Die Schlinge

Pietro Valoreh
07.12.2013
 
Etwas hielt meinen rechten Fuß fest und ich spürte einen stechenden Schmerz am Knöchel. Mir gelang es gerade so, nicht zu stolpern. Ich hatte mich in einer rostigen Drahtschlinge verfangen, die aus dem Waldboden ragte; fast so, als hätte sie jemand gezielt dort angebracht. Vorsichtig befreite ich meinen Fuß aus der Schlinge, und mit einem Ruck zog ich den Draht aus seiner Verankerung. Ich hielt einen etwa 1,80m langen, zu einer Wendel geformten, verrosteten Draht in der Hand, am einen Ende spitz, am anderen zu einer Schlinge gebogen. Ich fragte mich, wer die Schlinge gelegt haben könnte, und ob sie für mich bestimmt war? Seit längerem schon hegte ich den Verdacht, dass jemandem daran gelegen sein könnte, dass ich von einer meiner Bergwanderungen, die ich immer alleine unternahm, nicht zurückkehrte. Ich zog mein Handy aus der Tasche: kein Empfang!
Ich betrachtete die nähere Umgebung. Da entdeckte ich Fragmente eines Dachziegels, dahinter ein Stück Backstein, an dem noch Reste von Beton hafteten. Ich stand auf einer, fast vollständig überwachsenen Bauschutt-Deponie. Ich steckte den Draht, den Ziegel und den Backstein in meinen Rucksack und machte ein Foto von dem Hügel, auf dem ich mich befand. Meine Gedanken kreisten um die Frage, wer mir nach dem Leben trachtete. Die Herkunft des Drahtes ließ mir keine Ruhe mehr. Nahe der Stelle, an der ich gestolpert war, befand sich ein neues Hotel. Ich beschloss, mich dort über die Herkunft der Drahtschlinge zu erkundigen.
Vor sechs Jahren hatte Klaus Pichler hier ein Hotel abgerissen, und an gleicher Stelle ein neues errichtet. Der Draht könnte am Bau benutzt worden sein. Ich zeigte dem Wirt des neuen Hotels den Draht. Er schüttelte den Kopf: nein, so etwas würde man auf einer Baustelle nicht verwenden. Drähte dieser Stärke würden in dieser Gegend fast ausschließlich im Weinbau eingesetzt. Mein Verdacht erhärtete sich, das war doch ein Beweis! Aber wer steckte dahinter?
Der Draht schien nach wie vor die beste Spur zu sein. Ich wanderte also wieder ins Tal und klopfte beim ersten Weinbauern an, um ihm den Draht zu zeigen. Er bestätigte sofort, dass genau solche Drähte zum Erstellen einer Pergola verwendet würden. Wo ich den Draht gefunden hätte, wollte er wissen; und als ich ihm die Fundstelle genau beschrieben hatte schüttelte auch er den Kopf. Auf dieser Höhe, es waren über 1.500 m, könne kein Wein mehr angebaut werden. Die Spur schien nun im Sand zu verlaufen.
Ich unterdrückte das Gefühl langsam aufsteigender Wut. Mein Partner Bernd Schiele musste dahinterstecken. Wir hatten vor zehn Jahren gemeinsam ein Unternehmen zur umweltgerechten Entsorgung von vor allem asbesthaltigem Bauschutt gegründet. Zwischenzeitlich lief das Geschäft auch hervorragend, nur in letzter Zeit brachte uns die sinkende Zahlungsmoral unserer Kunden an den Rand des finanziellen Ruins. Unser Anwalt hatte schon bei der Gründung vorgeschlagen, für den Todesfall eines der Partner eine Lebensversicherung zugunsten der Firma abzuschließen; er meinte damals scherzhaft, damit könne man auch die Firma aus einem finanziellen Engpass befreien! So ganz nach Scherz fühlte sich der Draht um meinen Knöchel aber nicht an! Warum nur wollte Bernd mich aus dem Weg schaffen? Aber bevor ich Konsequenzen aus meinen Verdachtsmomenten zog, wollte ich Klarheit schaffen.
Zunächst brachte ich das Stück Dachziegel und den Backstein ins firmeneigene Labor, man versprach mir dort einen Befund noch innerhalb desselben Tages. Sollte der vergrabene Bauschutt etwa kontaminiert sein, und sollte die Schlinge eine Entdeckung dieser Tatsache vertuschen?
Als nächste Möglichkeit versuchte ich herauszufinden, wem das alte Hotel vor dem Abriss gehörte. Der ehemalige Hotelier lebte noch und war gerne bereit, mir Auskunft zu geben. Ja, meinte er, und lachte: „Das war wohl eine Pergola, mein letzter großer Reinfall, nach welchem ich das Hotel aufgeben musste“, erzählte er. „Ich hatte von einem schwedischen Önologen, der zu Gast im Hotel war, einen Geheimtipp bekommen: es sollte in einem kleinen Forschungszentrum auf den Lofoten gelungen sein, Wein klimaresistent anzubauen, und das mit einer scheinbar außergewöhnlichen Qualität, zudem resistent gegen alle bekannten Schädlinge.“. Es schien, als hätte der alte Hotelier ein sicheres Sanierungskonzept gefunden, um den schon seit längerem ausbleibenden Gästestrom zu kompensieren. Er erzählte, dass die Hausbank ihm eine Million Euro vorstreckte, um Setzlinge dieser neuen Weinsorte zu erwerben und die Anlage auf dem bestehenden Grundstück, 5 Hektar mitten im Wald auf über 1.500m zu errichten. Stilgerecht wurde jede Zeile der Anlage in Form der für diese Gegend typischen Pergola errichtet, aus wetterbeständigem Kastanienholz und mit Draht in geschickter Weise festgezurrt. Zwei Jahre später erwies sich dann die neue Züchtung als Reinfall, nicht ein einziger Rebstock hatte den Wechsel der Jahreszeiten überstanden. Das Hotel ging somit an die Bank, welche es an den Meistbietenden verkaufte, und in Windeseile wurde eine moderne Hotelanlage anstelle des alten Gebäudes errichtet, offensichtlich unter Nutzung einer Lichtung in der näheren Umgebung als Lager für den angefallenen Bauschutt. Darunter befanden sich die Drähte, mit denen jede einzelne Pergola fixiert worden war. Und über einen derselben war ich, schien es, gestolpert.
Ich kehrte zurück ins Labor: der Befund war negativ. Mein Verstand hatte mir wohl einen Streich gespielt.
 
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