Die Lektorin

Ulrike Dubis
07.11.2009
 
Sie saß da und las.

Sie wäre ihm fast nicht aufgefallen, zu belebt war die Terrasse. Außerdem ging ihm sowieso alles zu schnell. Ankommen, tief Luft holen, dass es einem die Lungen aufreißt. Hier sollte die Zeit stehen bleiben. Der Bremsweg war ihm zu kurz gewesen, er kam ins Schleudern. Ihm war schwindlig, das musste an der Luft liegen. Oder an der Schubumkehr.

Ja, gibt es das auch, fragte er sich. Natürlich gibt es das. So, wie es die eilige Langsamkeit gibt, wenn das Schöne einfach so davonrinnt. Und wenn du dann noch dazu so töricht bist, es aufhalten zu wollen, oder wenigstens zu verlangsamen, ist es letztendlich so, als wolltest du Luft mit bloßen Händen festhalten. Weil die Sonne doch jeden Abend ins Meer fällt, egal, wie schön sie beim Untergehen ausgesehen hat. Oder der schleichende Stress, wenn sich dieses Etwas die Zeit wie ein gefräßiger Shredder einverleibt, gierig und vor allem unbremsbar, unbarmherzig sowieso. Wenn das, was passieren sollte, einfach nicht geschieht. Dann steht man da und es rührt sich nichts in einem, und die ganze Welt zieht an dir vorbei wie auf einer dieser Fließbandrolltreppen, wie es sie auf Flughäfen gibt. Nur du selber kannst nicht mitfahren. Das ist genau wie in diesem Alptraum, in dem man rennt und rennt und trotzdem nicht vorankommt, und das andere ist immer schneller als du, und dann holt es dich ein, letztendlich. Dann wachst du auf.

Und ein freundliches Gesicht fragt dich, ob es deinen Koffer schon ins Zimmer bringen darf. Ja bitte, sehr gerne, ich schau mich noch ein wenig um. Das Warten an der Talstation war ihm kurz gewesen. Dann sieben Minuten, um sich von den Weinbergen zu verabschieden und dem sich wiegenden Gefieder der Lärchen verstohlen zurückzuwinken, zum Gruß. Schließlich kannte man einander schon lange. Erinnerungen wieder sehen, die sich aufsässig ins Gehirn drängten, wie Kinder, die an der Schwimmbadkasse schieben, boxen und drängeln, wenn im Juni zum ersten Mal aufgesperrt wird. Gleichzeitig neu und fremd sein, all den Dingen, die dich hier noch nie gesehen haben. Die Strauben dufteten herrlich, wie sie da auf riesigen Tellern durch die Reihen wanderten. Die Musik entsprach nicht seinem Geschmack, oder wenigstens nicht seiner Tagesverfassung, gut gelaunte Menschen schauten den Tänzern zu und applaudierten. Nur sie saß da und las, als ob sie das alles nichts anginge. Wie ein Mensch sich nur so konzentrieren kann, wenn er will. So in sich ruhen, nur sich selbst wahrnehmen, erstaunlich. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sie zu bewundern. Sie grinste ein wenig in ihr Buch hinein, oder er bildete es sich zumindest ein.

Er beschloss, sich einen ruhigeren Ort zu suchen und das Denken der Zeit zu überlassen. Der Platz vor der Piazza hielt mehr, als er versprochen hatte. Alle anderen waren auf der Terrasse geblieben, außer ein paar Zikaden und er selbst. Die späte Sonne wärmte ihm das Gesicht und er schloss die Augen. Er versuchte, an gar nichts zu denken. Von irgendwem hatte er einmal gehört, dass dies der Weg zum wahren Nirwana sein sollte, nämlich wenn es einem gelänge, sämtliche Gedanken aus dem Kopf zu verbannen und an das reine Nichts zu denken. Ohne Zwang müsse das gehen, wie von selbst. Einen Versuch wäre es zumindest wert. Mit geschlossenen Augen sah das späte Licht orange aus, und nach und nach löste sich die Farbe in ihre spektralen Einzelteile auf, in eine braune Fläche mit rosa Punkten. Es sah aus wie eine Tapete. So eine hätte Tante Adele gefallen, aber vermutlich hätte sie statt der Punkte Blumen bevorzugt. Und davor hätte sie ihre Kredenz stehen gehabt, auf der eine Vase stand, von der sie ihm immer erklärt hatte, sie sei schon viel zu lange leer. „Weißt du, Kind, sie ist schon viel zu lange leer.“ Er hatte das nie verstanden und ihr dann jedes Mal angeboten, Wasser in die Vase zu füllen und vielleicht ein paar Blumen aus ihrem Garten zu holen. Aber sie hatte immer gesagt, „das ist nicht dasselbe“, und dann hat sie immer geseufzt. Und dann hat er „ach ja“ gesagt und besorgt dreingeschaut. Das hatte er von seiner Mutter abgeschaut.

Er öffnete die Augen. Das Licht stach jetzt weiß in seine Pupillen, er musste sich abwenden und stand auf. Dass mein Weg ins Nirwana an Tante Adele vorbeiführt, grinste er in sich hinein. Wer jetzt wohl in ihrem Haus wohnte, drüben in Pawigl. Die arme Adele, hoffentlich geht es dir gut da oben beim lieben Gott, murmelte er und kam sich dabei ein bisschen blöd vor. Er hatte Hunger. Das Feuer im Kamin brannte schon, hier oben sollten die Abende wohl auch im Sommer kühl werden, ein paar Leute saßen auf den großen Sofas und unterhielten sich beim Aperitif. Er ging durch den langen Gang, in dem es so eigentümlich nach Materialien roch, die er nicht kannte, und suchte den Weg zur Terrasse. Der Duft der Strauben hatte ihn nicht mehr losgelassen.

Die Terrasse war menschenleer, die Musik verstummt, selbst die Spuren waren beseitigt, als hätte es nie ein Fest gegeben. Also keine Strauben mehr, ärgerte er sich. Was sollte er jetzt tun? Hier einen Cappuccino gegen den Hunger trinken, bis das Restaurant aufsperrte oder in das Schwimmbad gehen, das auf dem Prospekt so einladend ausgesehen hat? Das Zimmer begutachten, gemütlich duschen und den Koffer auspacken? Oder gar nichts tun? Das Vorhandensein von Zeit überforderte ihn. Sie saß immer noch da und las. Er setzte sich in ihre Nähe, vielleicht konnte er ausmachen, was sie da las. Aber eigentlich wusste er gar nicht, ob er das überhaupt wissen wollte, vielleicht wäre er enttäuscht gewesen, vielleicht ist es ein Billig-Schmöker. Sie sah allerdings nicht aus wie eine, die so etwas liest. Sie wirkte irgendwie erhaben, ein bisschen intellektuell vielleicht, wegen der Brille. Irgendwie war sie schön, oder wenigstens attraktiv. Lesende Menschen sehen aber immer schön aus, fand er. Auf einmal wünschte er sich brennend, sie würde eine seiner Geschichten lesen. Eine jener Geschichten, wie er sie früher geschrieben hatte, für die er Applaus geerntet hatte. Er hat schon lang nicht mehr schreiben können, zu verquer sind die Gedanken durch seinen Kopf gerast, unzusammenhängend und vor allem langweilig, weil immer alles viel zu schnell gegangen ist und kein Gedanke je die Form eines passablen Bildes annehmen wollte. So etwas mag kein Mensch lesen. Sie seufzte ein wenig.

Ob er etwas trinken möchte, fragte ihn ein junger Kellner. Er erschrak und sagte fast hauchend „ja bitte, einen Cappuccino.“ Und dann hörte er sich sagen, „aber fragen Sie doch zuerst die Dame“. Der Kellner befolgte seine Aufforderung. Es hatte sich ihm aufgedrängt, er wollte wissen, wie sich ihre Stimme anfühlt. Sie bestellte „auch einen Cappuccino“. Auch einen Cappuccino. Woher sie das wusste. Da grüßte sie herüber. So, wie man sich auf dem Berg grüßt, wenn man einander begegnet. Unbekannt und doch miteinander verbunden, weil es der Ort vorgibt. Ihre Stimme schmeckte nach Samt und Zimt. Die Seite in ihrem Buch blätterte sich um.

Das Abendessen versöhnte ihn mit der Welt. Ein Gruß aus der Küche, ein lobender Gruß zurück, fast demütig gab er sich dem Dargebotenen hin. Seine Zunge, seine Nase, sein Gaumen, seine Augen ließen sich keinen Augenblick, keine Wahrnehmung entgehen, er fühlte sich auf einmal wieder eins und ganz. Danach zog es ihn auf die Terrasse, er wollte die frische Bergluft in sich aufsaugen und auf seiner Haut spüren, noch einen Espresso trinken, die Zeit vergehen lassen und in ihr sein, ganz ihrem Lauf nachgeben.

Er wollte noch einmal ankommen, diesmal richtig. Deshalb wählte er den Weg durch das Foyer und den Hoteleingang, ging über den Kiesweg, der ihn von der Seilbahn heraufgebracht hatte. Als er die Terrasse betrat, schritt sie gerade über die Schwelle der Stube nach draußen, ihr Buch in der Hand. Er schaute sie an, ihre Augen, ihre Haare, ihr Buch. Der Einband war schwarz, Schrift konnte er darauf keine erkennen. Sie blickte zurück, zögerte kurz und setzte sich dann wieder auf ihren gewohnten Platz. Wäre er nur ein paar Sekunden früher gekommen, vor ihr da gewesen, hätte er sich an einen Tisch ganz in ihrer Nähe setzen können. Sollte er ganz frech den Nebentisch nehmen, obwohl alles frei war? Das traute er sich nicht. Er war ja auch nicht mit der Absicht hergekommen, jemanden kennen zu lernen. Er nahm den erstbesten Tisch mit Blick auf die Stube, die Berge konnte man in der Dunkelheit ohnehin nicht mehr ausmachen. So musste er auch den Kopf nicht wenden, um ihr beim Lesen zuzusehen. Er wollte ihr eigentlich gar nicht beim Lesen zuschauen. Aber manchmal zwingt einen etwas, Menschen zu fixieren, obwohl man sie gar nicht kennt. Du willst gar nicht, aber du musst. Es zieht dich so unausweichlich in seinen Bann, dass du immer wieder hinschauen musst, und auch wenn du dich bemühst, es gelingt dir nicht den Blick abzuwenden. Kinder tun so etwas ganz ungeniert. Man sitzt und unterhält sich, ein Kind schaut einem ununterbrochen zu. Am eigenen Tisch, wo die Eltern sitzen, ist es langweilig. Das Kind macht auch gar keinen Hehl daraus, dass es dich die ganze Zeit anstarrt. Das lernt man erst später, das geheime Beobachten, wenn einem die Eltern oft genug gesagt haben, dass man nicht auf fremde Leute starrt. Sie hatte sich so hingesetzt, dass das Licht in der Stube auf die Buchseiten fiel und bestellte Amaro Averna mit Eis, also musste sie gegessen haben. Im Restaurant hatte er sie nicht gesehen. Er trank seinen Espresso und bekam plötzlich Lust, zum Haus von Tante Adele zu gehen. Es brannte ihn zu wissen, wer jetzt darin wohnte, wie es heute aussah. Vielleicht könnte er anklopfen und sagen, dass er hier früher die Sommerferien verbracht und ihn die Neugier getrieben hat, den Ort seiner Kindheit wiederzusehen, wo er doch ganz in der Nähe logierte. Er selbst hätte sicher Verständnis für so ein Anliegen. Oder wenigstens einen Blick durch die sicherlich erleuchteten Fenster erhaschen, um zu sehen, ob die alte Kredenz noch dort stand, mit der Vase von Tante Adele. Er stand auf und ging in die Stube, auf einmal hatte er es eilig, und bezahlte seinen Kaffee. Der Weg führte recht steil bergauf, hier war er immer gerannt, jetzt war er gleich außer Atem, obwohl er sich gar nicht beeilte. Sicher hatte er zu viel gegessen. Die Häuser oberhalb des Sessellifts waren fast alle hell erleuchtet, einige wenige verrieten, dass ihre Besitzer nicht anwesend waren. Das Haus von Tante Adele lag einige Wegbiegungen hinter den anderen. Er hatte die schmale Straße noch genau im Kopf und im Gefühl, ansonsten hätte ihn die mondlose Finsternis auf diesem Teil des Weges gänzlich verschluckt. Die Füße griffen den Boden, oft traf er den Wegesrand, den ihm ein Speltenzaun oder dicht wucherndes Gras anzeigten, ein paar Mal stolperte er. Es roch nach Kindheit, nach Freiheit, nach Leben. Er kam sich fast lächerlich vor bei diesen Gedanken. Das ist mir zu pathetisch. Jetzt musste er beim Haus sein. Es schien niemand hier zu sein, nirgendwo brannte Licht. Er tastete sich den Zaun entlang, das Gitter bestätigte ihm, dass er tatsächlich vor Tante Adeles Eingang stand, ein Holzgitter mit demselben großen Schlüsselloch wie damals. Die neuen Besitzer hatten eine Art Fahrradschloss um das Gitter gewickelt, der alte Zaun war auch früher nicht wirklich einbruchssicher gewesen. Tante Adele hätte auch keiner stehlen wollen, grinste er in sich hinein.

Er wollte zum Haus, wollte es unbedingt anfassen, es umarmen und an ihm riechen und all das Schöne und Traurige wieder herbeiholen, sogar die Tante Adele, für einen Augenblick wenigstens. Es hatte ein wenig zu regnen begonnen. Das Haus war so greifbar nahe. Ich will da rein. Ich geh rein. Hinter dem Haus hatte es immer eine dicht bewucherte Stelle gegeben, durch die hatte er sich immer gekämpft, wenn er am Abend noch aus dem Haus wollte, um mit seinen Freunden im finsteren Wald Dinge zu tun, die Tante Adele sicher nicht erlaubt hätte. Mutproben hatten sie das genannt. Heute schauderte ihn allein beim Gedanken daran. Er tastete sich am Zaun entlang, um durch den Wald zur Hinterseite des Gebäudes zu gelangen. Ich will hier rein. Um diese Uhrzeit fahren die Seilbahnen nicht mehr aufs Vigiljoch, also ist es unwahrscheinlich, dass die Besitzer noch kommen. Er könnte ungeniert Licht machen und sich das Haus in aller Ruhe ansehen. In der Nacht kommt hier nie ein Mensch vorbei. Die Schuhe würde er ausziehen, damit er nichts schmutzig macht, so würde niemand bemerken, dass er hier gewesen war. Er kam sich vor wie ein Einbrecher. Nein, ein Einbrecher kommt mit der Absicht zu stehlen. Ich will mir nur holen, was mir gehört, ein kleines Stück meiner Erinnerungen. Das steht mir zu. Also erschien es ihm gerechtfertigter, die Aktion als Mutprobe anzusehen, so eine wie damals. Derselbe Weg. Hinter dem Haus fühlte sich alles so an wie früher, der Zaun verlief in unregelmäßigen Spelten und Latten, hatte nie eine einheitliche Form verpasst bekommen. Wozu auch, durch das dichte Gebüsch konnte man diese kleinen Fehler in der Optik ohnehin nicht erkennen, ihm aber geleiteten sie jetzt den Weg. Er musste über den Zaun klettern, genau dort, wo das kleine einbetonierte Stück Metallzaun, eigentlich nur eine vertikale Stange, den wackeligen Zaun aufrecht erhielt. Er war sich sicher, dass die neuen Besitzer auch daran nichts geändert hatten und behielt Recht. Hier fiel der Wald steil ab, es würde ihm ein Leichtes sein, auf die andere Seite zu gelangen, die um fast zwei Meter tiefer lag. Er stieg auf die Holzlatte, die ein wenig nachgab, seinem Gewicht jedoch standhielt und hob seine Beine eins nach dem anderen vorsichtig über den Zaun, hier war die Abgrenzung von der Waldseite aus gesehen so niedrig, dass man sich beim Drüberklettern zum Festhalten bücken und aufpassen musste, nicht die Balance zu verlieren. Er drehte seine Füße in die Gegenrichtung, um auf den ehemaligen Grund seiner Tante Adele abzusteigen. Die Querlatten waren durch ihr Alter und den Regen so glitschig, dass er abrutschte. Seine linke Hand griff blitzschnell nach der sicheren Metallstange, verfehlte sie aber knapp. So knapp, dass sie sich jetzt in seinen Oberarm bohrte. Halb hing er nun in der Luft, halb konnte er sich mit der anderen Hand noch am Zaun festhalten, seine Füße fuchtelten nach festem Boden, der war aber zu tief unten, und fanden eine Querlatte zum Stehen und um zu verhindern, dass sich die Metallstange noch tiefer in seinen Arm bohrte. Er musste hoch gestreckt auf Zehenspitzen stehen und den Zaun mit der rechten Hand umkrallen, damit der Spieß nicht weiter eindringen konnte. Sein Herz raste. Er durfte sich keinen Millimeter bewegen. Eine höher liegende Querlatte gab es nicht, auf die er hätte steigen können, um seinen Arm zu befreien. Hochziehen konnte er sich auch nicht, dafür war der Zaun an dieser Stelle zu niedrig.

Er steckte fest, in dieser blinden Nacht, in der niemand sein Haus verließ, weil es regnete, in der keine Kinder sich trafen, um sich bei Mutproben aneinander zu messen. Etwas Warmes floss seine Achsel hinunter, der Arm begann zu bluten. Langsam rann es Tropfen um Tropfen seine Haut hinab. Bis hier jemand vorbeikommt, ist es morgen Früh, frühestens. Bis dahin bin ich verblutet. Eine Stunde, vielleicht zwei oder drei, kann ich mich hier noch halten, dann werde ich ohnmächtig und falle. Dann bohrt sich die Metallstange weiter in meinen Arm und irgendwer wird mich finden, aufgespießt von Tante Adeles halb kaputtem Zaun. Vielleicht sucht man mich. Aber im Hotel wird es auch frühestens morgen auffallen, dass ich nicht im Zimmer war, am Ende denken die sich weiß Gott was und grinsen sich eins, und ich steck aber hier, am Spieß. Irgendwann werden sie sich Fragen stellen, aber erst irgendwann. Ob ich einfach verschwunden bin, als Zechpreller. Aber wer verschwindet schon ohne Handy und Laptop.

Erst verbring ich meine Zeit mit so viel Unnötigem, mit so viel Dreck, jammere mich selber an, dabei ist es mir doch immer gut gegangen. Es ist mir ja nicht wirklich schlecht gegangen, ok, ich war gestresst, aber ein paar Tage Urlaub hätten das schon wieder ins Reine gebracht. Hätten sie. Werden sie aber nicht. Er geriet in Panik und versuchte sich hochzuziehen, aber der Zaun ließ es nicht zu. Hier wird mich sicher keiner finden, und wenn mich wer von Tante Adeles Haus findet, steh ich da, oder nein, häng ich da als vergammelter Einbrecher. Keine schöne Vorstellung. Wieso wollte ich nur unbedingt zu Tante Adeles Haus, ich Trottel? Dabei hab ich sie nicht einmal wirklich gemocht. Den Karl und den Peter schon, was die jetzt wohl machen, ich hab sie völlig aus den Augen verloren, die würden mich sicher retten, wenn sie hier wären. Es krachte im Unterholz, Taschenlampen leuchteten ihm in die Augen. „Da ist er“, hörte er jemanden sagen, und zwei oder drei Männer hasteten in seine Richtung. Einer kletterte über den Zaun und sagte „ich schieb ihn rauf“, der zweite zog vorsichtig den feststeckenden Arm aus der Metallstange. Sein Arm brannte wie der Teufel. „Kommen Sie, steigen Sie drüber“, sagte der dritte Mann, der die Taschenlampen hielt. Der Taschenlampen-Mann packte ihn beim gesunden Arm und schob ihn vorsichtig, aber sehr rasch zum Weg zurück, wo eine kleine Tasche stand, die wie ein Arztkoffer aussah. Der Mann öffnete den Koffer und zog Verbandszeug und Schere heraus. Dann schnitt er oberhalb der Wunde den Hemdsärmel ab und band den nackten Arm ab. Die anderen Männer waren in der Zwischenzeit ebenfalls am Weg angelangt und gemeinsam schritten sie schnell und schweigend in Richtung Hotel. Niemand stellte Fragen. Keine Anklagen, keine Vorwürfe, keine Verdächtigungen. Das wird schon noch kommen, bei der ersten Hilfe stellt man keine Fragen.

Sie schritten über die Schwelle, wo bereits die Direktorin mit besorgtem Blick wartete. Die Männer brachten ihn in ihren Arbeitsraum, so vermutete er wenigstens, und der Taschenlampen-Mann, der sich tatsächlich als Arzt herausstellte, versorgte seinen Arm. „Sie haben riesiges Glück gehabt.“ Er schaute dem Arzt ungläubig in die Augen. Dann musste er einfach fragen. „Wie haben Sie mich gefunden?“ „Sie haben einen Schutzengel. So, und jetzt können Sie schon auf Ihr Zimmer gehen. Ruhen Sie sich ein wenig aus, das wird Ihnen gut tun.“ Die Direktorin lächelte ihn herzlich an und klopfte ihm auf die Schulter. „Ein Glück, dass Ihnen nichts passiert ist.“

Sie entließen ihn in das Foyer. Fast hätte er sie nicht bemerkt, zu verworren waren seine Gedanken. Sie saß da und las, auf einem riesigen Kuhfellsofa. Er blieb stehen und schaute sie an. Sie machte Anstalten aufzuspringen, ließ es aber bleiben. Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Dann hörte er sich sagen: „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.“ Sie murmelte „ich Ihnen auch“.

Er ging auf sein Zimmer, sperrte die Tür auf, schaltete das Licht ein und tastete sich durch den Raum. Er konnte es noch immer nicht glauben. Dann lehnte er sich an die Lehmwand, hielt sich an ihr fest, roch an ihr, es war derselbe Duft, den er auf dem Flur wahrgenommen hatte. Sie war echt, kein Traum. Auf dem Tischchen lag sein Handy, keine Anrufe in Abwesenheit, keine Nachrichten. Er stellte sich in die Mitte des Zimmers und breitete die Arme aus. Auf einmal fühlte er sich leer, leergefühlt, leergelebt. So muss sich jemand fühlen, der dem sicheren Tod getrotzt hat. So allein. Er war gerne allein, wie oft hatte er sich danach gesehnt, dass ihn die Welt in Ruhe ließe. Und jetzt war ihm die ganze Welt verschwiegene Stille.
Es klopfte an der Tür. Jetzt werden sie kommen und Fragen stellen, mitten in der Nacht schon. Er öffnete die Tür. Da stand sie, ihr Buch in der Hand. Mit einer einladenden Handbewegung bedeutete er ihr wortlos einzutreten. Sie stellte sich mitten ins Zimmer, wie jemand, der nicht weiß, wo er sich hinsetzen darf. Er schaute sie an, ihre Augen, ihre Haare, ihr Buch. Sie legte das Buch auf den Tisch, fast warf sie es, sodass es sich wie von selbst aufschlug. Dann setzte sie sich, weil er noch immer nichts gesagt hatte, auf den rot bespannten Sessel und schaute ihn an. Ihr Mund war himbeerrot, sie war wirklich schön, auch wenn sie gerade nicht las, wirkte erhaben und ein wenig intellektuell, auch ohne Brille. Die Seite in ihrem Buch blätterte sich um.

Er ging am Tischchen vorbei, um sich neben sie zu setzen, und blickte verstohlen auf das Buch. Leere weiße Seiten. Nichts, kein Wort. Die erste Zeile, nach und nach begann sie sich mit Worten zu füllen, einmal schneller, einmal langsamer, ohne Rhythmus. Aber immer gleichzeitig – mit seinen Gedanken. Das Buch erzählte jeden seiner Schritte, jeden seiner Gedanken und Gefühle, alles, ausnahmslos alles, was mit ihm und in ihm passierte. Er starrte wie gebannt auf die Zeilen, blätterte nach hinten, las, wie sich die Metallstange in seinen Arm gebohrt hatte, wie er in Panik ausgebrochen war… Er bemerkte gar nicht, dass sie aufstand und sich ihm näherte. Sie zupfte ihn am Ärmel, sodass er sie anschauen musste. Er schaute halb sie, ihre tiefbraunen großen Augen, halb das Buch an, das sich indes weiter schrieb. „Du?“ hauchte er. „Ja“, sagte sie. Eine Weile blieben sie so stehen, er beobachtete, wie sich seine Gedanken aufschrieben – immer genau in dem Augenblick, in dem er sie dachte – schaute sie an, las wieder.

- Also warst du es?
- Ja.
- Du hast es also gewusst. Alles!
- Alles.
- Seit wann?
- Seit du hier bist. Seit du mich zum ersten Mal gesehen hast.
- Wer bist du?
- Ich bin die Lektorin. Ich lese die Geschichten der Menschen, die hier herkommen. Erlebtes und zu Erlebendes.

Dann verschlangen sie sich ineinander, verloren sich in etwas Unbekanntem, das kein Gestern, kein Morgen kennt. Wie wenn sich das Immer mit dem Niemals vereint, so vertraut und unwirklich zugleich. Wenn er sie nicht gespürt hätte, die zarten Härchen auf ihrer Haut, den roten Mund, ihre tiefen Blicke, ihre Stimme wie Samt und Zimt, hätte er es nicht geglaubt.

Er blinzelte. Die Sonne stach ihm weiß in die Augen, sodass er sich abwenden musste. Da sah er sie. Sie lag neben ihm und schaute ihn an. Er streichelte ihre Wange, wie um sich zu vergewissern.

- Also ist es wahr?“
Sie nickte.
- Aber wie ist das möglich?
- Weil es die Zeit nicht gibt. Sie ist eine Lüge.

Die Seite in ihrem Buch blätterte sich um. Es war die letzte.
 
 
 
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