüge rar geworden und nur mehr für milde, trockene Nachmittage vorgesehen. Er brauchte jetzt länger und musste stets seinen Gehstock mitnehmen.
Alf hob die kleine Ballerina von der Fensterbank, zog den Vorhang wieder zu und zupfte ihn akribisch zurecht. Für Janet war es immer von großer Bedeutung gewesen, wie die Vorhänge aussahen. Es schien, als hätte sie gemeint, dass die Menschen ihren Charakter danach beurteilten, wie ihre Vorhänge hingen und ihre Zimmerdekoration glänzte. Als ob jemand wie sie künstlichen Glanz notwendig gehabt hätte! Wenn es nach Alf ginge, hatte niemals ein herzlicherer Mensch als Janet auf Erden gewandelt; sie hatte für ihn die Welt bedeutet. Alf nahm das weiche, weiße Tuch aus der Schublade der Anrichte und begann die Ballerina abzustauben.
Sie war aus blauem und weißem Porzellan hergestellt und kam aus Dänemark. Alf hatte sie eines Tages im Fenster des Charity-Ladens neben MacKay entdeckt, an Janet gedacht und war hineingegangen, um sich nach dem Preis zu erkundigen. Die Dame hinter dem Tresen hatte die zerbrechliche Porzellanfigur hin und her gedreht und dann zugestimmt, sie für einen Zehner herzugeben - ein Schnäppchen. Sie war in tadellosem Zustand und der Name auf dem Boden der Figur war Alf von Janets Sammlung bekannt gewesen.
Janet hatte die kleine Ballerina verehrt. Alf hatte nie viel für Ballett übrig gehabt, aber Janet hatte oft von ihrem Kindheitstraum, eine Tänzerin zu werden, gesprochen. Als sie ein Mädchen gewesen war, hatte sie sich oft vorgestellt, im Scheinwerferlicht zu stehen und im bauschigen Tutu Pirouetten tanzend und hopsend über die Bühne zu gleiten. Aber natürlich war Ballettunterricht nie in Frage gekommen: Es war nicht nur eine Kostenfrage, Ballett war nichts für die Arbeiterklasse, es war den vornehmen Mädchen vorbehalten. Und dennoch dachte Alf, dass Janet die perfekte Ballerina gewesen wäre – so zierlich, flink, anmutig. Am Ende war sie so zerbrechlich und dünn geworden, dass sie beinahe immateriell wirkte. Sie hatte ihn verlassen, bevor er wirklich begreifen konnte, was geschah.
Sanft strich Alf mit dem Tuch über die Falten des Rockes der kleinen Ballerina. Die steifen Gelenke machten die Hausarbeit – und das Leben im Allgemeinen – mittlerweile recht ermüdend. Er rieb den Staub von den glasigen Augen der Ballerina und als er das Tuch wegzog, lächelte ihr glattes, perlmuttfarbiges Gesicht zu ihm auf. Er wiegte sie in seinen Händen: ein Federgewicht. Er bewunderte ihren geraden Rücken, ihre schlanke Taille, ihre wohlgeformten Beine, die Haltung der Arme, die sie scheinbar mühelos bis in alle Ewigkeit gebeugt hielt. Sie hatte schon immer einen Ehrenplatz auf dem Fensterbrett gehabt, während die anderen Ziergegenstände sich im Schrank dicht aneinanderdrängten. Die liebe Janet und ihre Zimmerdekoration!
Ein plötzliches Klingeln holte Alf so augenblicklich aus seiner Tagträumerei zurück, dass die Ballerina seinem Griff entglitt. Zu seiner großen Erleichterung kam sie auf dem Teppich zu liegen und blieb durch den sanften, gepolsterten Aufprall im weichen Stoff unversehrt. Alf fühlte sich etwas schwindlig nach dieser Aufregung. Wer in aller Welt würde jetzt an seiner Tür klingeln? Er ließ die Ballerina liegen, wo sie hingefallen war und die jetzt wie ein Engel, der auf einer Wolke ruhte, da lag, und hastete so schnell es seine protestierenden Knie erlaubten Richtung Tür, um zu öffnen, bevor wer auch immer gerade geläutet hatte, des Wartens müde wurde.
Es war Cathy Brown. Sie blinzelte Richtung Himmel, schüttelte dann die Regentropfen von ihrem Schirm und schloss ihn.
„Cathy!” Der Klang seiner eigenen Stimme kam ihm fremd vor.
„Hallo Alf. Ich kam gerade vorbei und mir fiel zufällig auf, dass die kleine Ballerina nicht auf ihrem gewohnten Platz war, so dachte ich, dass du gerade bei der Hausarbeit seist.“
„Komm herein, Cathy“, sage Alf und fügte zögernd ein hoffnungsvolles „eine Tasse Tee?“ hinzu.
„Ich kann heute nicht, Alf, aber wie wär’s mit morgen Nachmittag? Ich könnte dich zu MacKay fahren, dann kannst du deine Einkäufe erledigen und danach könnten wir in diesem neuen Lokal einen Kaffee trinken. Es soll sehr gut sein, habe ich gehört. Sie sollen herrliche selbstgemachte Scones haben. Denen von Janet werden sie aber natürlich nicht das Wasser reichen können.“ Cathy lächelte und zog die Augenbrauen hoch, während sie auf seine Antwort wartete. „Ich hol dich kurz nach drei Uhr ab?“
„Ja, Cathy, ja, bitte. Das wäre schön, Cathy. Danke.“ Es klang seltsam, als er das sagte. Es war schon so lange her, dass er das letzte Mal eine Einladung angenommen hatte.
Nachdem Cathy gegangen war, machte sich Alf unverzüglich daran, sich der kleinen Ballerina zu widmen. Irgendwie fühlte er sich nun leichter – hatten ihm seine Knie vor ein paar Minuten tatsächlich noch so große Probleme bereitet? Vorsichtig beugte er sich vor und hob die Ballerina auf. Ein letztes Mal strich er mit dem Staubtuch über sie, versah ihren hübschen Kopf mit einem Kuss, öffnete den Vorhang und stellte sie wieder zurück auf die Fensterbank.
Es hatte aufgehört, zu regnen und die fahle Sonne war zwischen den Wolken zum Vorschein gekommen und tauchte nun die Bühne der Ballerina in ein sanftes Licht. Die Ballerina schritt ins Rampenlicht, neigte den Kopf und ihren schwanenartigen Hals zur Seite, schob sich auf ihre Zehenspitzen, beugte ihre Arme und begann mit dem Hauch eines Lächelns auf ihrem porzellanenem Antlitz zur Musik, die in Alfs Kopf spielte, über die Bühne zu schweben. Alf blickte hinüber zum Wohnzimmerspiegel und betrachtete sein Spiegelbild – grauhaarig, untersetzt, bucklig, schlaffe Hängewangen. Er richtete sich auf, hob seine Arme soweit sie sich nach oben bewegen ließen, neigte seinen Kopf und ahmte den engelsgleichen Gesichtsausdruck der Ballerina nach. Bei der Pirouette, die er anschließend versuchte, verlor er aber das Gleichgewicht und plumpste schwerfällig auf das Sofa. Der Anblick von sich selbst, als er in Ballettpose seitlich aus dem Spiegel verschwand, brachte ihn jedoch zum Schmunzeln. Und das Schmunzeln wurde zum Lachen und er lachte und lachte, bis er sich die Tränen aus den Augen wischen musste. Sein Herz war leicht, so leicht wie die Ballerina, die für alle Ewigkeit auf Zehenspitzen tänzelnd perfekt im Gleichgewicht war und dabei der Schwerkraft mit gekonnter Lässigkeit ein Schnippchen schlug. Es war ein Glückstag für beide gewesen.

Aus dem Englischen von Philipp Stummer

 
Twitter Facebook Drucken  Mountain Story weiterempfehlen