Die Schriftstellerin

Stefano Zangrando
03.07.2019
 
Die Schriftstellerin
Alles hatte mit einem Buch begonnen, ihrem letzten Roman. „Lies es bitte“, hatte mich Pia, meine Nachbarin, gebeten, eine Freundin und Bewunderin der Schriftstellerin, die ich aber nie gesehen und von der ich noch nichts gelesen hatte; jedes Mal, wenn ich ein Bild von ihr in den Medien sah, schien sie mir zu schön, um auch talentiert zu sein. Eine chauvinistische Ansicht wahrscheinlich. Tatsache ist, dass diesmal auch Pia unsicher war, ratlos, und mich bat: „Lies es und sag mir, was du davon hältst.“
Es war eine ungewöhnliche Bitte. Pia hatte mir oft von der Schriftstellerin erzählt, doch bis zu diesem Tag hatte sie mich nie aufgefordert, etwas von ihr zu lesen. Ich hatte immer geglaubt, dass ihre Bewunderung für sie eine Art platonische Liebe widerspiegelt, eine unterdrückte Homosexualität, und dass sie sie deshalb für sich behielt. Und nun fragte sie mich, ihren Nachbarn, den Lehrer, um eine Meinung. Also ging ich in die Buchhandlung und besorgte mir den Roman.
Ich las ihn mit wachsender Verstörung. Es war zweifellos das Werk eines außergewöhnlichen Talents, einer echten Schriftstellerin, doch irgendwas in diesem Roman entging mir. Es ging um eine sexuelle Belästigung, doch da war kein moralisches Urteil über die Tat, sondern ein nüchterner Blick auf die Welt, die darüber urteilte. Und die für eine knapp dreißigjährige Autorin erstaunliche Fähigkeit, sich in reife, erfahrene Figuren hineinzuversetzen, von denen man nicht sagen konnte, ob sie nun zynisch oder authentisch waren. Doch irgendetwas entging mir noch immer. Es war ein Sich-Verweigern, ein Sich-dem-Verständnis-Entziehen. Der Widerschein eines Schattens. Ich wusste nicht, was ich Pia sagen sollte.

Ein paar Wochen später, gegen Ende Mai, klopfte Pia an meine Tür. Sie wusste, dass ich nach Schulende für einen Monat wegfahren würde, dass ich die Stadtwohnung verlassen und in die Berge ziehen würde, weit weg von allem.
Ihre Schriftstellerfreundin suchte eine Wohnung, weil sie zum Arbeiten in die Stadt ziehen wollte. „Sie erträgt die Riviera im Sommer nicht“, sagte Pia auf dem Treppenabsatz und fragte mich, ob ich meine Dreizimmerwohnung für ein paar Wochen der Schriftstellerin untervermieten könnte.
„Gern“, antwortete ich etwas zu eilig, „ich müsste mich nur mit ihr treffen, um ihr die Schlüssel zu geben.“ Ich kam gar nicht auf die Idee – mit Pia, die mir gegenüberstand –, dass ich die Schlüssel auch ihr hätte geben können. Pia musste etwas wittern und bot sich nicht als Vermittlerin an.

Wir setzten uns alle drei am ersten Augusttag am Tisch eines Restaurants in der Nähe der Wohnung zusammen. In den Tagen zuvor hatte ich der Schriftstellerin ein paar E-Mails geschickt und sie hatte stets lakonisch geantwortet, mit einer kontrollierten Interpunktion und Syntax, die keinen Platz für Emotionen ließen.
Doch die attraktive und etwas blasse junge Frau, die ich nun vor mir hatte und in deren Gegenwart ich mich bemühte, geistreich zu sein, war alles andere als eine Statue. Vielmehr verriet ihr Gesicht, diese schönen Züge unter der braunen Kurzhaarfrisur, ein Verlangen, das ständig drauf und dran war, auf Verteidigung umzuschalten, abweisend zu werden. Und doch, die Schriftstellerin lachte, sie lachte von Herzen, in einer Weise, die abgestimmt war auf ihre gesuchte Nonchalance.
Ich übergab ihr die Schlüssel und wünschte mir, sie würde meine Räume in Beschlag nehmen, sie durchdringen, und diese letzte Nacht schlief ich in Pias Wohnung. Am nächsten Morgen brach ich zeitig auf in die Berge.

Ich kehrte in die Stadt zurück, nachdem die Schriftstellerin bereits seit Tagen abgereist war. Pia übergab mir die Schlüssel und als ich die Wohnung betrat, nahm ich einen neuen Geruch wahr. Für einen Augenblick hoffte ich, es wäre der ihre, der Geruch der Schriftstellerin, doch es war nur ein anderes Reinigungsmittel als das übliche, das sie zum abschließenden Saubermachen benutzt hatte. Außer diesem süßlichen Aroma und einem Umschlag auf dem Küchentisch mit dem Betrag, den wir für die Miete vereinbart hatten, hatte sie keine Spuren hinterlassen.
Am selben Tag, es war der erste September, rief ich im Schulsekretariat an und ließ wissen, dass innerhalb eines Monats eine Begegnung mit der Autorin stattfinden würde. Dann schrieb ich an Letztere eine E-Mail, lud sie ein, ihr Buch meinen Studenten vorzustellen, schlug ihr vor, bei mir zu übernachten, stellte ihr ein lächerliches Honorar in Aussicht – mehr konnte mir das Sekretariat nicht zugestehen –, und hoffte, dass sie zusagen würde.
Die Schriftstellerin sagte zu.

Ich holte sie am frühen Nachmittag am Bahnhof ab. Sie trug die Haare noch kürzer als letztes Mal und ihre schwarze Unisex-Kleidung ließ sie noch schlanker aussehen.
Ich richtete ihr Grüße von Pia aus, die an diesem Tag Nachmittagsschicht hatte. Sie würde vielleicht nach dem Abendessen zu uns stoßen, sagte ich zu der Schriftstellerin und brachte sie direkt in die Schule.
Die Begegnung verlief recht gut: Die Schriftstellerin las, erzählte, erklärte, doch die Studenten taten sich schwer, sie zu verstehen. Eine Studentin flüsterte mir zu, für sie sei die Schriftstellerin „kompliziert“ gewesen, ein anderer, ein Repetent, bezeichnete sie als „eine Snob“ und eine meiner Kolleginnen hielt sie für „zu gekünstelt“.
Immerhin signierte die Schriftstellerin zum Schluss ein Exemplar ihres Romans für eine Kollegin, nicht für die, der sie nicht gefallen hatte, eine andere, eine Naturkundelehrerin, der noch ein Jahr bis zur Pensionierung fehlte.

Nach der Begegnung wollte die Schriftstellerin nicht in meine Wohnung gehen, um die Tasche mit ihren persönlichen Sachen abzustellen. Wir gingen direkt in eine Bar, nahmen einen Aperitif, dann begaben wir uns in eine Trattoria, ich lud sie zum Abendessen ein und wir tranken noch etwas. Als wir endlich in meiner Wohnung waren, holte ich eine Flasche Rum. Wir setzten uns an den Küchentisch und tranken. Pia ließ sich nicht blicken.
Wir redeten den ganzen Abend lang, bis in die Nacht hinein, zunehmend benebelt, und je mehr wir redeten, desto schwermütiger wurde ich. Ich war ein fast fünfzigjähriger, kahlköpfiger Lehrer, was zum Teufel hatte ich mir da in den Kopf gesetzt? Vor allem aber sprach die Schriftstellerin über nichts anderes als das Schreiben, die Schriftsteller, Herausgeber, Übersetzungen, Rezensionen, Preise. Ich bestärkte sie, gab mich interessiert an dem, was sie sagte, in Wirklichkeit aber war ich betört von ihrem Aussehen, von dieser Schönheit, der auch der schwerfällig machende Alkohol nichts anhaben konnte. Ich verzehrte mich fast vor Verlangen, ich spürte es, ich stellte ihr ein paar Fragen, konnte aber keinen Zugang zu einem persönlicheren Thema finden. Die Schriftstellerin blieb undurchdringlich. Sie blieb einfach nur eine Schriftstellerin.
Als ich ihr mein Doppelbett anbot und den Entschluss fasste, die Nacht auf der Couch zu verbringen, lehnte die Schriftstellerin ab. Sie sagte, es wäre ihr lieber, wenn sie auf der Couch schlafen könnte.

Am nächsten Tag erwachte ich früh, obwohl ich keinen Unterricht hatte. Ich machte mir Kaffee, setzte mich an den Küchentisch und schaltete den Laptop ein.
Die Schriftstellerin wachte eine Stunde später auf. Ich hörte, wie sich die Zimmertür öffnete, und kurz darauf huschte ihre Gestalt im Schlafanzug an mir vorbei. Wir grüßten uns, ich hob den Blick nur ein wenig, ich wollte nicht aufdringlich sein, er setzte sich an ihrer Körpermitte fest: auf der Höhe des Beckens, unter dem Saum des Unterhemdes, schmiegte sich die elastisch-weiche helle Baumwollhose eng an die Hüften und die flache Leiste. Danach, als sich die Schriftstellerin umdrehte, um sich Kaffee zu machen, an den makellosen Po und weiter an die schlanke Linie der Lenden.
Ich richtete den Blick wieder auf den Bildschirm. Kurz danach, sobald sich die Schriftstellerin zum ersten Bedürfnis des Tages ins Bad zurückzog, stieß ich einen Seufzer aus.
Da klopfte es an der Tür, und dann war auf dem Treppenabsatz Pias fröhliche Stimme zu hören.

Übersetzung: Werner Menapace
 
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