Die Schlittenfahrt

Kerstin Weinberg
12.04.2015
 
Die Schlittenfahrt
„Opa“ schreit die Hannah, damit der Opa was hört mit seinem Hörgerät und stupft ihn in den Rücken „Opa, wann machen wir denn jetzt endlich unsere Schlittenfahrt! Du hast’s versprochen!“
„Da musst Du mich nicht gleich so anbrüllen, ich bin doch nicht taub“, wettert der Opa und hält sich das Ohr zu, das mit dem Hörgerät. „Ja schau halt mal aus dem Fenster. Siehst Du nicht, dass es schneit wie verrückt. Das mit dem Schlittenfahren wird heut nix mehr.“
„Versprochen ist versprochen“, mault die Hannah und sieht natürlich, dass es draußen schneit wie verrückt. Der Opa muss sich alle halbe Stunde anziehen und den kleinen Weg vom Gartentürchen zum Hauseingang freischaufeln.
„Vielleicht morgen“, sagt der Opa und packt den Schlitten wieder auf das Regal in der kleinen Vorratskammer. „Morgen ist’s grad so schön“ sagt er noch und streicht der Hannah über den Kopf. „Schau Mädel, ich kann doch nix dafür, dass es derart schneit.“ Dann geht er ins Badezimmer.
Das stimmt. Er kann wirklich nichts dafür, der Opa. Das muss die Hannah einsehen. Aber traurig darf sie trotzdem sein. Sehr sogar. Sie hat sich doch so darauf gefreut, mit dem Opa was zu machen. In diesen Ferien hat sie noch GAR nichts Schönes mit dem Opa gemacht. Und sie sieht ihn doch so selten, eben nur in den Ferien. Und nun können sie nicht Schlitten fahren gehen. Weil’s schneit wie verrückt. So ein Mist.
Da kommt der Hannah eine Idee. Sie beschließt ALLEIN Schlitten zu fahren. Auf dem Berg mit dem kleinen Skilift. Und ganz ohne den Opa. Der will ja nicht. Der schaufelt lieber Schnee. Soll er doch. Sie jedenfalls bleibt nicht hier, sondern hat ihren Spaß beim Rodeln.
Vorsichtig schleicht die Hannah in den Gang, damit der Opa sie nicht hört. Der rumort gerade im Bad herum. Soll er doch. „Dummer Opa“, denkt sie, flitzt in die Vorratskammer und holt den Schlitten wieder vom Regal. Sie saust damit zur Garderobe und schlüpft in die Gummistiefel. Weil die am schnellsten gehen. Dann noch den Mantel und die Fäustlinge an. Nur noch die Mütze. Aber die kann Hannah nicht finden. Macht nix. Der Mantel hat ja eine Kapuze. Die zieht sie einfach über den Kopf. Jetzt kann’s losgehen. Hannah macht die Türe auf und schlüpft schnell raus.
Da bläst es ihr schon kalt entgegen. Hannah muss die Augen zusammenkneifen, damit sie überhaupt noch was sieht. Aber zum Lift ist es zum Glück ja nicht weit. Der Opa wohnt am Dorfrand in einem kleinen blauen Häuschen. Mit den Lebkuchen-Fensterläden und den roten Dachziegel. Grad sieht man aber gar kein rot sondern nur weiß, egal wo man hinschaut. Der Schnee hat alles zugeweht. Hannah muss ganz schön schwer ziehen. Der Schlitten ist nicht so leicht wie sie gedacht hat. Und der Wind bläst ganz schön unter ihre Kapuze. Die Backen sind auch schon rot vor Kälte.
Dann ist sie aber da. Steht vor dem kleinen Lift, wo die ganzen Kinder aus dem Dorf immer Schifahren gehen. Bloß heute ist kein einziges Kind unterwegs.
Sie muss schwer schnaufen und den Kopf nach unten halten, weil der Schnee ihr sonst in die Augen weht. So, jetzt ist sie endlich oben. Hannah muss erst mal Pause machen. Sie setzt sich auf den Schlitten. Die Häuser unten am Hang sehen aus wie kleine Schatten. Bloß das Hotel auf der anderen Seite vom Lift kann sie erkennen, es ist beleuchtet, darum kann man es überhaupt sehn.
So, genug ausgeruht. Runter geht’s im Sauseschritt. Auf dem Schlitten. Aber der will irgendwie nicht so recht. Hannah schiebt und schiebt mit den Füßen an. So hat sie sich das aber nicht vorgestellt. Brausen und Sausen wollte sie. So wie es sich halt gehört beim Schlittenfahren. Aber das ist kein Sausen und Brausen. Richtig lahm ist das! Jetzt muss Hannah wieder die Augen zusammenkneifen. Aber diesmal vor Wut. Damit ihr nicht die Tränen kommen.
Da hat sie sich vom Opa weggeschlichen, hinaus in diesen blöden Klebeschnee und jetzt will der Schlitten nicht. Der Schnee fliegt ihr schon vorne in den Halsausschnitt rein. Und die Zehen sind auch schon ganz starr und eisig kalt. Überhaupt ist ihr überall kalt, wenn sie es sich recht überlegt. Sie schiebt sich weiter den Berg runter, Stück für Stück und der Kloß im Hals wächst, Stück für Stück. Und der Opa macht sich bestimmt auch schon Sorgen, weil er sie nicht findet.
„Opa“ flüstert die Hannah, „ach Opa“ und die Tränen rollen schon, so weh ist’s der Hannah ums Herz. Doch plötzlich ist sie still. Sie hört was. Das klingt wie eine Stimme, aber eine die von weit her ruft. Aber von wo?
Hannah guckt und guckt und schaut und kneift die Augen zu. Da sieht sie eine Gestalt durch den Schnee auf sie zukommen. Zuerst klein und gebückt. Und dann immer größer. Ganz in weiß. Bis der Opa plötzlich vor ihr steht, mit viel Schnee auf seinem Hut. Und sie anguckt, so dass sie schlucken muss.
Dann aber lauft sie zum Opa und hält ihn ganz, ganz fest, das Gesicht an den grünen Lodenmantel gedrückt. „Ja Mädel, du bist wohl nicht ganz bei Sinnen, du Rotzgöre du. Den Popo sollt ich dir verhauen. Einfach wegzulaufen!“, schimpft der Opa los. Da ist’s um die Hannah geschehen. Die Tränen strömen nur so in Sturzbächen über Hannahs Gesichtchen. „Aber Opa“ schluchzt sie, „wo wir doch Schlittenfahren wollten“. Sie drückt ihr Gesicht wieder in Opas Bauch. „Na, na, na“ sagt der Opa, und das klingt schon etwas milder. „Dann komm mal mit, du Sturschädel, du!“
Und der Opa setzt die Hannah auf den Schlitten und schnappt sich die Leine.
„Zum Schlittenfahren ist der Schnee nix, das hab ich doch gesagt“ schnauft der Opa und zieht die Hannah langsam hinter sich her. Am Lifthäuschen vorbei. Das ist aber nicht der Weg nach Hause. Der Opa läuft zum Hotel rüber. Sie muss sich wundern.
Das Hotel ist ganz aus Holz. Und riesig. Opa und Hannah marschieren durch die Eingangstüre. Hanna reißt den Mund auf. Wie toll das hier aussieht. Der Boden glänzt und in der Halle steht ein riesengroßer Christbaum, der ganz hell leuchtet. Opa guckt sich kurz um und geht dann schnurstracks mit der Hannah an der Hand durch eine zweite Tür. „Zur Schlittengaudi“ kann Hannah auf dem großen Holzpfeil lesen, der sie durch die Türe schickt.
Hannas Augen werden noch größer. Da bleibt ihr glatt die Spucke weg. Was sieht sie denn da? „Mensch Opa“ flüstert Hannah. „Siehst Du das?“
„Ich mag zwar alt sein, aber blind bin ich noch lange nicht“ sagt der Opa und schiebt Hannah in den Raum hinein. Da sind lauter große Holzschlitten, an ebenfalls hölzernen Tischen. Hannah und Opa setzen sich auf zwei Schlitten an einen freien Tisch. „So“, sagt der Opa und macht ein ganz zufriedenes Gesicht. „Weiß du was? Jetzt fahren wir halt mal anders Schlitten. Und essen erst mal die besten Bratäpfel, die es gibt auf der Welt. Und dann gehen wir heim. Und wenn’s morgen nimmer schneit, dann machen wir einen richtigen Schlittenausflug, wir beide. Und das ist fest versprochen!“
 
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